Kriminalität

Schusswaffen-Delikte nehmen zu - wie die Polizei reagiert

Weniger Straftaten - aber mehr Schusswaffen-Kriminalität: In mehreren Städten Hessens fielen zuletzt Schüsse, durch die teils auch Menschen getroffen wurden. Wie steht es um die Sicherheit im Land?

Die Zahl der Straftaten mit Schusswaffen ist in Hessen erneut gestiegen. (Symbolbild) Foto: Friso Gentsch/dpa
Die Zahl der Straftaten mit Schusswaffen ist in Hessen erneut gestiegen. (Symbolbild)

Gießen/Kassel/Frankfurt/Wiesbaden (dpa/lhe) - Schüsse auf einem Platz in der Innenstadt, in einem Wettbüro, in einem Lokal - eine ganze Reihe solcher Taten hat in hessischen Städten in den vergangenen Monaten für Aufsehen und Verunsicherung gesorgt. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) zeigt sich besorgt. Ändert sich das Kriminalitätsgeschehen im Bundesland? 

Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) könnte dafür sprechen: Während hessenweit insgesamt weniger Straftaten im vergangenen Jahr registriert wurden, gab es einen weiteren spürbaren Anstieg bei Straftaten mit Schusswaffen: In insgesamt 878 Fällen wurde im vergangenen Jahr mit einer Schusswaffe gedroht oder geschossen, nach zusammen 669 Fällen im Vorjahr - und bereits das war seinerzeit die höchste Fallzahl innerhalb von zehn Jahren. Wichtig dabei zu beachten: Nicht immer handelte es sich um «scharfe Waffen» - denn als «Schusswaffen» laut PKS gelten sowohl erlaubnisfreie als auch erlaubnispflichtige Schusswaffen - also auch Schreckschuss-, Reizstoff- oder Soft-Air-Waffen.

«Ungewöhnliche Häufung» in Gießen

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Neben einer Tat in Raunheim, bei der Mitte März in einem Lokal zwei Menschen erschossen wurden, war vor allem Gießen in den vergangenen Monaten mehrfach durch mit Schusswaffen verübte Taten in die Schlagzeilen geraten. Nach Schüssen in einem Wettbüro am zentralen Marktplatz in der Gießener Innenstadt, durch die im Oktober vergangenen Jahres drei Menschen verletzt wurden, folgten Schüsse auf ein Lokal im Stadtteil Wieseck sowie auf ein Café im April und zuletzt erneut Schüsse - diesmal am Lindenplatz in der Innenstadt. Hierbei trugen zwei Menschen schwere Verletzungen davon. 

Vier solche Delikte seit Oktober - das ist für Gießen eine «ungewöhnliche Häufung», die auch Hessens Innenminister Roman Poseck und Polizeipräsident Torsten Krückemeier beunruhigen. «Auch wenn Kriminalität in Gießen insgesamt rückläufig ist, nehme ich die schwerwiegenden Taten der letzten Wochen sehr ernst», erklärt der Minister. «Es ist mehr als verständlich, dass diese Taten, auch wenn sie möglicherweise keinen Zusammenhang aufweisen, das Sicherheitsgefühl der Menschen beeinträchtigen.» 

Mehr Kontrollen und akribische Ermittlungen

Ähnlich äußert sich auch der Polizeipräsident. «Deshalb haben wir unsere Präsenz und die Kontrollen in der Innenstadt nochmals verstärkt. Parallel dazu laufen intensive Ermittlungen im Hintergrund, um etwaige Strukturen aufzudecken und Folgetaten möglichst zu verhindern», so Krückemeier. «Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen: Gießen ist und bleibt eine Stadt, in der man sicher leben und in der man sich auch aufhalten kann.» 

Die Ermittler arbeiten derweil intensiv an der Aufklärung der Hintergründe. Man prüfe auch intensiv, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten gab - bis dato habe sich ein solcher noch nicht herstellen lassen, erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen. Im «Fall Lindenplatz» seien drei Pistolen sichergestellt worden, die derzeit beim HLKA kriminaltechnisch untersucht würden. «Gegebenenfalls können hierdurch Tatzusammenhänge belegt oder ausgeschlossen werden.» Der Sprecher hob auch hervor, dass Polizei und Staatsanwaltschaft auf «derartige Gewaltexzesse» schnell und konsequent reagierten. «Täter haben in diesen Fällen mit hohen Freiheitsstrafen bis hin zu lebenslanger Haft zu rechnen!»

Mit der Gründung einer «Besonderen Aufbauorganisation» hatte die Polizei zudem ihre Kontrollen und ihre Präsenz in der mittelhessischen Stadt zuletzt verstärkt. Dabei haben die Beamten laut Mitteilung «Personen und Personengruppen» im Blick, die das Sicherheitsempfinden beeinträchtigen. Nach Kontrollen von 7. bis 11. Mai mit rund 130 beteiligten Einsatzkräften seien bereits weitere Kontrollen in Planung.

Mehr Schusswaffen-Vorfälle auch in anderen Städten

Wie sieht es in anderen hessischen Städten aus? Ein Vergleich der Großstädte Frankfurt, Kassel, Wiesbaden und Darmstadt zeigt große Unterschiede. Mit 227 Fällen wurden 2025 in Frankfurt mit Abstand die meisten Straftaten mit Schusswaffen gezählt - bei knapp der Hälfte (109 Fälle) handelte es sich um Drohungen, in den übrigen Fällen wurde auch geschossen - auch hierbei sind sowohl erlaubnispflichtige als auch -freie Schusswaffen einbezogen. Weit dahinter folgten Wiesbaden (insgesamt 49 Fälle), Kassel (45) und Darmstadt (9).

«Positive Zwischenbilanz» der Innenstadtoffensive 

Das Landeskriminalamt verwies auf die im Februar 2024 gestartete Innenstadtoffensive, mit der die Sicherheit in 14 hessischen Städten verbessert werden solle. «Hierzu liegt eine positive Zwischenbilanz vor, belegt unter anderem durch die sinkenden Fallzahlen bei der Straßenkriminalität, die gesteigerten Aufklärungsquoten und den Rückgang der Straftaten in den Innenstädten», so das HLKA. Daher werde das Sicherheitsprogramm «mit hoher Intensität fortgeführt».

Städtische Ordnungshüter und Polizei arbeiten Hand in Hand

Neben der Polizei sind auch die Städte selbst bei der Frage der Sicherheit gefordert. Eine Stadtsprecherin in Gießen wies auf die Zusammenarbeit städtischer Ordnungshüter mit der Polizei und eine gemeinsame Bestreifung der Innenstadt hin. Außerdem sorge man mit Veranstaltungen für Leben in der Stadt und wolle die Videoüberwachung ausbauen. Dies in Kombination mit den beiden Waffenverbotszonen seien «die Mittel der Wahl, um die Stadt sicher zu bekommen», so die Sprecherin.