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Kunst

Ein Blick auf Heidelberger Street Art

Der Künstler Aaron Diesbach kann sich vorstellen, auch in Weinheim zu sprayen. Warum ist Kunst in der Öffentlichkeit auch Kunst für die Öffentlichkeit?

Immer wieder bleiben Menschen stehen und schauen dabei zu, wie sich der Farbnebel aus der Hand des Künstlers zu einem faszinierendem Bild zusammenfügt. "Die Augen hat er aber gut gemacht", staunt ein kleiner Junge, der Aaron Diesbach (Künstlername: PRSNR) beim Besprühen einer Wand in der Heidelberger Bahnstadt zuschaut. Die Augen - das Wiedererkennungsmerkmal der Bilder des 28-Jährigen, der mit seiner Kunst wortwörtlich intensive Blicke an trostlose Wände zaubert.

Von Graffiti zu Street Art

Dabei sind Augen nicht immer sein Steckenpferd gewesen. Mit 12 Jahren sprühte Diesbach das erste Mal ein paar Buchstaben an die Wand. Schnell bemerkte er seinen Spaß daran und dass er offensichtlich Talent dafür hat. Also besprühte er mit seinen damaligen Schulfreunden regelmäßig "legale Wände", also Orte, an denen das Sprayen erlaubt ist. Er habe schon damals begonnen, sich an "den Großen" zu orientieren und holte sich den ein oder anderen Tipp. Im Grunde brachte sich der hauptberufliche Grafikdesigner das Sprayen selbst bei, malte allein oder auch mit anderen zusammen und übte sich in Schriftzügen an der Wand.

Diesbach erinnert sich an einen Schlüsselmoment, als er dabei gewesen sei, eine Wand in Mannheim zu bemalen. Anders als sonst ging er über das reine Schriftbild hinaus und sprayte in den Innenraum des Buchstabens "O" ein Auge. Eine ältere Frau blieb stehen, blickte auf das Bild und sprach dem jungen Künstler zu seiner Überraschung ihr Lob aus. Dies habe ihn zum Nachdenken gebracht. Das reine Graffitisprayen sei gerade bei älteren Menschen häufig auf weniger Zustimmung gestoßen. Doch sein Bild schien zu faszinieren.

"Mit Gesichtern können Leute mehr anfangen. Sie sind mit das Nahbarste, was man malen kann" , erklärt der Künstler.

So kam es, dass Diesbach das Malen von Porträts perfektionierte und Gefallen daran fand, derart intensive Bilder zu entwerfen. Bilder, die auffallen und auch berühren können, wenn man dem unbekannten Menschen tief in die Augen blickt.

Vom kleinem Modell zum riesigen Bild

Ein früheres Vorbild Diesbachs war beispielsweise der Künstler Akut des Künstlerduos Herakut. Die Art und Weise des Heidelbergers, Augen zu malen, hat allerdings einen ganz eigenen Wiedererkennungswert entwickelt. Er spielt mit realistischen Portraits, Gesichtsausschnitten und Formen, aus denen die Gesichter herausschauen oder die diese beschneiden. Hinzu kommen grobe Pinselstriche und laufendes Wasser, was den klaren Realismus etwas aufbrechen soll.

Wenn Diesbach sein Bild am Ende perfektioniert, hat er schon zahlreiche Arbeitsschritte hinter sich. Zunächst muss er erstmal eine Wand finden, die viele Leute sehen können oder die optisch spannend ist. Außerdem sollte sie nach Möglichkeit nicht allzu uneben sein. Hat er eine passende Fläche gefunden, fotografiert er meist zunächst die leere Wand und plant sein Bild digital.

Sobald er die Wand gefunden hat und die Entwürfe stehen, rüstet er sich mit seinem Equipment aus: zahlreiche Spraydosen, Wassersprühflaschen, Aufsätze, Farbrollen und Acrylfarben. Erst vor Ort könne er feststellen, ob seine Skizzen passen. Manchmal improvisiere er auch. Dann sprayt er an seinem Bild, was einen Tag oder auch eine ganze Woche andauern kann.

Aaron Diesbach (28) Foto: privat
Aaron Diesbach (28)

Kunst in der Öffentlichkeit

Ist ein Bild einmal auf einer Wand, ist es der Öffentlichkeit ausgeliefert. Das betrifft sowohl verbale Debatten als auch das potenzielle Beschmieren und Zerstören eines Bildes. Es kann auch passieren, dass ein Bild übermalt wird. Früher oder später sei das eigentlich immer irgendwann der Fall, erklärt Diesbach. Allerdings gebe es ungeschriebene Regeln. So malt zum Beispiel keiner über ein Bild, das technisch anspruchsvoller oder aufwändiger ist als das, was man selbst sprayen wollen würde. Nicht jeder hält sich daran, berichtet Diesbach. Was gut ist, bleibt aber häufig auch lange bestehen.

