US-Historikerin sieht Menschheit auf des Messers Schneide
Vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse spricht Pulitzer-Preisträgerin Jill Lepore. Sie warnt eindringlich davor, Maschinen das Denken zu überlassen.
Frankfurt/Main (dpa) - Die US-Historikerin Jill Lepore sieht die Menschheit «auf des Messers Schneide der Geschichte». Die Menschheit müsse sich entscheiden, ob sie zulasse, «dass Maschinen das Lesen und Schreiben und sogar des Denkens für uns übernehmen», sagte die US-amerikanische Historikerin und Autorin («Die Regierung der Maschinen») zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse.
Künstliche Intelligenz bedrohe die Kunst und das Schreiben, die Freiheit des Denkens, die demokratischen Gesellschaften und - wie die Tech-Unternehmen selbst warnen - sogar die Menschheit selbst, sagte die Harvard-Professorin in ihrer Rede auf der Pressekonferenz kurz vor der Eröffnung. «Wenn die Menschheit vor dem Maschinenstaat kapituliert, verlieren wir nicht nur unsre Freiheit, sondern auch unseren Verstand.»
Eine neue Unabhängigkeitserklärung
«Die Summe des menschlichen Wissens, die in den Büchern dieser Welt steckt, wurde komplett verschluckt», sagte Lepore. «Wir müssen uns fragen, wie viel von dem, was die Menschheit erreicht hat, schon verloren ist - vielleicht nicht verloren, sondern aufgegeben.»
Die Buchmesse sieht Lepore als Gelegenheit, unsere Unabhängigkeit zu erklären: «Unsere Gedanken und unsere Worte - und unsere Bücher - gehören uns. Und die Zustimmung zu jedem Regierungssystem oder ihre Verweigerung muss von uns kommen.»
Offiziell wird die Messe am Dienstagabend eröffnet. Die Messe ist ab Mittwoch zunächst nur für Fachbesucher geöffnet. Ab Freitag sind dann auch Privatleute willkommen. Auf zehn Bühnen sind bis Sonntag mehr als 1.000 Redner zu erleben. Ehrengastland ist Tschechien.