Notfälle

Tragödie mit drei Toten trifft Familienbetrieb in Runkel

Nach dem tödlichen Unglück in einer Lederfabrik trauert Runkel um drei Menschen. Die kleine Firma hat die Hälfte ihrer Mitarbeiter verloren.

Das Wohnhaus auf dem Gelände der Lederfabrik liegt am Morgen im Nebel. Foto: Sascha Ditscher/dpa
Das Wohnhaus auf dem Gelände der Lederfabrik liegt am Morgen im Nebel.

Runkel (dpa/lhe) - Am Morgen nach dem Unglück erinnert noch rot-weißes Flatterband an den dramatischen Einsatz, der sich am Vorabend an der kleinen Firma in Runkel abgespielt hat. Das Wohnhaus auf dem Gelände der Lederfabrik und Pelzgerberei wirkt verlassen, Rollläden sind halb heruntergelassen, leere Autos stehen auf dem Hof. Ein Generator brummt leise, die Umgebung liegt im Frühnebel. In einer Grube haben hier am Vortag drei Mitarbeiter des Familienbetriebs den Tod gefunden - und um das Leben von zwei weiteren Menschen kämpfen die Ärzte noch in Krankenhäusern. 

Die Behörden vermuten, dass die drei Arbeiter in einer Grube auf dem Gelände der Gerberei an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sein könnten. Wie genau es dazu kam, dazu ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft.

Großeinsatz mit rund 150 Helfern 

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Rettungskräfte hatten die fünf Arbeiter bei einem Großeinsatz am Vortag aus der Grube holen müssen. Bei drei von ihnen im Alter von 38, 58 und 59 Jahren schlugen Reanimationsversuche fehl, wie Kreisbrandmeister René Schultheis vom Landkreis Limburg-Weilburg berichtet. Die beiden anderen Männer habe man retten und ins Krankenhaus bringen können. Von dem Einsatz, an dem sich rund 150 Rettungskräfte, Seelsorger und Polizisten beteiligt hatten, zeugen am Morgen noch Müllsäcke mit Überresten vom Vorabend - gebrauchte Einweghandschuhe, Schutzkleidung, Medikamentenschachteln haben die Helfer hier hinterlassen.

Am Morgen nach dem tödlichen Arbeitsunfall zeugen Müllsäcke von dem Großeinsatz der Rettungskräfte. Foto: Sascha Ditscher/dpa
Am Morgen nach dem tödlichen Arbeitsunfall zeugen Müllsäcke von dem Großeinsatz der Rettungskräfte.

Der kleine Mittelständler, der schon seit 200 Jahren besteht, hat bei dem Arbeitsunfall nahezu die Hälfte seiner Belegschaft verloren - neben dem Inhaber hatte die Firma dem Vernehmen nach nur sechs Beschäftigte. «Wegen Trauerfall geschlossen», heißt es am Freitag auf der Homepage des Betriebs. Eine Kundin, die am Vormittag dort Felle abholen will, macht betroffen kehrt. Erst fünf Minuten zuvor habe sie auf der Anfahrt die schlimmen Neuigkeiten im Radio gehört, erzählt die Frau.

Bürgermeisterin kämpft mit den Tränen

Erschüttert zeigt sich auch die Bürgermeisterin von Runkel, Antje Hachmann (parteiunabhängig). Bis zum frühen Morgen hat sie den Einsatz vor Ort begleitet und danach kaum geschlafen. Das Geschehene sei «schockierend» und «menschlich unfassbar», sagt Hachmann. «Wir trauern alle sehr stark.» Der Einsatz geht ihr emotional sichtlich nah - auch deshalb, weil sie selbst schon einmal von Feuerwehrleuten bei einem Brand gerettet werden musste. 

Eine Frau, die am Vormittag von dem Firmengelände kommt, fällt der Bürgermeisterin schluchzend in die Arme, die Trauer ist greifbar. Schon zuvor waren morgens Angehörige eingetroffen, die hier Menschen verloren haben. Ein Mann trauert um seinen Bruder, wie er sagt, und auch eine Frau ist gekommen, die nach Antworten zum Tod ihres Mannes sucht.

Einsatzkräfte nicht nur psychisch belastet

In der idyllisch zwischen Taunus und Westerwald gelegenen 9.500-Einwohner-Stadt mit ihrem «dörflichen Charakter» kenne praktisch jeder jeden, sagt Hachmann. Sie selbst habe schon erlebt, dass in Krisenzeiten hier alle zusammenstehen - selbst wenn es zuvor vielleicht mal einen Streit gab. Sie stehe in Kontakt mit den Angehörigen und mache sich auch um die Feuerwehrleute Sorgen. Die seien nicht nur psychisch belastet. «Es waren nun mal Gefahrstoffe ausgetreten», sagte die Bürgermeisterin. «Alle Einsatzkräfte, die irgendwie Kontakt damit hatten, wurden auch dekontaminiert, wurden noch mal zum Durchgangsarzt geschickt, verteilt auf drei Kliniken». 

Trauergottesdienst soll Gedenken ermöglichen 

Am Freitagabend sollte es einen Trauergottesdienst zum Gedenken für die Opfer geben. Organisiert wird er unter anderem von Christian Grän, dem evangelischen Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Mittleres Lahntal, der bereits am Vorabend als Seelsorger für die Einsatzkräfte fungierte. Bei dem Gottesdienst sollten die Menschen eine Möglichkeit erhalten, Kerzen anzuzünden und auf Karten zu hinterlassen, was ihnen auf dem Herzen liegt, sagt Grän. 

Auch Ministerpräsident Rhein erschüttert

Auch Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) zeigte sich erschüttert von dem tragischen Arbeitsunfall. «Ich bin in Gedanken bei den Angehörigen und wünsche den Verletzten viel Kraft und baldige Besserung. Mein besonderer Dank gilt den Einsatzkräften vor Ort, die mit großem Einsatz geholfen haben.»