Musik

Neue Töne, junge Leute - frischer Wind für Herzberg-Festival

Von Krautrock bis Sing along: Warum das Herzberg-Festival mehr als ein Nostalgie-Trip ist – und wie die Organisatoren für neuen Schwung sorgen wollen.

Gunther Lorz führte mehr als 20 Jahre die Geschäfte des Burg Herzberg Festivals und ist heute noch an der Organisation und dem Ticketverkauf beteiligt. Foto: Christine Schultze/dpa
Gunther Lorz führte mehr als 20 Jahre die Geschäfte des Burg Herzberg Festivals und ist heute noch an der Organisation und dem Ticketverkauf beteiligt.

Fulda/Breitenbach (dpa/lhe) - Love, Peace and Music - schon seit Jahrzehnten steht das Burg Herzberg Festival im osthessischen Breitenbach für diesen Dreiklang. Dass bis heute alljährlich an einem Sommerwochenende rund 10.000 Menschen zum größten und ältesten Freiluft-Hippie-Festival Europas in der osthessischen Gemeinde zusammenkommen können, daran hat Gunther Lorz großen Anteil.

Mehr als 20 Jahre hat der 58-Jährige die Geschäfte geführt, inzwischen arbeitet er als Teilhaber zusammen mit seinen Nachfolgern daran, dass der Herzberg fit für die Zukunft wird. Denn der Wind für Musikfestivals ist rauer geworden - und auch die Fans haben sich verändert, sagt er.

Viele Fragen an der Hotline

Ein Festival dieser Größe organisieren, das war lange Zeit ein Fulltime-Job für Lorz. Mittlerweile arbeitet er nur noch bis mittags in dem Büro in der Fuldaer Innenstadt, aber wer die Hotline anruft, hat noch immer gute Chancen, ihn ans Telefon zu bekommen. Kaum eine Frage zum Herzberg, die ihm im Laufe der Jahre noch nicht gestellt worden ist - wie etwa diese: «Gunther, kannst Du mal gucken, ob ich schon ein Ticket für dieses Jahr gekauft habe?» - offenbar vertraue man ihm mehr, als dem eigenen Bankkonto, sagt Lorz lachend. 

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Der Herzberg ist ein Festival für Generationen - und wirbt auch um das junge Publikum. Foto: Andreas Arnold/dpa
Der Herzberg ist ein Festival für Generationen - und wirbt auch um das junge Publikum.

Die Hotline-Anrufe zeigen ihm auch, dass junge Menschen heute mit anderen Ansprüchen zu so einem Festival kommen, als er es von der eher unkomplizierten Fangemeinde früherer Jahre gewohnt ist. So geht es etwa um Themen rund um die Infrastruktur in der «Freak City», dem Campinggelände des Festivals. «Neue Besucher-Generationen bieten uns auch immer die Chance, neue Anregungen und Herausforderungen zu meistern», sagt Lorz. 

Ein Festival für Generationen 

Denn klar ist: Junges Publikum ist wichtig für den Herzberg, der gerade davon lebt, ein Festival für Generationen zu sein. Noch immer könne man Gäste begrüßen, die schon 1968 bei der allerersten Auflage dabei waren und jetzt teils schon mit ihren Urenkeln einen Abstecher hierher machen. Aber es werden weniger, und auch für die Generation der Baby-Boomer, die über Jahrzehnte stabil das Stammpublikum stellte, gehören Musikfestivals nicht mehr zwingend zur Freizeitgestaltung. «Der Kuchen ist kleiner geworden», umschreibt es Lorz. 

Hinzu komme das Wetter als immer schwerer kalkulierbarer Faktor. Von Dauerregen und Sturm bis zur Hitze gab es schon alles auf dem «Berg». Für die diesjährige 35. Auflage nach der Wiederbelebung des Festivals im Jahr 1991, die vom 30. Juli bis zum 2. August über die Bühne geht, wünscht sich Lorz angenehme Temperaturen von knapp unter 30 Grad - und auch gegen einen kleinen Schauer zwischendurch sei nichts einzuwenden. 

