Epstein-Kontakte - Ex-Diplomat soll Bürgerpreis zurückgeben
Der Vorstand des Kasseler Bürgerpreises fordert einen Preisträger von 1994 auf, eine Auszeichnung zurückzugeben – wegen dessen Verbindungen zum Sexualstraftäter Epstein.
Kassel (dpa/lhe) - Mehr als 30 Jahre nach der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises «Glas der Vernunft» fordert die Gesellschaft der Freunde und Förderer einen der damaligen Preisträger zur Rückgabe der Auszeichnung auf. Hintergrund seien die bekanntgewordenen Verbindungen des ehemaligen norwegischen Diplomaten Terje Rød-Larsen zum US-amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, wie der Vorstand auf dem Webportal des Preises mitteilt. Rød-Larsen solle künftig darauf verzichten, sich als Träger des Preises zu bezeichnen. Zuerst hatte die Zeitung «Hessische/Niedersächsische Allgemeine» (HNA) darüber berichtet.
Der frühere Chef des Instituts für angewandte Sozialwissenschaften in Oslo war 1994 zusammen mit dem ehemaligen und zum Zeitpunkt der Verleihung bereits verstorbenen früheren norwegischen Außenminister Johan Jørgen Holst geehrt worden. Die beiden waren führende Mitglieder des norwegischen Vermittlungsteams bei den Friedensgesprächen zwischen Israelis und Palästinensern, die zum Oslo-Abkommen führten. Die Festrede hielt der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher.
Zahlreiche Dokumente zum Fall Epstein
Die im 2026 veröffentlichten Unterlagen zum Fall Epstein und die darin dokumentierten Verbindungen zu Rød-Larsen hätten eine Neubewertung der damaligen Würdigung nötig gemacht, erklärte der Vorstand. Es handele sich um eine ethische und institutionelle Bewertung, das Verhalten von Rød-Larsen werde ausdrücklich nicht strafrechtlich bewertet.
«Ein Preis, der „Das Glas der Vernunft“ heißt, kann nach seiner Überzeugung nicht allein für politische oder diplomatische Klugheit stehen», heißt es in der Mitteilung. «Vernunft setzt auch die Achtung der menschlichen Würde, der persönlichen Integrität und der Unversehrtheit anderer Menschen voraus.» Rød-Larsen werde die Gelegenheit gegeben, zu der Aufforderung Stellung zu nehmen.
Epstein starb 2019
Der US-amerikanische Finanzier Jeffrey Epstein war ein verurteilter Sexualstraftäter, der über Jahre systematisch Minderjährige missbraucht hatte; er beging 2019 nach offiziellen Angaben in seiner Gefängniszelle Suizid. Die Aufarbeitung läuft bis heute, das US-Justizministerium hat Millionen Dokumente zu dem Fall veröffentlicht.
«Das Glas der Vernunft» wurde 1990 von Kasseler Bürgern gestiftet. Geehrt werden Menschen, die sich um Aufklärung, Vernunft und Toleranz verdient gemacht haben. Zu den früheren Preisträgern gehören unter anderem der Whistleblower Edward Snowden und Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. 1994 war der Preis mit 20.000 DM dotiert gewesen - umgerechnet rund 10.200 Euro.