Gewerkschaften

Kritik an sinkender Tarifbindung in Hessen

Die Tarifverträge in Hessen wie auch in ganz Deutschland bröckeln. Immer weniger Menschen arbeiten zu den dort verhandelten Bedingungen. Die Gewerkschaften wollen den Trend stoppen.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Gewerkschaften haben die sinkende Tarifbindung in Hessen kritisiert und von Land und Kommunen wirksame Gegenmaßnahmen verlangt. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind in Hessen nur noch gut die Hälfte (51 Prozent) der Arbeitnehmer in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt, wie der Tarifexperte der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten, am Mittwoch in Frankfurt sagte. 1996 waren es noch 83 Prozent gewesen. Von den Betrieben sind sogar nur noch 21 Prozent an die mit Gewerkschaften geschlossenen Verträge zu Gehalt und Arbeistbedingungen gebunden.

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Kein gleichwertiger Ersatz sei es in seinen Augen, wenn Betriebe einseitig erklärten, sie würden sich freiwillig an Tarifverträgen orientieren, sagte Schulten. Sie zahlten kaum besser als Betriebe, die sich offen als nicht tarifgebunden bezeichnen. Laut der Studie arbeiten weitere 22 Prozent der hessischen Arbeitnehmer in Betrieben, die eine Tariforientierung behaupten.

«Wir beobachten seit rund 20 Jahren eine anschwellende Lohnungleichheit und eine zunehmende Spreizung der Einkommensverteilung, sagte Hessens DGB-Chef Michael Rudolph zu den Folgen. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe damit weiter auseinander.

«Die Tarifbindung muss wieder der Standard für Arbeitsbedingungen werden», verlangte Rudolph, der auf das EU-Ziel von 80 Prozent Tarifbindung verwies. Entgegen ihrer Ankündigungen habe es die schwarz-grüne Landesregierung Hessens versäumt, bei sämtlichen öffentlichen Aufträgen von den Vertragspartnern verbindlich zu verlangen, ihre Mitarbeiter zu tarifvertraglichen Bedingungen zu beschäftigen. Das führe weiterhin zu einem Dumpingwettbewerb, bei dem tariftreue Unternehmen letztlich die Dummen seien, weil sie nicht das günstigste Angebot abgeben könnten. In der Folge würde an Baustellen im Rhein-Main-Gebiet inzwischen schlechter gezahlt als in Thüringen.

Der Gewerkschafter kritisierte zudem die Arbeitgeberverbände, die verbreitet Mitglieder aufnehmen, die explizit nicht an Tarifverträge gebunden sein wollen. Diese «OT-Mitgliedschaften» (Ohne Tarif) müssten verboten werden, verlangte der DGB-Chef. Er sprach sich zudem dafür aus, mehr fertig ausgehandelte Tarifverträge für allgemein verbindlich zu erklären, so dass sie in den jeweiligen Gesamtbranchen gelten. Dies geschehe in Hessen nur in Ausnahmefällen wie beim Sicherheitsgewerbe oder im Friseurhandwerk.