Kindergärten

Erzieherinnen aus dem Ausland gegen Fachkräftemangel

In den Kitas fehlt Personal. Um Lücken zu schließen, sehen sich die Arbeitgeber auch im Ausland um. Die bisherigen Erfahrungen seien sehr gut, schildern beispielhaft die Städte Hanau und Bad Homburg.

Theresa Ndale (l) und Indileni Munghono aus Namibia sind diplomierte Erzieherinnen. Foto: Helmut Fricke/dpa
Theresa Ndale (l) und Indileni Munghono aus Namibia sind diplomierte Erzieherinnen.

Hanau/Bad Homburg (dpa/lhe) - Der Fachkräftemangel in den Kitas lässt die Kommunen in Hessen in einem immer größer werdenden Umkreis nach Personal suchen, inzwischen auch in Übersee. In Bad Homburg im Taunus arbeiten nun die ersten Kräfte aus Namibia, Hanau hat kürzlich sechs Erzieherinnen aus Kolumbien in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen. Damit ihre berufliche Qualifikation in Hessen anerkannt werden konnten, mussten die begehrten Fachkräfte einen einjährigen Anpassungslehrgang in einer Kita absolvieren und ihre Fähigkeiten nachweisen.

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Die Kolumbianerinnen im Alter zwischen 24 und 31 Jahren haben nach Angaben von Bürgermeister Maximilian Bieri (SPD) alle einen Abschluss, der einem Bachelor-Grad entspricht, und vor ihrer Tätigkeit in Deutschland ein halbes Jahr lang Sprachunterricht erhalten. «Es ist das erste Mal, dass wir diesen Weg gegangen sind», sagte Bieri. Aktuell absolvierten zudem zwei kolumbianische und eine brasilianische Erzieherin in Hanauer Kitas ihr Anerkennungsjahr. Die Stadt kümmert sich um Wohnungen für die zugereisten Fachkräfte.

Kinder und Eltern hätten begeistert auf die neuen Erzieherinnen reagiert, berichtete die Leiterin des Eigenbetriebs Kindertagesbetreuung, Astrid Weiermann. Den Eltern sei der Fachkräftemangel in diesem Bereich bewusst. «Sie freuen sich über jede Hand und jedes Herz mehr, die in der Kita helfen.»

Die neuen Erzieherinnen hätten eine sehr offene und zugängliche Art. Das komme bei den Eltern gut an, erzählte Weiermann. Und auch die Kolumbianerinnen fühlten sich in der Brüder-Grimm-Stadt sehr wohl. «Deswegen bleiben sie auch alle», fügte Bieri hinzu. Die Rekrutierung von Erzieherinnen im Ausland könne aber nur einer von vielen Bausteinen sein. «Entscheidend ist auch, dass wir hier vor Ort ausbilden», betonte der Bürgermeister.

Etwa 100 Auszubildende gibt es laut Bieri derzeit in diesem Bereich in Hanau. Die Stadt würde die Fachkräfte nach dem Ende der Ausbildung gerne übernehmen. Aktuell könnten rund 50 Kita-Stellen wegen Personalmangels nicht besetzt werden. Auch auf Facebook und Instagram wirbt die Stadt um neues Kita-Personal. Dort werden laut Weiermann auch kleine Filme gezeigt, die Einblick in den Kita-Alltag geben. Am meisten geklickt würden diese Videos im heimischen Main-Kinzig-Kreis - und im fernen Kolumbien.

Fachkräftemarkt in Deutschland leer gefegt

«Der Fachkräftemarkt ist deutschlandweit leer gefegt», sagte Eva Jethon, Fachbereichsleitung Städtische Kindertagesstätten in Bad Homburg im Taunus. Noch vor der Corona-Pandemie habe die Stadt deshalb angefangen, sich auch international umzusehen. Rund 360 Fachkräfte arbeiten in 17 städtischen Einrichtungen, darunter nun auch Erzieherinnen aus Spanien, Lateinamerika und seit diesem Jahr aus Namibia.

Die Stadt versuche auch im Inland, Erzieher und Erzieherinnen anzuwerben, bilde selbst aus und sei auf allen entsprechenden Messen präsent. Doch die Konkurrenz unter den Kommunen sei hoch, ebenso die Fluktuation, sagte Jethon. 24 ausländische Fachkräfte hätten seit 2020 in Bad Homburg angefangen, 21 davon seien bis heute für die Stadt tätig. Dabei gehe es nicht nur um das Stopfen von Löchern, sondern die aus dem Ausland stammenden Mitarbeiterinnen brächten viele Ressourcen mit, darunter Begeisterung, Motivation und fundierte Fachkenntnisse.

Die Kommune arbeitet beim Anwerben mit zwei Agenturen zusammen und trägt die Kosten für deren Dienste. Eine davon ist Talent Orange, die auch im Bereich der Gesundheitsberufe tätig ist und Fachkräfte aus 19 Ländern vermittelt. Die Agentur hat nach Angaben des Hanauer Bürgermeisters Bieri gute Kontakte zu den staatlichen Unis in Kolumbien. Mit den Kandidatinnen würden dann Einzelgespräche geführt, um ihre Eignung zu testen, bevor es nach Deutschland gehe.

Agentur übernimmt alle Formalitäten

Die Kita-Kräfte studieren in ihrem Heimatland bis zum Abschluss und lernen dort anschließend Deutsch bis zum Niveau B2. Dies soll sicherstellen, dass die Sprache so spontan und fließend beherrscht wird, dass ein Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung gut möglich ist.

Parallel kümmert sich die Agentur um die Anerkennung des Abschlusses in Deutschland, zudem um eine Unterkunft und alle nötigen Formalitäten, wie Geschäftsführer Tilman Frank erläuterte. In den deutschen Kitas absolvieren die Erzieherinnen zunächst ihr Anerkennungsjahr. Deutschkurs, Stipendium, Flugtickets, Gebühren für Visa und Berufsanerkennung kosteten zusammen rund 9000 Euro, hinzu komme eine Dienstleistungsgebühr, teilte die Agentur mit.

In den Heimatländern sei die Bezahlung schlecht und die Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen hoch, sagte Frank zur Motivation der jungen Fachkräfte, nach Deutschland zu kommen. Die Bleibequote beziffert er auf 95 Prozent nach fünf Jahren. Die Nachfrage in Deutschland sei sehr groß, die Rekrutierung laufe weiter, ergänzte er. Allein in Namibia befänden sich derzeit 50 junge Kita-Kräfte in vorbereitenden Sprachkursen.

Es müsse in allen Richtungen nach Erzieherinnen gesucht werden, hieß es auch bei der Gewerkschaft Verdi. Andere Branchen gingen schließlich angesichts von Fachkräftemangel ebenso vor, sagte Gewerkschaftssekretärin Jana Beißert. Sie halte eine Begleitung beim weiteren Spracherwerb für wichtig, ebenso müsse sichergestellt werden, dass der Erziehungsstil dem hiesigen entspreche. Die Arbeitgeber rief sie zudem auf, die Arbeitsbedingungen in den Kitas zu verbessern, um das vorhandene Personal halten zu können. Es müsse einen wirksamen Schutz vor Überlastung geben, forderte Beißert.