Gastronomie

Praktisch oder nervig? Trinkgeld wählen beim Kartenlesegerät

Digitale Trinkgeld-Optionen: In Hessens Cafés tippen Gäste inzwischen oft auf einen festen Prozentsatz bei Kartenlesegeräten. Doch nicht jeder ist begeistert. Wie profitieren Bedienung und Finanzamt?

Emilia Bieber vom "Art Café" in Assmannshausen bietet Gästen für Zahlungen von Trinkgeld verschiedene Optionen auf dem Display ihres Kartenlesegerätes an. Foto: Jens Albes/dpa
Emilia Bieber vom "Art Café" in Assmannshausen bietet Gästen für Zahlungen von Trinkgeld verschiedene Optionen auf dem Display ihres Kartenlesegerätes an.

Assmannshausen/Rüdesheim (dpa/lhe) - Andere Länder, andere Sitten. «Die Amerikaner geben meist 20 Prozent Trinkgeld bei meinem Kartenlesegerät. Bei den Deutschen sind es oft 10 Prozent», erklärt Emilia Bieber. «Manche sagen auch "Das ist unverschämt" mit den vorgeschlagenen 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld», ergänzt die Inhaberin des «Art Cafés» in Assmannshausen im Rheingau. Dabei bietet sie auch die Option «Kein Trinkgeld». Solche Vorschläge zeigen inzwischen viele Lesegeräte bei der Zahlung in Hessens Gaststätten. Welche Auswirkungen hat das auf das Trinkgeld? Was sagt das Finanzamt?

Bundesweit hat bei einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur mehr als die Hälfte der Befragten angegeben, solche digitalen Auswahlfelder für Trinkgeld «schlecht» oder «eher schlecht» zu finden. Knapp ein Drittel hält sie für «gut» oder «eher gut». Mehr als ein Fünftel gibt inzwischen weniger Trinkgeld. Für die Umfrage waren im Dezember 2025 bundesweit 2.060 Bürgerinnen und Bürger befragt worden.

«Kommt mein Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an?»

In Hessen vermutet Kai Eifler von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Darmstadt: «Viele Gäste fragen sich bei den Kartenlesegeräten vielleicht: "Kommt mein Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an oder steckt es sich das Unternehmen ein?"» Eifler vermutet, dass die digitalen Vorschläge daher die Hemmschwelle für Trinkgeld steigern.

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Während Corona hat Umfragen zufolge das kontaktlose und als hygienisch geltende Zahlen zugenommen - auch in Restaurants und Cafés. Heute hat NGG-Gewerkschaftssekretär Eifler jedoch zumindest subjektiv den Eindruck, «dass viele in der Gastronomie wieder zu Zahlungen mit Bargeld zurückgekehrt sind». Ein Eiscafé in Eltville im Rheingau etwa hält nach eigenen Angaben nichts von Kartenlesegeräten mit fordernd wirkenden Trinkgeldoptionen. 

Digitale Trinkgeld-Zahlungen in der Drosselgasse

Emilia Bieber, die neben ihrem «Art Café» in Assmannshausen auch ein gleichnamiges Café in der bei Touristen berühmten Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein betreibt, zeigt sich dagegen damit zufrieden: Grob geschätzt bekomme sie zehn Prozent mehr Trinkgeld, seitdem sie vor wenigen Jahren ihre Geräte mit der digitalen Auswahl dafür angeschafft habe.

Das "Art Café" in Assmannshausen befindet sich in einem historischen Fachwerkhaus. Foto: Jens Albes/dpa
Das "Art Café" in Assmannshausen befindet sich in einem historischen Fachwerkhaus.

Diese bieten mit der Option «Trinkgeld manuell eingeben» auch die Möglichkeit, selbst statt einer Prozentzahl eine individuelle Geldsumme zu wählen. «Mit den Prozentsätzen aber finden es viele bequem, dann müssen sie nicht rechnen», sagt Bieber. «Manche fühlen sich überfordert, dann helfe ich gerne. Und wenn einer nichts geben will, bin ich auch nicht böse.» 

Bei der häufigen Wahl «20 Prozent» von US-Touristen wiederum profitiere sie davon, dass in deren Heimat in der Gastronomie generell höhere Trinkgelder niedrige Löhne ausgleichen sollten, erklärt Bieber, die ihre beiden «Art Cafés» mit Werken ihres Künstler-Lebenspartners Uwe Hellenbrandt dekoriert hat. 

Trinkgeld als Argument in Lohnverhandlungen?

Gewerkschaftssekretär Eifler sagt, auch hierzulande komme es in der Gastrobranche vor, dass Arbeitgeber «als probates Mittel» in Lohn- und Gehaltsverhandlungen auf das Trinkgeld verwiesen, um ihre Bezahlung zu drücken.

Mit Blick auf die Wirtschaftsflaute vermutet Eifler, «dass die Höhe des Trinkgeldes eher rückläufig ist». Die Faustregel, bei Zufriedenheit mit dem Service die Rechnungssumme um zehn Prozent zu erhöhen, werde heute wohl oft unterboten.

Wie bewerten Finanzämter Trinkgeld?

Und was sagen Finanzämter zu bar und digital gezahltem Trinkgeld in Gaststätten? Sie haben die Branche generell im Blick - vereinzelt macht hier Schwarzgeld Schlagzeilen. Die Gastronomie gilt laut Experten als «bargeldintensiv»: Einnahmen ließen sich relativ leicht vor dem Fiskus verstecken - was aber natürlich keinen Generalverdacht rechtfertigt.

Generell können für die Einnahmen von Gastronomen verschiedene Arten von Steuern anfallen. Und für das Trinkgeld? 

Trinkgeld für angestellte Kellner ist steuerfrei

Wenn Gäste freiwillig und ohne Rechtsanspruch der Bedienung eine zusätzliche finanzielle Anerkennung zukommen lassen wollen, ist diese steuerfrei, wie die Oberfinanzdirektion (OFD) Frankfurt am Main erläutert. Eine Höchstgrenze dafür gibt es nicht. Und ob Gäste Trinkgeld bar oder digital zahlen, ist egal. 

Gaspronomen können bei ihren Kartenlesegeräten meist die vorgeschlagenen Trinkgeld-Prozentsätze nach eigenem Belieben ändern. (Symbolbild) Foto: Gregor Tholl/dpa
Gaspronomen können bei ihren Kartenlesegeräten meist die vorgeschlagenen Trinkgeld-Prozentsätze nach eigenem Belieben ändern. (Symbolbild)

Eine Ausnahme bilden laut der OFD Pflicht-Bedienzuschläge: Hat eine Kellnerin oder ein Kellner einen etwa im Arbeitsvertrag geregelten Rechtsanspruch auf solche zusätzlichen Zahlungen, sind diese steuerpflichtig. 

«Dass das Trinkgeld auf sein Wohl vertrunken wird»

Auch bei selbstständigen Gastronomen, also Unternehmern, gilt der OFD zufolge die Steuerfreiheit beim Trinkgeld nicht. Dieses erhöht vielmehr seine Betriebseinnahmen und muss in die Berechnung der Umsatzsteuer einbezogen werden. 

Laut dem Deutschen Knigge-Rat mit Sitz im nordhessischen Frielendorf ist der Ausdruck «Trinkgeld» schon im späten Mittelalter aufgetaucht. Die ursprüngliche Absicht eines Spenders bei der Anerkennung einer Dienstleistung sei gewesen, «dass das Trinkgeld auf sein Wohl vertrunken wird».