Mini-Cooper-Fans treffen sich in Lindenfels
Der Einladung der „Anonymen Miniholiker“ folgen Besitzer von knapp 80 Fahrzeugen der britischen Kultmarke. Geplauder über Ersatzteile, Erfahrungsaustausch und Schmunzeln über typische Eigenarten
Auf dem europäischen Tourkalender der Mini-Fans ist Seidenbuch seit bald 20 Jahren ein fest markierter Punkt auf der Landkarte. Am Wochenende trafen sich auf dem Sportplatz die Besitzer von knapp 80 Fahrzeugen samt Anhang und Mini-Groupies. Im Mittelpunkt steht das Original – also alle Baujahre vor 2001, bevor das Modell unter der Federführung von BMW modernisiert und vergrößert wurde.
Für die „Anonymen Miniholiker“ aus Darmstadt und Umgebung ist der Klassiker das einzig Wahre. Seit 1984 kommen die „Süchtigen“ regelmäßig zur „Gruppentherapie“ zusammen. Seidenbuch ist ein beliebtes Ziel dieser britisch-affinen Selbsthilfegruppe, was man durchaus wörtlich nehmen darf: Man repariert und restauriert viel selbst, was den Genuss eines authentischen Minis unter dem Allerwertesten zu einem etwas preisgünstigeren Vergnügen macht.
Denn Stephan Kirsten betont: Für sauber hergerichtete Fahrzeuge muss man heute wesentlich tiefer in die Tasche greifen. Die Preise haben sich in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt, sagt das wandelnde Mini-Lexikon, das in der Szene als „Keule“ bekannt ist und als mobiles Nachtlager gerne seinen schmucken Leichenwagen-Anhänger nutzt, wenn er mit dem Mini-Tross unterwegs ist.
Eine unaufgeregte Szene
Nächstes Wochenende geht es ins elsässische Kembs, ein paar Meter nördlich von Basel. Für viele, die in Seidenbuch dabei waren, ist das die nächste Station im Sommersaisonprogramm. „Das liegt auf dem Weg“, kommentiert ein Niederländer, der in Stuttgart lebt und dort einen alten Mini-Van restauriert hat. „Blankespoor“ steht auf dem kornblauen Wagen – der Name der englischen Werkstatt, aus die der Oldtimer einst unterwegs war. In Seidenbuch wurde das seltene Prachtstück erstmals seit seiner Fertigstellung ausgefahren – und reichlich bestaunt.
Die Szene wirkt entspannt und sympathisch, unaufgeregt und mit einer Portion britischem Understatement getauft. Man plaudert über Ersatzteile und die Mini-Historie, tauscht Erfahrungen aus und beschmunzelt die typischen Eigenarten des ersten und für viele auch einzigen modernen Kleinwagens der Automobilgeschichte.
Schwächen kennen und pflegen
Zum Beispiel das Thema Rost. Es gibt viele offene Schweißnähte, die markante Falz am Kotflügel und weitere Winkel an Türen und Heckklappe, die munter vor sich hin korrodieren. In dem 1984 gegründeten Club kennt man alle Schwächen, und man pflegt die eigene. Keule hat die Nationalflagge „Union Jack“ sogar auf den Schuhen. Andere haben das Logo tätowiert. Oder tragen es als Ohrring. Auf der Odenwälder Wiese fühlten sich die Stars aus der British Motor Corporation (BMC) richtig wohl.
Für den Club war es die mittlerweile 18. Sitzung. Unter den Gästen etliche Mini Cooper, benannt nach John Cooper, dem Haustuner des britischen Werks. Diese von vielen Insidern als authentischste Variante geschätzten Autos zeigen meistens weiße Streifen auf der Motorhaube und ein kontrastfarbiges, oft auch schwarzes Dach. Statt 34 haben die Coopers 55 oder gar 70 PS im Vier-Zylinder-Reihenmotor mit 1000 Kubik. Ziemlich üppig bei 700 Kilogramm Leergewicht.
Preise sind explodiert
Der damals zuständige Ingenieur Alec Issigonis hatte ganze Arbeit geleistet. Im Innenraum ist der Mini größer, als er von außen ausschaut. Doch der wahre Reiz des Wagens liegt laut Insidern in seinem Go-Kart-Feeling und im sehr direkten Fahrgefühl. Sprich: der Hintern reibt förmlich auf dem Asphalt. Die Straßenlage ist einzigartig.
In Seidenbuch waren am Wochenende zahlreiche Schönheiten zu sehen. Unter anderem der original Clubman mit eckiger Front aus den frühen 70er-Jahren, eines der seltenen Cabrios mit Rover-Verdeck (1994) und der ursprüngliche Kombi mit verlängertem Radstand. Im Original beträgt dieser genau 2032 Millimeter. Der charismatisch minimalistische Mini Moke war ursprünglich als Armeefahrzeug konzipiert, wurde jedoch mangels Bodenfreiheit, Zuladung und Leistung dann doch nicht fürs Militär gebaut. Er entwickelte sich zu einem Kultmobil der 1960er-Jahre und hatte unter anderem Auftritte neben Louis de Funès und im James-Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ von 1967.
In Seidenbuch waren Modelle aus England und Spanien vertreten. Man sah Pickups und Vans, Cabrios mit und ohne Überrollbügel sowie italienische Ableger, die unter der Marke Innocenti von 1965 bis 1975 in Mailand produziert wurden.
In den vergangenen Jahren sind die Preise explodiert, das bestätigen auch andere Mini-Lenker. 20 000 bis 30 000 Euro und mehr für eines der letzten Modelle sind am Markt üblich. Schrauber kaufen billiger und restaurieren selbst. Doch auch Ersatzteile sind kostspieliger geworden, so der „Miniholiker“ Keule, einer von derzeit 16 im Verein organisierten, in dem auch sogenannte „Kitt Cars“ mitrollen – Bausatzmodelle auf Minibasis, die als individuelle Unikate viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Einige Modelle fast ausgestorben
„Die Karosserie ist ideal dafür“, so Keule, der für seine Tochter einen pinkfarbenen Mini gestaltet hat – und sich damit beim TÜV womöglich ein kleines Problem eingehandelt hat: denn um ein H-Kennzeichen tragen zu dürfen, muss auch die Farbe nah an der originalen Farbpalette rangieren. Die Prüfer sind dafür bekannt, die Häufchen Blech nicht unbedingt durch eine rosa Brille zu sehen, das weiß man in der Szene.
Dezimierter Bestand
Trotz der langen Bauzeit des Wagens ist der Bestand mittlerweile arg dezimiert, weil die meisten Mini bis zum Exitus verschlissen wurden. Einige Modelle sind in Deutschland so gut wie ausgestorben. Doch immer wieder entdeckt man rare Varianten des kleinen Freunds, die für große Augen und schnellen Puls sorgen, so Keule, der auch an diesem Wochenende wieder im Leichenwagen-Anhänger pennt. Eine überaus friedliche Nachtruhe, wie er in Seidenbuch betont, wo viele Teilnehmer ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Andere kamen in Begleitung von Campingbussen. Nur auf den typisch englischen Regen mussten die Gäste diesmal verzichten. Es war tropisch in Lindenfels. Mit einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit. Schlecht für das Blech.