Weizenanbau im Wandel

Wie ein Landwirt versucht, dem Klimawandel zu trotzen

Hitze setzt Hessens Weizen zu. Ein Landwirt setzt deshalb auf frühreife und trockenheitstolerante Sorten, um Ernteverluste zu begrenzen. Warum Exoten wie Melonen für ihn keine Alternative sind.

«Angst und bange geworden»: Landwirt Jürgen Pauly hat der heiße Sommer zugesetzt. Foto: Andreas Arnold/dpa
«Angst und bange geworden»: Landwirt Jürgen Pauly hat der heiße Sommer zugesetzt.

Hofheim am Taunus (dpa/lhe) - Wenn Jürgen Pauly in diesen Tagen mit seiner Sämaschine über den Acker fährt und die Weizensaat in den Boden ausbringt, ist das für den Landwirt aus Hofheim auch eine Wette auf den nächsten Sommer. Hitze und Trockenheit machen der Landwirtschaft zu schaffen. Der 58-Jährige setzt deshalb auf angepasste Sorten.

Im Frühsommer fiel in Hessen Hitzerekord um Hitzerekord, zuletzt meldete der Deutsche Wetterdienst am 27. Juni 41,3 Grad. Häufiger und früher einsetzende Hitzewellen sind für den Weizenanbau ein Problem. Innerhalb von fünf Tagen sei sein zuvor noch grasgrüner Weizen auf dem Acker braun geworden und abgestorben, berichtet der Landwirt. 

Ernte nur mit Verlusten möglich

Die Hitze hat seinen Winterweizen dahingerafft. «Uns ist angst und bange geworden.» Er habe schlaflose Nächte gehabt. Pauly erntete den Weizen zwei Wochen früher als üblich und musste Verluste hinnehmen. Er schätzt, dass der Ertrag 10 bis 15 Prozent geringer als im Durchschnitt ausgefallen ist. Die Körner verbrannten teilweise durch die sengende Sonne.

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Pauly baut Winterweizen an, der im Herbst ausgesät wird und bis zu zwei Meter tief wurzelt. Bis zu minus 15 Grad sind in den Wintermonaten kein Problem. Der Landwirt testet seit Jahren Sorten, die durch gezielte Züchtung mit den veränderten Bedingungen des Klimawandels besser zurechtkommen sollen. 

Bauernverband: Erträge stark schwankend

Besonders frühreife sowie trockenheitstolerante Sorten sollen helfen, auf immer häufiger und intensiver auftretende Hitzewellen zu reagieren. Ob das gelingt, hängt jedoch auch vom Wetterverlauf und den Wasserreserven im Boden ab. Im Durchschnitt blieb der Ertrag laut dem Hessischen Bauernverband in diesem Jahr mit 72,6 Dezitonnen oder umgerechnet 7.260 Kilogramm pro Hektar zwar stabil. 

Doch schwankten die Erträge stark: Je nach Region und Sorte werden sie auf 65 bis 90 Dezitonnen geschätzt, «unterdurchschnittlich bis durchschnittlich» sei das, so eine Sprecherin des Verbands. Berichten der Landwirte zufolge hätten dabei «frühreife Sorten weniger Qualitätseinbußen» und Ertragsverluste gezeigt. 

Wie viel die Bauern ernten, hänge jedoch nicht allein von der Sorte ab, erklärt Karl-Josef Walmanns vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Entscheidend sei, in welchem Stadium des Lebenszyklus einer Pflanze die Hitze diese treffe. «Wassermangel ist besonders kritisch für Blüte und Kornfüllung.» 

Trockenheit führt zu Qualitätsverlust

Wenn Weizen blüht, bildet er anschließend die Körner, die dann später geerntet und zu Mehl gemahlen werden. Im Stadium der Blüte reduziert Wassermangel die Anzahl gebildeter Körner. Während der Kornfüllung lagert die Pflanze Nährstoffe in die Körner ein. «Ein Mangel an Wasser während der Kornfüllung führt zu kleineren Körnern», so Walmanns weiter. 

Für einen Betrieb, der wie Pauly die höchste Qualitätsstufe an Weizen anbaut, ist das mehr als ein Schönheitsfehler. Für die Abnahme durch die Mühle muss das Korn bestimmte Eiweiß- und Stärkegehalte erreichen. Ist das nicht der Fall, kann hochwertiger Weizen, der eigentlich für die Herstellung von Backwaren gedacht ist, nur noch mit Einbußen als Tierfutter verkauft werden.

Mehrere Sorten als Sicherheit

Dabei hat Pauly mit seiner Lage zwischen Wiesbaden und Frankfurt eigentlich einen Standortvorteil: tiefgründiger Lösslehmboden. Er ist fruchtbar und kann Wasser lange halten. Für ihn bedeutet das: «Man hat die Möglichkeit, die höchste Qualitätsstufe zu produzieren. Und hohe Qualität bringt mehr Geld.» 

Schon im Frühjahr prüft der Landwirt, ob eine Sorte auf seinem Boden funktioniert. Was in einem Jahr überzeugt, kann im nächsten wieder aus dem Sortiment fliegen. Derzeit baut er zwei Sorten an und hat auch schon vier bis fünf gleichzeitig angepflanzt. Die Streuung bedeutet für ihn Sicherheit. «Wenn eine Sorte ausfällt, hat man ein Loch im Portemonnaie.»

«Knochentrocken» sei der Boden kurz vor der Aussaat gewesen, sagt Pauly - eine Folge des regenarmen Sommers. Foto: Andreas Arnold/dpa
«Knochentrocken» sei der Boden kurz vor der Aussaat gewesen, sagt Pauly - eine Folge des regenarmen Sommers.

Neue Sorten müssen sich verkaufen lassen

Bei der Auswahl der richtigen Sorten muss man unterscheiden zwischen Frühreife, Trockenheits- und Hitzetoleranz. «Frühreife bedeutet nicht automatisch eine höhere Hitze- oder Trockenheitstoleranz. Sie kann jedoch dazu beitragen, die kritische Phase der Kornfüllung zeitlich von möglichen Hitze- und Trockenperioden zu entkoppeln», erklärt Walmanns vom LLH. So ließe sich das Risiko von Ertragseinbußen verringern. Kommt die Hitze früher, kann der Vorsprung schwinden. 

Und andere Kulturen anbauen? Anderswo werden schon Olivenbäume gepflanzt oder Wassermelonen angebaut, um mit dem Klimawandel umzugehen. Anbauen könne man vieles, findet Pauly. «Der begrenzende Faktor ist aber der Markt.» Eine neue Kultur müsse nicht nur Hitze aushalten, sie brauche Abnehmer und einen Preis, der sich trage. 

Ein Drittel der Anbaufläche in Hessen für Winterweizen

Für ihn ist das ein Grund, seinen Weizen klimafester zu machen, statt ihn zu ersetzen. Die immense Bedeutung von Weizen für die Nahrungsmittelproduktion gibt ihm recht. Allein Winterweizen wächst nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Wiesbaden auf rund 143.000 Hektar und damit auf knapp einem Drittel der Ackerfläche des Landes.

Wenn der Landwirt jetzt aussät, hat er seine Wette auf den nächsten Sommer schon abgegeben, für das kommende Jahr setzt er wieder auf die beiden diesjährigen Sorten. Erst letztes Jahr hat er sich wieder eine Maschine angeschafft, die für den Einsatz auf besonders trockenem Boden geeignet ist. «Wir müssen uns an das Klima anpassen, nicht das Klima an uns.»