Geldautomaten-Sprengungen

Minister: Technik gegen Sprenger könnte Pflicht werden

Mit Sprengstoff an Geldautomaten gefährden Kriminelle auch Leib und Leben von Menschen. Hessen macht verstärkt Front gegen die Täter mit ihren oft hochmotorisierten Maschinen. Das Thema könnte bald alle Innenminister in Deutschland beschäftigen.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU). Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU).

Wiesbaden (dpa/lhe) - Angesichts der gestiegenen Zahl gefährlicher Sprengattacken gegen Geldautomaten könnte laut Hessens Innenminister Peter Beuth künftig mehr technischer Schutz bundesweit vorgeschrieben werden. «Es zeichnet sich nun auch in Deutschland ab, dass bei der nächsten Innenministerkonferenz (Mitte Juni) allseits für eine Verpflichtung der Banken zum Einbau von entsprechender Schutztechnik votiert wird», erklärte der CDU-Politiker am Mittwoch in Wiesbaden.

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In Hessen werde ein deutsch-englischer Hinweisaufkleber eingeführt, «der von der Polizei an jenen Automaten angebracht wird, die bereits über neue Sicherheitstechnik verfügen. Der Aufkleber signalisiert den Sprengern, dass hier kein Geld zu holen ist und ihnen eine Sprengung nichts einbringt», ergänzte Beuth. Hessens Polizei kämpft gegen diese Kriminalität - mit offenen und verdeckten Maßnahmen.

Letztlich werde der «Bankraub 2.0» nur beendet werden können, wenn die Täter mit ihren verheerenden Sprengungen nicht mehr an nutzbares Bargeld gelangten. «In den Niederlanden hat die flächendeckende Einführung von entsprechenden Schutztechniken in den Geldautomaten das Phänomen gänzlich verdrängt», erläuterte Hessens Innenminister. In diesem Nachbarstaat gibt es allerdings auch tendenziell weniger Geldautomaten mit zudem weniger Bargeld. Längst soll auch in Hessen technisch gegen diese Kriminalität aufgerüstet werden. Inzwischen kommen oft Täter aus den Niederlanden mit hochmotorisierten Autos hierher.

«In Deutschland vergeht derzeit leider kaum eine Woche, in der nicht ein Geldautomat gesprengt wird. Skrupellose Geldautomatensprenger jagen seit Monaten durch die Bundesrepublik und hinterlassen eine Spur der Verwüstung», erklärte Beuth. Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte im vergangenen Jahr 494 solcher Explosionen - nach 392 im Jahr 2021. In Hessen gab es in diesem Jahr schon 23 Fälle. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 13 gewesen.

Beuth sagte, es sei nur Glück, dass es bei Sprengattacken in Hessen noch keine Schwerverletzten «oder Schlimmeres» gegeben habe. Bei einem Fall in Offenbach war ein Mann kürzlich leicht verletzt worden - hier wird auch wegen mutmaßlichen versuchten Mordes ermittelt. Oft gibt es über lokalen Geldinstituten Wohnungen. Michael Baumann, Vorstandsmitglied der Nassauischen Sparkasse, sagte, eine ihrer Filialen sei dreimal hintereinander attackiert worden: «Da hat uns der Mieter gekündigt.»

Laut Beuth ist vor einem Jahr eine «Allianz Geldautomaten» als Schulterschluss von Polizei und Banken in Hessen gegründet worden. Diese «bundesweit vorbildgebende Initiative» setze auf Schutztechnik wie etwa die Verfärbung oder Verklebung von Geldscheinen, Vernebelung von verschlossenen Bankfoyers bei nächtlichen Einbruchsversuchen, Videokameras, Alarmsystemen, Hebelschutz an Automaten sowie Lautsprechern vor Ort zur «Täteransprache». Die 56 kooperierenden Banken haben dem Innenminister zufolge bislang fast sechs Millionen Euro in Präventionsmaßnahmen investiert. Für ihre Geldautomaten bietet das LKA eine Risikoanalyse bis hin zu Testsprengungen mit Spezialisten sowie Beratungen für Einzellösungen an.

Bereits vor vier Jahren war laut Innenministerium im Landeskriminalamt (LKA) eine eigene Ermittlungsgruppe für diese Kriminalität geschaffen worden. Im Mai 2022 wurde sie zur «Besonderen Aufbauorganisation effectus» mit sieben «Regionalabschnitten» in den hessischen Polizeipräsidien erweitert. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Geldautomatensprengungen laufen in Hessen zentral bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Das soll das Know-how bündeln und fördern. Dem Innenministerium zufolge sind bislang landesweit mehr als 50 Tatverdächtige ermittelt worden. Über 20 Täter seien rechtskräftig verurteilt worden.