Als die TG Rimbach alle jüdischen Mitglieder ausstieß
Blick zurück: Die Turngenossenschaft Rimbach hatte fünf jüdische Mitglieder, darunter ein aktiver Turner und ein Ehrenmitglied.
Rimbach. Die Turngenossenschaft (TG) Rimbach wurde 1886 gegründet; anfangs war sie ein reiner Turnverein, der sein Angebot nach dem Krieg erweiterte: Mittlerweile gibt es Gesundheitssport, Freizeit- und Breitensport, Leistungssport und Tanzsport; die 21 Abteilungen sind in vier Sparten gegliedert – das ist der Vereinshomepage zu entnehmen.
1986 wurde das hundertjährige Bestehen mit einem Jubiläumsjahr und vielen Veranstaltungen gefeiert; zu diesem Anlass legten die Verantwortlichen auch eine Vereinschronik auf. Günther Röpert blätterte jetzt darin, um auf Spurensuche zu gehen.
Zwei wurden getötet
Der Schriftführer und Mit-Initiator des Vereins „Erinnern – Gegen das Vergessen“ suchte und fand Belege für das Engagement jüdischer Rimbacher in der TG. Etwa die Namen und Eintrittsdaten von fünf Gemeindemitgliedern. Rudolf Hamburger aus der Fahrenbacher Straße 6, Jahrgang 1871, trat seinen Recherchen nach spätestens 1897 bei und wurde am 29. März 1923 Ehrenmitglied. Hamburger starb 1942 in Worms.
Zwei andere TG-Mitglieder überlebten den Holocaust, weil sie rechtzeitig das Land verließen. Einer war Julius Breidenbach; er wurde 1892 geboren und wohnte in der Friedrich-Ebert-Straße 17. Es ließ sich nicht mehr klären, wann er dem Verein beitrat. Ein viel wichtigeres Datum steht dagegen fest: Er wanderte am 5. August 1937 in die USA aus, zusammen mit seiner Frau Erna geborene Grünebaum und den Kindern Liselotte und Gerhard, 1929 und 1926 geboren; mit dabei waren außerdem Julius Breidenbachs Schwestern Johanna (Jahrgang 1889) und Paula (1897 geboren).
Der andere Rimbacher, der seiner Heimat den Rücken kehrte, war Ernst Kaufmann, der in der Staatsstraße 47 lebte. Spätestens 1926 trat er dem Verein bei. Der 1913 Geborene war aktiver Turner. 1937 gelang ihm die Flucht nach Argentinien. Auf der Liste des Vereins wird er geführt als Sohn von Selma und Isaak Kaufmann; er hatte zwei Schwestern, Sophie und Erna, außerdem den Bruder Heinz – er besuchte Rimbach 1988, in dem Jahr, als sich die Pogrome zum 50. Mal jährten.
Hinter zwei weiteren Namen auf Röperts Liste stehen Todesdaten und die Namen von Konzentrationslagern. Einer ist Berthold Marx, der in der Brunnengasse 15 lebte und 1889 geboren wurde. Am 27. September 1942 wurde er deportiert, am 29. Januar 1943 wurde er im KZ Theresienstadt ermordet.
Der andere ist Gustav Westheimer, Jahrgang 1890, der in der Rathausstraße 9 lebte; von ihm ist nur das Sterbedatum überliefert. Sein Leben endete am 29. Dezember 1938 in Dachau.
Verein „gleichgeschaltet“
Schon zuvor, im Jahr 1933, änderte sich das Vereinsleben auch in Rimbach drastisch. Die TG wurde ebenso „gleichgeschaltet“ wie auch andere Vereinigungen. Bei einer Versammlung am 26. Mai 1933 wurde ein neuer „Führer des Vereins“ gewählt, Karl Wilhelm Spilger, der daraufhin die übrigen Funktionäre „ernannte“. Im selben Jahr wurden die fünf jüdischen Vereinsmitglieder hinausgeworfen. Röpert verwendet das Wort „ausgestoßen“, eine Vokabel, die auf viele Bereiche gesellschaftlichen Lebens in diesem und in den folgenden Jahren zutrifft.
Am Ende ergänzt er noch seine Recherchen zu jüdischen Feuerwehrleuten: Mitglied Max Marx aus der Brunnengasse 15 wurde 1942 im KZ Buchenwald ermordet, Berthold Marx, auch wohnhaft in der Brunnengasse 15, kam 1943 in Theresienstadt um. Seine Frau Selma wurde dort 1944 umgebracht.