Nachbarschaft

Wasserhäuschen als «zweites Wohnzimmer»

Überall in Frankfurt kann man an kleinen Büdchen Kaltgetränke, Snacks und Kaffee kaufen. Doch die Wasserhäuschen sind mehr als Verkaufsstellen - hier kommen die Menschen zusammen.

«Das Wasserhäuschen, das sind wir», sagt Rebecca Fohl. Seit sieben Jahren betreibt sie das Nox Wasserhäuschen in Sachsenhausen. (Archivbild) Foto: Jennifer Brückner/dpa
«Das Wasserhäuschen, das sind wir», sagt Rebecca Fohl. Seit sieben Jahren betreibt sie das Nox Wasserhäuschen in Sachsenhausen. (Archivbild)

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Mitten auf dem Grünstreifen in der Holbeinstraße lädt ein kleines rot gestrichenes Büdchen zum Verweilen ein. In einem der Fenster hängt ein Plakat: «Offenheit» steht darauf in bunten Buchstaben geschrieben. 

An den Tischen nebendran sitzen Familien mit Kindern, junge Pärchen, Freundesgruppen. Es wird gerade gemalt, Kaffee getrunken, vom Tag erzählt. «Hier sind die Leute viel mehr sie selbst», findet Rebecca Fohl, die das Nox Wasserhäuschen in Frankfurt-Sachsenhausen seit sieben Jahren betreibt. «Man trinkt hier seinen Kaffee und kann einfach so da sein», sagt die 35-Jährige.

Die Wasserhäuschen: Seit dem 19. Jahrhundert Teil der Stadt

Wasserhäuschen gibt es in Frankfurt seit dem 19. Jahrhundert. Einst dienten sie der Trinkwasserversorgung der Stadt - daher der Name. Heutzutage ist das Sortiment deutlich erweitert: gekühlte Getränke, mit oder ohne Alkohol, kleine Snacks, Eis und natürlich die «gemischte Tüte» mit Süßigkeiten. Manche, wie das Nox, bieten inzwischen auch Kaffee, Cappuccino oder Matcha an.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Die «gemischte Tüte», ein Wasserhäuschen-Klassiker, gibt es auch im Nox. (Archivbild) Foto: Jennifer Brückner/dpa
Die «gemischte Tüte», ein Wasserhäuschen-Klassiker, gibt es auch im Nox. (Archivbild)

Aber vor allem sind die Wasserhäuschen Treffpunkte für die Nachbarschaft. Und da sei es egal, aus welcher sozialen Schicht man komme, meint Fohl. «Es soll ja zugänglich sein für alle.» Das ist auch eine Frage des Geldes: Bier gibt es hier für drei Euro, spezielle Kaffeegetränke für etwa fünf. «Das hat man ja sonst nicht so in einem Restaurant oder einer Bar. Da hat man ja zum Teil echt Kosten», sagt die Betreiberin. Das sei hier anders: «Manche Leute setzen sich auch einfach dazu und bestellen nichts.»

Ein Ort, an dem man sich kennt, grüßt und austauscht

Rund um einen kleinen Tisch neben dem Büdchen sitzen auf Palettensofas vier Männer zwischen 50 und 80 Jahren. Einer von ihnen ist Michael. «Wie das Wimbledon das Wohnzimmer für Boris Becker ist, ist das Nox unser zweites Wohnzimmer», sagt er. Michael ist Stammgast des Wasserhäuschens in Frankfurt-Sachsenhausen und stellt sich als «die Zahnfee» vor: Von Beruf sei er Zahnarzt, aber keiner, vor dem man Angst haben müsse.

Zum Nox komme er beinahe täglich nach der Arbeit, zum «Runterkommen», sagt er. «Für so eine, anderthalb Stunden, um zu schauen, wer da ist, was der Abend noch so bringt.» Ein weiterer Stammgast setzt sich zu ihm. Er kommt vom Arzt und bestellt Bier und Korn. Zwei Frauen mit Hunden laufen vorbei, grüßen Michael und setzen sich auf die Bank nebendran: Man kennt sich hier.

Am Fenster des kleinen Büdchens bestellt man Getränke und Snacks. (Archivbild) Foto: Jennifer Brückner/dpa
Am Fenster des kleinen Büdchens bestellt man Getränke und Snacks. (Archivbild)

Ein diverser Treffpunkt

«Das ist gerade die Stärke der Wasserhäuschen: Menschen aller Generationen, Couleurs, Schichten treffen sich hier und kommen miteinander ins Gespräch», findet auch Boris Borm, der sich als «Wasserhäuschen-Aktivist» für den Erhalt der Büdchen einsetzt. «Dadurch versteht man viel besser, was der andere vielleicht für Sorgen und Probleme hat.»

Die Stadt würdigt die wichtige Rolle der Wasserhäuschen in diesem Jahr mit einem Aktionstag: Am 12. September veranstaltet die Stadt zum ersten Mal den «Wasserhäusje-Tag». An 20 dieser Frankfurter Büdchen finden zwischen 11 und 22 Uhr Aktionen statt.

Wasserhäuschen-Betreiber als Kümmerer für die Nachbarschaft

Für viele Menschen seien die Wasserhäuschen ein «Anker in diesen dynamischen Zeiten», heißt es von Oberbürgermeister Mike Josef (SPD): Die Wasserhäuschen würden die Menschen seit Jahren begleiten, die Betreiber seien echte «Kümmerer» für ihre Nachbarschaft.

Als Betreiberin des Wasserhäuschens erlebe sie viel, sagt die 35-Jährige. (Archivbild) Foto: Jennifer Brückner/dpa
Als Betreiberin des Wasserhäuschens erlebe sie viel, sagt die 35-Jährige. (Archivbild)

Die Betreiber kümmern sich nicht nur, sie erleben auch viel. Sie erfahre wirklich viel über ihre Gäste, erzählt Rebecca Fohl. «Eigentlich weiß man alles: Wer wann und wo im Urlaub war, wer Beziehungsprobleme hat, wer einen neuen Partner gefunden hat.»

Für Fohl selbst ist das Wasserhäuschen ein «Safe Place». «Ich bin eigentlich immer hier, auch wenn ich nicht arbeite: morgens sitze ich hier mit meinen Freunden, mit meinen Stammgästen, genieße einen Kaffee.»