Tierschutz

"Tierliebe hört beim Geldbeutel auf"

Seit Ende Januar ist endlich auch in Weinheim die Katzenschutzverordnung in Kraft. Doch eine Kastrationspflicht für frei laufende Katzen gibt es immer noch nicht. Warum?

Hanni und Gypsi warten im Tierheim Weinheim auf ein eigenes Zuhause. Foto: Tierheim Weinheim
Hanni und Gypsi warten im Tierheim Weinheim auf ein eigenes Zuhause.

Unterernährt, krank und von Parasiten befallen: Bis zu zwei Millionen Straßenkatzen kämpfen hierzulande jeden Tag um ihr Überleben. Oft sind sie auf verwilderten Grundstücken, stillgelegten Fabrikgeländen oder Friedhöfen unterwegs, das schreibt der Deutsche Tierschutzbund auf seiner Website. Aber wann ist eine Katze eine "Straßenkatze"?

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Viele tausend Katzen sind sogenannte Freigänger. Sie haben Besitzer und ein Zuhause, sind jedoch oft wochenlang unterwegs und durchstreifen nachts "ihr" Revier. Erkunden neugierig fremde Gärten und offene Terrassentüren, legen sich auf fremde sonnige Autodächer, gemütliche Gartenmöbel, sogar Betten oder Sofas und suchen sich manchmal ein neues Zuhause auf Zeit - und treffen natürlich auch auf kranke Straßenkatzen. Für die Besitzer ist das oftmals anstrengend und aufreibend, das Internet ist voll mit Suchmeldungen. Die meisten Freigängerkatzen kommen aber immer wieder nach Hause. Und, sind sie nicht kastriert, kommen sie nicht allein.

"Der Januar war bisher der schlimmste Monat überhaupt"

Zweimal im Jahr können unkastrierte Katzen Kitten bekommen, zwischen zwei und zehn Stück. Diese werden dann online verkauft oder landen in den Tierheimen, wenn sie Glück haben. Nicht selten werden sie aber auch einfach ausgesetzt, in Müllcontainern entsorgt. Die Tierheime sind überfüllt, sprechen teilweise von einem Aufnahmestopp für Katzen. "Der Januar 2024 war bisher der schlimmste Monat überhaupt", erzählt die Leiterin des Weinheimer Tierheims Jutta Schweidler im Gespräch mit WN/OZ. "Die Vermehrung der Katzen ist außer Kontrolle geraten". Erst vor einigen Tagen hätten ihre Mitarbeiter neun Katzen aus einer Wohnung holen müssen. Die Hälfte davon neu geborene Kätzchen. Der Rest schwanger oder krank.

Katzenschutzverordnung erster wichtiger Schritt

Dass seit dem 26. Januar in Weinheim endlich eine Katzenschutzverordnung gelte, sei "ein erster wichtiger Schritt" Richtung Katzenschutz. Der nächste logische Schritt, den die Stadt versprochen habe, sei eine Kastrationspflicht für alle frei laufenden Katzen. "Wir hoffen sehr, dass Weinheim bei seinem Versprechen bleibt", so die Tierheimleitung. Und hofft auch, dass andere Gemeinden nachziehen. "Was nützt uns in Weinheim eine Kastrationspflicht, wenn Hemsbach nicht mitmacht?", so Schweidler. "Kater gehen oft kilometerweit, um eine läufige Katze zu besuchen. Denen ist es egal, ob sich die Gesetze an den Stadtgrenzen ändern."

Nur wenige Kommunen haben Kastrationspflicht

Nur wenige Kommunen haben in Deutschland bisher eine solche Kastrationspflicht für Freigängerkatzen festgelegt. Auch Weinheims benachbarten Großstädte Mannheim und Heidelberg zögern noch. In Mannheim existiert allerdings seit einem knappen Jahr eine Katzenschutzverordnung, die vorsieht, dass Katzen, bevor sie das erste Mal ins Freie dürfen, einen Chip implantiert bekommen müssen oder eine Tätowierung im Ohr. Zudem müssen sie bei Verein Tasso oder beim Deutschen Tierschutzbund (Findefix) registriert werden. Die Registrierung ist übrigens kostenlos.

Doch warum gibt es keine allgemeine Kastrationspflicht? Freiwillig lassen viele Halter ihre Katzen nicht kastrieren, beklagt Schweidler und betont: "Beim Geldbeutel hört die Tierliebe auf". In und um Weinheim gebe es viele versteckte Orte, an denen sich Katzen aufhalten und vermehren könnten. Zum Beispiel am Freizeitbad Miramar, oder bei der Firma Freudenberg. Allein aus der Gegend der Bertleinsbrücke seien in den vergangenen fünf Jahren 124 Katzen eingefangen und kastriert worden.

Was spricht gegen eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen?

Doch was spricht gegen eine bundesweite Kastrationspflicht für Katzen, die ins Freie dürfen? "Nichts", sagt Lea Schmitz, Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbundes (siehe Interview).

Es gebe weder für eine Katzenschutzverordnung noch für eine Kastrationspflicht laufender Katzen "eine rechtliche Grundlage", antwortet die Stadt Heidelberg auf Anfrage von WN/OZ und erklärt: Eine Katzenschutzverordnung sei nicht zulässig, da es im "Stadtgebiet keine hohen Populationen frei lebender Katzen mit schlechtem Ernährungs- und Gesundheitszustand" gebe. Dem widerspricht der Deutsche Tierschutzbund und betont: "Frei lebende Straßenkatzen sind wegen der fehlenden Sozialisierung auf den Menschen sehr scheu und halten sich eher im Verborgenen auf. Ihre Existenz bleibt somit oftmals unbemerkt."

In Mannheim hat inzwischen eine Mehrheit aus SPD, Grünen und LI.PAR.Tie im Ordnungsausschuss des Mannheimer Gemeinderats durchgesetzt, dass eine Kastrierung frei laufender Katzen Pflicht werden soll - gegen den Willen der Verwaltung.