Wirecard: Verteidiger wollen Prozess vor Ende noch aushebeln
Nach bald vier Jahren rückt das Urteil im Wirecard-Prozess näher - und Ex-Konzernchef Braun muss eine lange Haftstrafe fürchten. Auf den letzten Metern will die Verteidigung das Verfahren stoppen.
München (dpa) - Im Münchner Wirecard-Prozess wollen die Verteidiger des früheren Vorstandschefs Markus Braun das seit fast vier Jahren laufende Verfahren noch auf den letzten Metern aushebeln. Brauns Anwältin Theres Kraußlach forderte die Aussetzung des Prozesses und begründete das mit dem Recht Brauns auf ein faires Verfahren. Die Sachlage in dem Prozess habe sich «grundlegend geändert». Eine Aussetzung würde bedeuten, dass das seit Dezember 2022 laufende Verfahren um den mutmaßlich größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte von vorn beginnen müsste. Das Gericht hingegen will eigentlich zum Ende kommen, der Vorsitzende Richter Markus Födisch kündigte eine schnelle Entscheidung der Kammer über den Aussetzungsantrag an.
«Gefahr eines Fehlurteils»
Verteidigerin Kraußlach will den Ausgang eines separaten Betrugsverfahrens gegen eine frühere Wirecard-Managerin abwarten, die mutmaßlich eine wichtige Rolle in dem 2020 aufgedeckten Milliardenbetrug bei Wirecard spielte. Die Rolle der Frau sei «für die Wahrheitsfindung von zentraler Bedeutung», argumentierte die Anwältin. «Ansonsten besteht die Gefahr eines Fehlurteils zu Lasten von Herrn Dr. Braun.»
Die in Singapur lebende Managerin war für die deutschen Strafverfolger jahrelang nicht greifbar, wurde aber Anfang dieses Jahres ausgeliefert. Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hatte im Juli Anklage gegen sie erhoben. Die Managerin war bei Wirecard im Vertrieb für Asien zuständig und eine enge Mitarbeiterin des seit 2020 untergetauchten früheren Vertriebsvorstands Jan Marsalek. Sie hätte bereits im Wirecard-Prozess als Zeugin aussagen sollen, berief sich aber auf ihr Aussageverweigerungsrecht. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht keinen Grund für eine Aussetzung. «Wir werden das wahrscheinlich sehr zeitnah entscheiden», sagte Richter Födisch.
Braun steuert auf Verurteilung zu
Dass bei Wirecard in großem Stil betrogen wurde und Milliarden spurlos verschwanden, ist unstrittig. Braun hat mehrfach seine Unschuld beteuert. Der österreichische Manager sieht sich selbst als Opfer der wahren Betrügerbande um Marsalek, zu der auch die in Koblenz angeklagte Managerin gehört haben soll. Braun kann sich jedoch kaum Hoffnung auf einen Freispruch machen.
Das Gericht darf zwar nicht vorverurteilen, aber deutlich machen, ob es einen Angeklagten für glaubwürdig hält oder nicht. So nannte der Vorsitzende Richter Födisch Brauns Verteidigungsstrategie schon vor dem Aussetzungsantrag «nicht nachvollziehbar» und «nicht schlüssig». Abgesehen davon sitzt Braun seit über sechs Jahren ununterbrochen in Untersuchungshaft. Hielten die Richter den 1969 geborenen einstigen Börsenstar für unschuldig, müsste er auf freien Fuß gesetzt werden.