Pet Shop Boys ehren Turing mit Konzeptalbum
Mit ihrem neuen Konzeptalbum setzen die Pet Shop Boys dem Mathematiker Alan Turing ein musikalisches Denkmal. Der britische Kriegsheld wurde später wegen seiner Homosexualität verfolgt.
London (dpa) - Es war ein besonderer Auftritt der Pet Shop Boys. Im Sommer 2014 standen sie bei den BBC Proms, dem traditionsreichen Londoner Klassikfestival, auf der Bühne der Royal Albert Hall. Statt Hits wie «West End Girls», «Suburbia» oder «Go West» zu spielen, präsentierte das britische Popduo mit Orchester und Chor die Geschichte des britischen Mathematikers Alan Turing als musikalische Erzählung in acht Akten.
Zwölf Jahre später haben Neil Tennant (72) und Chris Lowe (67) das Werk überarbeitet und als Konzeptalbum aufgenommen. «A Man From The Future» (VÖ am 9.10.) erzählt vom Leben des Mannes, der im Zweiten Weltkrieg half, den deutschen Enigma-Code zu knacken, der als Computer-Pionier gilt - und später wegen seiner Homosexualität verurteilt und aus dem britischen Geheimdienst verbannt wurde.
Erzählung und Gesang im Wechsel
Anders als auf früheren Alben ist nicht nur die markante Stimme von Tennant zu hören. Über weite Strecken trägt die Schauspielerin Juliet Stevenson, die schon 2014 die Erzählerin war, Passagen aus Andrew Hodges' Biografie «Alan Turing: The Enigma» vor. Auf dem Buch basiert auch der Kinofilm «The Imitation Game» mit Benedict Cumberbatch.
Tennant greift in seinem Gesang oft einzelne Sätze der Erzählung auf und wiederholt sie. Musikalisch wechseln sich Streicherpassagen, elektronische Klänge und tanzbare Beats ab. «Ich würde es eigentlich immer noch Pop nennen», sagte Tennant im Interview des Radiosenders BBC Radio 6 Music. Es sei «im Kern elektronischer Pop».
«Das Gefühl, dass es etwas mit uns zu tun hat»
Die Idee entstand Ende 2011, nachdem Lowe im Fernsehen ein Doku-Drama über Turing gesehen hatte. Für Tennant gab es sofort einen Bezugspunkt: «Er hat gewissermaßen den Computer erfunden, und damit entsteht unsere Musik. Wir hatten das Gefühl, dass es etwas mit uns zu tun hat.»
Lowe reizte etwas anderes: «Ich glaube, es war vor allem die menschliche Geschichte.» Anschließend lasen beide Hodges' Buch, auf dessen Grundlage Tennant das Skript entwickelte.
«Unser Motiv bei der Entstehung dieses Werks war, Alan Turing ein musikalisches Denkmal zu setzen, der seinem Land und der Welt so viel gegeben hat und zum Dank dafür wegen seiner Sexualität verfolgt wurde», hieß es in einer Mitteilung der Pet Shop Boys zum Album.
Von der Schulbank bis zur Begnadigung
Die acht Stücke folgen Turings Leben chronologisch. «Natural Wonders Every Child Should Know» ist nach einem Sachbuch benannt, das Turing als Kind geschenkt bekam. Es geht um seine Schulzeit im Internat und um seinen Freund Christopher Morcom, der 1930 an Tuberkulose starb.
«The Enigma», der einzige echte Dance-Track auf dem Album, erzählt von Turings Arbeit im Geheimdienstzentrum Bletchley Park, wo er die Entschlüsselung der Funksprüche deutscher U-Boote leitete.
Das filmisch arrangierte «The Trial» erzählt von Turings Verurteilung 1952 wegen der Beziehung mit einem anderen Mann, aus der er kein Geheimnis machte. «Ich glaube, er war ein sehr, sehr ehrlicher Mensch», sagte Tennant im BBC-Interview. «Er sah einfach keinen logischen Grund, sich in dieser Hinsicht zu verstellen.» Turing musste sich daraufhin einer Hormonbehandlung unterziehen, der sogenannten chemischen Kastration.
Deutscher Arrangeur erneut beteiligt
Nach der Show in der Royal Albert Hall haderten die Pet Shop Boys mit dem Werk. «Es war zu groß geworden, eine Art Oratorium», erklärte Tennant. «Um der Geschichte treuer zu sein, sollte es elektronischer werden. Und damit sie sich intimer und persönlicher anfühlt, sollte der Orchesteranteil kleiner sein.»
Der deutsche Komponist und Arrangeur Sven Helbig, der auch die Fassung von 2014 orchestriert hatte, bearbeitete die Musik neu für ein Streich-Oktett der Manchester Camerata. «Wir wollten uns vorstellen, wie die Musik der Zukunft für Alan geklungen haben könnte», sagte Lowe.
Das Album wurde in Berlin, London und Manchester aufgenommen. Die Stadt im Norden Englands wurde bewusst ausgewählt: Alan Turing arbeitete nach dem Krieg an der Universität Manchester und lebte bis zu seinem Tod 1954 in der Nähe der Stadt.
Längst mehr als nur Popmusik
Die Pet Shop Boys gelten längst als Elder Statesmen des Pop, die mehr zu bieten haben als radiotaugliche Hits. So schrieben sie 2011 die Musik für ein Ballett nach einem Märchen von Hans Christian Andersen. «Ich glaube, wir schreiben seit vielen Jahren gern jenseits des drei-, vier- oder fünfminütigen Popsongs», sagte Neil Tennant im BBC-Interview. «Uns ging es schon immer darum, dass jedes Thema seinen Platz in der Popmusik haben kann.»
«A Man From The Future» endet mit dem gleichnamigen Titelsong, der dem gewohnten Sound der Pet Shop Boys noch am nächsten kommt. Das Lied schlägt den Bogen zur Gegenwart. Der frühere britische Premierminister Gordon Brown liest darin seine posthume Entschuldigung an Turing von 2009 selbst vor, außerdem ist der Text der königlichen Begnadigung von 2013 zu hören.
Die Geschichte endet mit dem Turing-Gesetz von 2017, mit dem Zehntausende weitere Männer begnadigt wurden, die zuvor wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden waren.