Gedenken

102 Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus

Aus den USA reist Rachel van Elkan nach Frankfurt, um an der Verlegung der Stolpernsteine für ihre Familie teilzunehmen. Ihr Vater floh 1939 – vier weitere Familienmitglieder wurden ermordet.

Rachel van Elkan ist für die Verlegung der neuen Stolpersteine nach Frankfurt gereist. Foto: Boris Roessler/dpa
Rachel van Elkan ist für die Verlegung der neuen Stolpersteine nach Frankfurt gereist.

Frankfurt (dpa/lhe) - Ein offenes Loch im Gehweg, dazu erklingt Musik und ein Banner trägt den Schriftzug: «Steine gegen das Vergessen». Davor steht Rachel van Elkan. Sie ist aus der US-Hauptstadt Washington angereist, um die Verlegung der neuen Stolpersteine für ihre Familie zu begleiten. 

«Es ist schön, eine greifbare Verbindung zu einer Stadt zu haben, in einem Land, in dem meine Familie eine so lange Geschichte hat», sagt van Elkan. Ihre Vorfahren seien aus Deutschland hierhergekommen und hätten viele Jahrhunderte hier gelebt. Rachels Urgroßmutter, Großmutter, Großvater und Tante wurden von den Nationalsozialisten ermordet. «Nur mein Vater hat es geschafft», erzählt die Rentnerin. Er sei nach Australien geflohen. 

Sie holt ein Familienfoto hervor und zeigt ihren Vater als jungen Mann. Auch meine sie ihre Tante in dem Foto zu erkennen, weshalb es etwa um 1937 entstanden sein müsse. «Mein Vater ist 1939 weggegangen, aber seine Schwester ist verstorben», sagt van Elkan. 

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Rachel van Elkan zeigt anlässlich der Stolperstein-Verlegung für ihren Vater Herbert ein altes Familienfoto auf ihrem Handy. Foto: Boris Roessler/dpa
Rachel van Elkan zeigt anlässlich der Stolperstein-Verlegung für ihren Vater Herbert ein altes Familienfoto auf ihrem Handy.

Es sei ein bewegender Moment, in Frankfurt zu sein, beschreibt die Rentnerin. Mit ihrem Vater habe sie über diese Zeit nie sprechen können. «Ich bin mir nicht wirklich sicher, wie er zu dem Ganzen stehen würde.» Für die drei Familienmitglieder, die spurlos verschwanden und kein Grab haben, sei die Idee der Stolpersteine besonders wertvoll.

Die Zeremonie berührt van Elkan vor allem wegen des Zusammenseins: «Nicht nur die individuelle Gedenkfeier für meine Familie, sondern auch das Zusammensein mit vielen anderen Familien, um gemeinsam zu gedenken und gleichzeitig zu feiern.» Gerade angesichts der jüngsten Entwicklungen hält sie es für wichtig, sich «gemeinsam dafür einzusetzen, die Erinnerung zu bewahren und nach vorne zu blicken, um zu verhindern, dass sich Fanatismus und Hass wiederholen».

Einer der fünf Stolpersteine ist für ihren Vater Herbert, der 1939 vor den Nazis von Frankfurt nach Australien geflohen war. Foto: Boris Roessler/dpa
Einer der fünf Stolpersteine ist für ihren Vater Herbert, der 1939 vor den Nazis von Frankfurt nach Australien geflohen war.

5 der 102 neuen Stolpersteine, die in Frankfurt verlegt werden, stehen für die Schicksale ihrer Familie und damit auch beispielhaft für das Leid der mehr als 30.000 jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter, die vertrieben oder ermordet wurden. Bis Ende Oktober werden die Stolpersteine in Frankfurt an 25 Adressen in neun Stadtteilen verlegt.

Nach Angaben der Initiative Stolpersteine sind mehr als 140 Nachfahren der Opfer zu den Zeremonien angereist, unter anderem aus den USA, Israel, Kanada, Südafrika, Puerto Rico, England, Frankreich, Spanien, Schweden, Finnland und Deutschland. Seit 2003 seien in Frankfurt mehr als 2.300 Stolpersteine verlegt worden, teilte die Initiative Stolpersteine mit. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Ein Stolperstein ist eine kleine, mit einer Messingplatte versehene Pflasterquader, die Namen sowie Geburts- und Todesdaten der NS-Opfer trägt und vor deren letztem frei gewähltem Wohnort ins Pflaster eingelassen wird. Die etwa zehn auf zehn Zentimeter großen und meist über Spenden finanzierten Gedenksteine sollen Passanten zum Innehalten und Nachdenken bringen. Der Künstler Gunter Demnig hatte die Aktion vor über 30 Jahren ins Leben gerufen.