Live-Performance

Anders als im privaten Studio oder am Schreibtisch zu Hause ist das Malen in der Öffentlichkeit auch immer mit Publikum verbunden. Nicht selten kommt es vor, dass Menschen stehenbleiben und dem jungen Künstler über die Schulter schauen. Gerade Kinder würden ihm viele Fragen stellen und regen ihn sogar zum Nachdenken über die Kunst an. "Malst du da eine Frau?", fragt ein junges Mädchen aufgeregt, während Diesbach die Spiegelung im Auge malt. Ein Junge habe ihn mal gefragt, warum er so viel schwarz benutze, schwarz mache ihn traurig. Viel lieber hätte er seine Lieblingsfarben grün, blau und rot im Bild. Daraufhin habe Diesbach dem Jungen gezeigt, wo sich überall Farben im Bild befinden und dass die Augen der Person an der Wand ihm in einem tiefen Grün entgegenblicken.

Ob ihn solche Fragen ablenken? "Eigentlich nicht", sagt er. Wenn ihm viele Personen beim Malen zuschauen, wird er schon auch mal nervös, gibt der Künstler zu. In solchen Situationen möchte man natürlich gut sein, das sei ja klar. Einmal auf der Wand bleibe eben auf der Wand, zumindest für den Moment.

Im Video kann man sehen, wie die Bilder von Aaron Diesbach entstehen:

Politische Inhalte bewegen

Darum transportiert Diesbach mit seinen Bildern eher selten politischen Gehalt. Sein primäres Ziel sei nicht, Diskussionen und kontroverse Debatten zu entfachen. Zudem sei er nicht darauf aus, mit politischen Kunstwerken Aufmerksamkeit zu generieren. Er will sich schlichtweg ausdrücken. Hin und wieder komme es aber doch vor, dass er ein politisches Statement setze, das für Resonanz sorge. Beispielsweise habe er ein Gesicht im Kontext der "Black-Lives-Matter"-Demonstrationen an den Pfeiler der Ernst-Walz-Brücke in Heidelberg gesprayt. Einige Tage später hatte man ihm neben überwältigendem positiven Feedback ins Bild "getaggt", also ein künstlerisches Pseudonym in sein Bild gesprüht. Diesbach stellte sich erneut an sein Kunstwerk und besserte es aus.

Eine weitere Erfahrung im politischen Zusammenhang machte er, als er ein weinendes Gesicht mit ukrainischen Farben hinterlegte. Eine junge Ukrainerin blieb stehen, bedankte sich für sein Engagement und brach daraufhin in Tränen aus. Dieser intensive Moment rührte den 28-Jährigen, wie er sich erinnert.

Durch Erlebnisse der Art realisiert der junge Künstler, was Street Art für ihn bedeutet. Street Art sei nicht nur Kunst in der Öffentlichkeit, sondern insbesondere Kunst für die Öffentlichkeit. Kunst an der Wand schaffe die Möglichkeit, sich in ganz alltäglichen Situationen inspirieren zu lassen. Ob auf dem Weg nach Hause, in der Kaffeepause oder in der Bahn: Wenn man es zulässt, treffen sich die Blicke des Kunstwerks und des Beobachters flüchtig.

ArtMuc und Stroke

Mit seinen 16 Jahren Erfahrung stellt Diesbach auch auf Kunstmessen aus, beispielsweise auf der ArtMuc und auf der Stroke in München. Auch bei Art & Streetfood in Ladenburg zeigte der Künstler sein Können in einer Live-Performance. In knapp zwei Wochen beginnt außerdem das Metropolink-Festival. Dort wird Diesbach an den großflächigen Kunstwerken beteiligt sein, die das zweiwöchige Festival prägen. Und wer weiß, vielleicht blickt einem in Zukunft auch in Weinheim das ein oder andere Gesicht entgegen. Diesbach könnte sich das jedenfalls gut vorstellen.

Einblick in die Kunstwerke von Aaron Diesbach:

Heidelberg, Ernst-Walz-Brücke, 2020
Foto: privat
Kunstwerke von Aaron Diesbach.
Foto: privat
Heidelberg, Patrick Henry Village, Metropolink-Festival 2019
Foto: privat
3x 50 x 150 cm, Epoxidharz, Sprühlack und Acryl auf Holz, 2021
Foto: privat
80 x 80 cm, Sprühlack und Acryl auf Holz, 2023
Foto: privat
Kunstwerke von Aaron Diesbach.
Foto: Privat
80 x 140 cm, Sprühlack und Acryl auf Leinwand, 2021
Foto: privat
Heidelberg, Ernst-Walz-Brücke, 2020
Kunstwerke von Aaron Diesbach.
Heidelberg, Patrick Henry Village, Metropolink-Festival 2019
3x 50 x 150 cm, Epoxidharz, Sprühlack und Acryl auf Holz, 2021
80 x 80 cm, Sprühlack und Acryl auf Holz, 2023
Kunstwerke von Aaron Diesbach.
80 x 140 cm, Sprühlack und Acryl auf Leinwand, 2021