Viele Musikveranstaltungen haben zu kämpfen 

Aber auch wenn das Wetter mitspielen sollte - ein ausverkaufter Herzberg sei keine Selbstverständlichkeit mehr, sagt Lorz - und das trotz stark gestiegener Aufwendungen vor allem für Techniker, Infrastruktur und Gagen. 

Rund 1.800 Musikfestivals werden laut einer Studie der Initiative Musik in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung LiveKultur und dem Deutschen Musikinformationszentrum regelmäßig in Deutschland veranstaltet. Hessenweit sind es Schätzungen zufolge über 100 Festivals, mehr als 30 davon listet das regionale Netzwerk Clubs am Main auf der Homepage «Festivalkalender Hessen» auf. Vor allem kleine und mittlere Veranstaltungen haben seit Jahren mit stockenden Ticketverkäufen bei gleichzeitiger Kostenexplosion zu kämpfen. 

Alte Bekannte und neue Töne 

In Fulda kümmert sich mittlerweile ein Team aus drei jüngeren Leuten um die Herzberg-Geschäfte und spricht dabei gezielt auch junge Menschen über Social-Media-Kanäle wie Instagram & Co. an. Er selbst müsse sich da nicht mehr zeigen, sagt Lorz. «Also die jungen Leute wischen ja schneller weg, wenn sie so ein Gesicht wie mich sehen.»

Das Büro in Fulda ist ein Fundus für Plakate, Flyer und Fotos aus der langen Geschichte des Festivals. Schon 1992 waren die Krautrock-Legenden Guru Guru dabei, die auch dieses Mal wieder auf der Bühne stehen werden. Foto: Christine Schultze/dpa
Das Büro in Fulda ist ein Fundus für Plakate, Flyer und Fotos aus der langen Geschichte des Festivals. Schon 1992 waren die Krautrock-Legenden Guru Guru dabei, die auch dieses Mal wieder auf der Bühne stehen werden.

Generationsübergreifend ist auch das Line-Up: Auch in diesem Jahr kann das Publikum Herzberg-Urgesteine wie die Krautrock-Band Guru Guru mit ihrem bereits 85-jährigen Frontmann Mani Neumeier («Gestatten, hier spricht der Elektrolurch») erleben. Headliner sind die australische Rockband Wolfmother, der Bluesrocker Walter Trout und die 2010 gegründete Berliner Stoner- und Psychedelic-Rockband Kadavar. 

Insgesamt werden rund 200 Künstler unterschiedlicher Musikrichtungen auf den fünf Bühnen zu sehen sein - darunter sicher manche Neuentdeckung für die Besucher. Der Herzberg ist für seinen schillernden Genre-Mix von Rock bis Jazz, von Weltmusik bis Electro berühmt. 

Awareness-Team für ein gutes Miteinander 

Vielfalt statt Einerlei und Hippie-Klischees, das macht für Gunther Lorz den Herzberg und seine Besucher insgesamt aus - auch er selbst sei eher «Freigeist» als Hippie. Das Festival sieht er als eine Art Spielwiese der Selbstentfaltung, auf der jeder tun und lassen könne, was er mag - in den Grenzen eines friedlichen Miteinanders natürlich. Darauf, dass alles sicher und respektvoll abläuft, achtet seit einiger Zeit auch ein Awareness-Team - eine echte Errungenschaft, die man vor allem Hinweisen jüngerer Besucher verdankt, wie Lorz sagt. 

Auch neue musikalische Impulse wollen die Organisatoren setzen: In diesem Jahr etwa soll der erste «Herzberg-Sing-Along» mit Julia van Embers & The Mountain Voices den Trend zum gemeinschaftlichen Singen aufgreifen. Lorz kann sich für die Zukunft auch mehr DJ-Sets statt nur einzelner Konzerte auf dem Festival vorstellen. «Ich habe den Verdacht, dass die jungen Leute nicht mehr so alle sieben Minuten klatschen müssen», sagt der 58-Jährige, der selbst in einer Metal-Band spielte und schon auf dem Kult-Festival Wacken aufgetreten ist. «Die haben ihr Gemeinschaftserlebnis auch, wenn ein DJ auflegt und sie da abtanzen.»