Gedenken

Bildungsstätte: Antisemitismus in allen Milieus verbreitet

Eine Besucherin beleuchtet durch Knopfdruck ein Porträt der Anne Frank. Foto: Andreas Arnold/dpa/Archivbild
Eine Besucherin beleuchtet durch Knopfdruck ein Porträt der Anne Frank.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November und angesichts der aktuellen Lage im Land hat die Bildungsstätte Anne Frank einen entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus gefordert. Das Gedenken bekomme seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober eine noch tiefere Bedeutung, sagte Direktorin Deborah Schnabel am Mittwoch in Frankfurt. Deutschland erlebe eine beispiellose Welle antisemitischer Gewalt.

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«85 Jahre nach den Novemberpogromen von 1938 haben Jüdinnen und Juden erneut Angst, auf die Straße zu gehen, ihre Kinder zur Schule zu schicken oder sich in der Öffentlichkeit als Juden zu erkennen zu geben», sagte sie. «Auf Demonstrationen werden antisemitische Parolen gerufen, Häuser, in denen jüdische Menschen leben, mit dem Davidstern markiert - und weite Teile der Gesellschaft schauen schweigend zu.»

Der Kampf gegen Judenhass müsse entschlossen vorangetrieben werden, ohne ihn für populistischen Stimmenfang zu instrumentalisieren. Politiker würden es sich zu bequem machen, wenn sie den Antisemitismus jetzt ausschließlich bei Muslimen, Geflüchteten oder unter Linken verorteten, betonte Schnabel.

Selbstverständlich müssten islamistische Terrororganisationen in Deutschland konsequent verfolgt werden. Aber: Die Klage über einen angeblich «importieren Antisemitismus» nähre ein rassistisches Narrativ. Und: «Antisemitismus ist in allen gesellschaftlichen Milieus verbreitet.»

Ein Höhepunkt der Verbreitung finde derzeit im Netz statt, dazu gehöre auch die Instrumentalisierung der NS-Geschichte in Debatten über den Nahostkonflikt. «Israel wird mit NS-Deutschland gleichgesetzt, Netanjahu mit Hitler», sagte Eva Berendsen, die in der Bildungsstätte für den Bereich «Politische Bildung im Netz» zuständig ist. Besonders bedenklich sei die Videoplattform TikTok, wo der Nährboden für den Terrorismus von morgen bereitet werde.

Dass das Netz eine «Fake-News-Schleuder» sei, sei seit Corona und dem Angriffskrieg auf die Ukraine bekannt - «und das sehen wir jetzt ganz stark im Nahostkonflikt». Es brauche eine Bildungsoffensive, um dem Hass entgegenzutreten. Dazu gehörten etwa eine digitale Task Force und digitale Streetworkerinnen.

In der Pogromnacht 1938 zerstörten Nationalsozialisten zahlreiche jüdische Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland. Sie zündeten Synagogen und Gebetshäuser an, demolierten jüdische Friedhöfe und stürmten Wohnungen. Historiker gehen von mehr als 1300 Menschen aus, die bei den Pogromen ums Leben kamen. Etwa 30 000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt.

Angriffe gegen das Erinnern kommen nach Angaben des Bildungsstätte von allen Seiten: «Rechtsextreme fordern seit Jahren ein Ende des «Schuldkults», in linken Kreisen werden die Parolen «Free Gaza from German guilt» skandiert», hieß es. Eine Schlussstrichmentalität macht sich aber auch in weiten Teilen der Gesellschaft bemerkbar: Das hätten zuletzt die Überlegungen der Betreiber einer Kita in Sachsen-Anhalt gezeigt, den Titel Anne Frank abzulegen.