Verkehr

Experiment: Das Auto öfter mal stehen lassen

Wie gelingt der Umstieg vom Auto aufs Rad oder in den Zug? Teilnehmer eines Experiments berichten, was sie motiviert und welche Hürden sie im Alltag überwinden.

Ein Mobilitätsexperiment in der Wetterau zeigt Alternativen zum Auto im Alltag. Foto: Michael Bauer/DPA
Ein Mobilitätsexperiment in der Wetterau zeigt Alternativen zum Auto im Alltag.

Ortenberg (dpa/lhe) - Für Melanie Kostka aus Glauberg war das Auto lange die Lösung für fast alles. Arztbesuch, Einkauf, Sportverein oder der Weg zur Turnhalle mit der Tochter – ohne Pkw ging wenig. Daran hat sich zwar nicht alles geändert, aber vieles.

Seit einigen Wochen fährt sie die meisten Alltagsstrecken mit einem E-Bike statt mit dem Auto. «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, dass ich alle Wege bis auf die Fahrten zur Arbeit mit diesem Fahrrad zurücklege», sagt die 50-Jährige. 

Kostka gehört zu den rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Mobilitätsexperiments in Ortenberg, Glauburg und Ranstadt im Wetteraukreis. Mehrere Monate lang können sie kostenlos E-Bikes, Lastenräder oder das Deutschlandticket nutzen. Das Projekt des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und des Regionalverbands FrankfurtRheinMain soll zeigen, ob Menschen auch in ländlichen Regionen häufiger auf Alternativen zum Auto umsteigen.

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«Man muss den Autoschlüssel nicht abgeben»

Dabei geht es ausdrücklich nicht um einen kompletten Verzicht auf den Pkw. «Es geht um die Mobilitätsalternativen: Man muss nicht den Autoschlüssel abgeben, aber wir haben gezielt Autofahrende angesprochen, die sonst normalerweise sehr viel Auto fahren», erklärt Projektleiterin Jutta Deffner vom ISOE.

Gerade auf dem Land sei das eine Herausforderung. «Im ländlichen Raum ist im Vergleich zu urbaneren Regionen der öffentliche Nahverkehr nicht so dicht getaktet. Und hier in Ortenberg und Umgebung kommen natürlich noch die vielen Steigungen hinzu, die das Radfahren anstrengender macht», sagt Deffner.

Dass sich Gewohnheiten dennoch ändern können, erlebt Kostka gerade selbst. Für die 110 Kilometer lange Strecke vom Wohnort zum Arbeitsplatz ist sie nach eigenen Worten auf ihr Auto angewiesen. Aber für das Erledigen kleinerer Besorgungen und all die anderen Strecken, die sie sonst mit dem Pkw zurücklegte, will sie während des Experiments das elektrisch betriebene Fahrrad benutzen. Größere Einkäufe werden nun auf dem Heimweg von der Arbeit mit dem Auto verbunden.

«Mittlerweile macht es auch wirklich Spaß»

«Ich halte das eisern durch», sagt Kostka. «Ich brauche Ziele und Prinzipien, und das ist jetzt mein Projekt.» Und von ihrer Tochter bekam sie eine klare Ansage: Gefahren wird nur mit Helm. 

Anfangs habe sie Respekt vor dem E-Bike gehabt und Bedenken, dass sich das Gefährt einfach in Bewegung setze, wenn sie an irgendwelchen Hebeln ziehe. Doch es habe eine gute Einweisung gegeben und alles sei ruhig erklärt worden. Inzwischen ist aus der Sorge Begeisterung geworden. «Mittlerweile macht es auch wirklich Spaß.», berichtet die 50-Jährige. Sogar über die Anschaffung eines eigenen E-Bikes denkt sie nach, wenn das Experiment im Herbst endet.

Mit dem Deutschlandticket unterwegs

Andere Teilnehmer testen nicht das Fahrrad, sondern Bus und Bahn. Johann Langkamm aus Ortenberg nutzt das Deutschlandticket beruflich und privat. Für Kundentermine fährt er inzwischen nur noch mit dem Auto bis zum Bahnhof und steigt dort in den Zug um. «Das ist genau das, wofür das Deutschlandticket eigentlich gedacht ist», sagt er.

Vor allem in der Freizeit setzt seine Familie zunehmend auf öffentliche Verkehrsmittel. Statt wie früher mit dem Auto unternehmen die vier Mitglieder der Familie Langkamm, die alle an dem Projekt teilnehmen, Ausflüge inzwischen mit Bus und Bahn – etwa nach Fulda oder Bad Hersfeld.

«Das Deutschlandticket macht vieles leichter. Man braucht sich keine Gedanken über Tarife und den richtigen Fahrschein zu machen», berichtet der 50-Jährige. Auf ein E-Bike, wie es bei dem Projekt auch zur Verfügung gestellt wird, haben er und sein Sohn verzichtet. Sie benutzen lieber ihre herkömmlichen, mit Muskelkraft angetriebenen Räder. «Das ist sportlicher», sagt Langkamm.

Mobilität möglichst bequem, sicher, schnell und verlässlich

Für den Regionalverband sind solche Erfahrungen der eigentliche Erfolg des Projekts. «Ziel ist es, dass wir die Mobilität in der Region so gestalten, dass die Menschen möglichst bequem, möglichst sicher, möglichst direkt, möglichst schnell, möglichst verlässlich von A nach B kommen und dafür nicht zwingend ein eigenes Auto haben müssen», sagt Rouven Kötter, Erster Beigeordneter des Regionalverbands. «Dazu muss es Spaß machen und gut funktionieren.» Für seinen Verband sei es deshalb wichtig, einfach mal Sachen auszuprobieren und den dafür erforderlichen Mut aufzubringen.

Das Budget für den fünfmonatigen Versuch in der Wetterau liegt nach Angaben des Regionalverbands bei rund 25.000 Euro. Der Verband finanziert diese Ausgaben nicht selbst, hat aber die Fördermittel beim Bund besorgt. Vor Ort steht der Verein Dorfbeweger den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Rat und Tat zur Seite. 

Positive Erkenntnisse aus früheren Versuchen

Dass aus dem Ausprobieren dauerhafte Veränderungen entstehen können, zeigt ein ähnliches und bereits abgeschlossenes Mobilitätsexperiment in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Dort sind nach Angaben des ISOE rund zwei Drittel der Teilnehmer dauerhaft auf andere Verkehrsmittel umgestiegen. Einige hätten sich ein eigenes E-Bike gekauft, andere nutzten Bus und Bahn weiterhin regelmäßig.

Die Organisatoren hoffen nun, dass auch in der Wetterau aus einem zeitlich begrenzten Experiment neue Routinen entstehen. Für Menschen wie Melanie Kostka hat dieser Wandel bereits begonnen – mit einer einfachen Entscheidung: öfter aufs Fahrrad zu steigen und das Auto stehen zu lassen.