Birkenau

Die älteste Wirtschaft in Birkenau

Wie das Gasthaus „Zur Krone“ seit weit mehr als 200 Jahren allen Veränderungen standhält.

Foto: Günter Körner

Die „Krone“, eine Birkenauer Traditionswirtschaft, schräg gegenüber dem historischen Rathaus und jenseits der Schienen der Weschnitztalbahn gelegen, ist das älteste noch bestehende Gasthaus von Birkenau, schreibt Birkenaus Gemeindearchivar Günter Körner. Erster bekannter Eigentümer war der Wagner Johann Michael Schab, der allerdings noch keine Wirtschaft führte. Als nächster Eigentümer wird Michael Wittemayer erwähnt, der frühere katholische Schullehrer, über den man einige Worte verlieren sollte. Er war 33 Jahre lang Lehrer, seine erste Frau ist im Juni 1795 verstorben. Im Alter von 62 Jahren beantragte er bei der Ortsherrschaft Wambolt, die aus Kronberg im Taunus stammende 40-jährige Anna Rosina Schütz, die acht Jahre in Frankfurt „gedient“ hatte, heiraten zu dürfen.

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Kontakte waren wohl über den Birkenauer Anwalt (= Stellvertreter des Schultheißen) Georg Jöst gesponnen worden, der mit einer Schwester von ihr verheiratet war. Der wamboltische Amtmann Bouthelier sprach von „Tollheit“, die dem Jecken aber nicht verwehrt werden könne.

Seine Stube im Schulhaus (hinter der späteren katholischen Kirche, 1792 erbaut) müsse der Lehrer allerdings aufgeben. Die „Schützin“ brachte immerhin 300 Gulden mit in die Ehe. Da Wittemayer seinen Lehrerberuf aufgab, eröffnete er „heimlich“ eine Straußwirtschaft an der „Odenwäldischen Landstraße“ (Hauptstraße), gleich neben dem Jung’schen Haus, das noch heute gegenüber dem Schloss steht. Den vorgeschriebenen „Straußwirtschaftskranz“ auszuhängen hatte er versäumt. Dafür zahlte Wittemayer 10 Reichstaler Strafe, durfte aber die Wirtschaft weiterführen.

Von Habsucht getrieben

Um 1805 muss das Ehepaar Wittemayer das damals noch einstöckige Haus Obergasse 10 erworben haben und eröffnete die Wirtschaft „Zur Krone“. Die Frau wird als von Geiz und Habsucht getriebene Person beschrieben, die selbst mittellosen Männern und Bauern Bier aufschwatze. Diese „liederlichen dem Suffe Ergebenen“ könnten ja zur Begleichung der Zeche heimlich, ohne Wissen ihrer Frauen, Klee oder andere Frucht verkaufen. Am 22. Juni 1811 verstarb Michael Wittemayer.

Zunächst führte seine Witwe die Wirtschaft alleine weiter. 1812 bewarb sich der Mörlenbacher Nikolaus Bergold, der sich als Chirurg und Wundarzt bezeichnete, um Bürgerannahme, äußerte die Absicht, die Witwe des Wittemayer zu ehelichen. Obwohl der Birkenauer Chirurg Jakob Eisenhauer den Bergold als „Windbeutel, Schwätzer und Lügner“ bezeichnete, wurde dem Gesuch entsprochen. So wurden zur Gaudi der Zecher damals in der Wirtschaft Zähne gezogen, Blutegel gesetzt oder Glieder wieder eingerenkt. Bergold verstarb im September 1833.

„Das Haus mit einer frequenten Wirtschaft“

Nächster Eigentümer war danach Konrad Schütz, dessen Witwe im Februar 1838 „das Haus mit einer frequenten Wirtschaft“ zum Kauf anbot. Eine erneute Verkaufsofferte erschien im Juni 1839. 1847 kam die Wirtschaft an Heinrich Fries. Wenig später versuchte Fries die Einnahmen aus dem Anwesen zu steigern. Er richtete neben dem Wirtschaftsbetrieb einen Kolonialwaren- oder Gemischtwarenladen ein. Eine Inventur von 1856 nennt u. a. folgende Waren: Zucker, Kaffee, Pfeffer, Nelken, Muskatnuss, Zimt, Zigarren, Schießpulver, Sprengpulver und Zündhütchen, aber auch Schulbedarf wie Schiefertafeln, Griffel und Schreibfedern.

In den 1880er-Jahren wurde das Geschäft aufgegeben. In der Wirtschaft standen laut dieser Inventur 9 Tische, 19 Sessel und Buchenstühle. Eine Anzahl Fässer für Wein und Apfelwein waren auch vorhanden. In der Wirtschaft fanden regelmäßig Veranstaltungen statt, Versteigerung von Holz, Heugras und Eichenschälholz durch das Haus Wambolt. Zur Kerwe 1861 wurde in der „Krone“ auch das Tanzbein geschwungen.

Das Haus wird aufgestockt

1876 wurde auf der anderen Seite der Obergasse eine Kegelbahn gebaut, die wohl bis 1938 im Betrieb war und dann abgerissen wurde. 1884 und in den Folgejahren wurde um- und angebaut. Im Jahre 1895, die Weschnitztalbahn wurde eröffnet, wurde das Haus aufgestockt. Im Mai 1902 wurde die Wirtschaft für 2300 Mark an eine Heidelberger Brauerei verpachtet. Innerhalb der Familie Fries wechselten die Beständer.

Ein zeittypischer Vorgang ereignete sich an einem Sonntag, am 28. August 1938. Karl Link vom SS-Sicherheitsdienst Mannheim war in der Krone in Begleitung einer Dame eingekehrt. Das Dienstmädchen bat Link, das Nebenzimmer zu verlassen, um in der Wirtsstube das Essen einzunehmen. Vor dort beobachtete er, dass der katholische Pfarrer von Birkenau, Ludwig Leo Quinkert, dessen Schwester, Gärtner Arnold, Lehrer Kuhn, Jakob Jäger, Richard Welzel und weitere Personen sich im Nebenzimmer trafen. Link zeigte dem Wirt Adam Fries seinen Polizeiausweis und monierte, dass in seinem Lokal eine Versammlung stattfinde, was streng verboten sei. Danach begab er sich zum Ortsgruppenleiter und erstattete Anzeige.

„Eine geschlossene Zusammenkunft hat nicht stattgefunden"

Als Folge wurde die Gendarmerie tätig. Das Protokoll lautet auszugsweise: „Eine geschlossene Zusammenkunft hat nicht stattgefunden, da das Nebenzimmer für die Gäste offen war, zumal die Abortanlagen so liegen, dass jeder Gast durch das Zimmer gehen muss. Die Gäste im Nebenzimmer tranken gemütlich ein Glas Bier und sangen verschiedene Volkslieder.“ Die Gesellschaft hatte wohl „noch einmal Glück gehabt“.

Adam Fries führte die Wirtschaft bis 1961 fort. Dann übernahm der Schwiegersohn Fritz Klein bis 1967. Es folgten bis Mitte der 1970er-Jahre Adam Berg und Siegbert Abele nach. Bis heute hatte die Krone verschiedene Pächter, auch mit internationaler Küche, und ist aus dem Birkenauer Leben nicht mehr wegzudenken.