Angeklagter berichtet von Folter wie im «Schichtbetrieb»
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Im Prozess gegen einen Arzt wegen Folter in syrischen Militärgefängnissen hat am Dienstag ein ehemaliger Gefangener ausgesagt. Der 47 Jahre alte Mann aus Homs schilderte vor dem Oberlandesgericht Frankfurt Misshandlungen, menschenunwürdige Haftbedingungen und miserable hygienische Bedingungen, die er erlebt habe, nachdem er im November 2011 von uniformierten und maskierten Männern zusammen mit seinem Cousin festgenommen worden war.
Konkrete Angaben zu dem Angeklagten aus eigenem Erleben machte der Mann, der in Syrien als Maler und Lackierer für eine Baufirma gearbeitet hatte, am ersten Tag seiner Zeugenvernehmung nicht. Dessen Namen hatte er aus Erzählungen anderer Häftlinge gehört.
Die Aussage gab jedoch einen Einblick in das Gefängnissystem, in dem die Gefangenen in regelrechten Schichten systematisch gefoltert worden seien. «Wir wurden täglich gefoltert von mittags bis etwas zwei Uhr nachts» sagte der Zeuge. «Jeder folterte die, für die er zuständig war.» Andere Mitarbeiter des Militärkrankenhauses, die durch die Korridore gingen, hätten die an Metallrohren aufgehängten Gefangenen aber willkürlich beschimpft, geschlagen und getreten, «selbst der, der den Kaffee holte».
Das Militärkrankenhaus sei in ein riesiges Gefängnis und einen «Schlachthof» verwandelt worden, so der Zeuge. Bei seiner Ankunft habe er im Hof aufgestapelte Leichen gesehen.
In dem Frankfurter Prozess muss sich ein 38 Jahre alter ehemaliger Militärarzt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Er bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Der Orthopäde hatte jahrelang in einer Klinik praktiziert, als er 2020 festgenommen wurde. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft.