Birkenau

Es hat schon oft und will noch mal

Wie die Musketiere stehen sie im Kreis und schwören sich auf die folgenden Stunden ein. Das Motto dieser Mission könnte lauten: "Einer für alle, alle für Adam"- denn alle vier Verbündeten verfolgen einen Plan: das Karussell von Adam Silber wieder aufzubauen.

Richard König, Johannes Silber, Lubo Lutz und Hans-Peter Hartmann (von links) haben sich einer Mission verschrieben: Gemeinsam haben sie "Silbers Reitschule", die sich 13 Jahre lang im Dornröschenschlaf befand, erstmals wieder aufgebaut. Foto: Philipp Reimer
Richard König, Johannes Silber, Lubo Lutz und Hans-Peter Hartmann (von links) haben sich einer Mission verschrieben: Gemeinsam haben sie "Silbers Reitschule", die sich 13 Jahre lang im Dornröschenschlaf befand, erstmals wieder aufgebaut.

Zurückhaltend, fast schüchtern versteckt sich "Silbers Reitschule" hinter der blau-weiß gestreiften Abdeckung. Sie schützt die von Hand geschnitzten Pferde, Eisbär, Esel, und Co. vor der Verwitterung. Und dennoch zieht das Karussell viele Blicke von Passanten und vorbeifahrenden Autos auf sich, die alle einen Blick auf das liebevoll gestaltete Fahrgeschäft erhaschen wollen. Wer Glück hat, kann das Karussell sogar unverhüllt, beleuchtet und in seiner vollen Pracht sehen, wenn Johannes Silber noch anstehende Arbeiten vornimmt und den Motor testet. Hier ein paar wenige nicht funktionierende Glühlampen, dort abgesplittertes Holz und der Staub der vergangenen 13 Jahre, in denen das Karussell gut verstaut im Wagen in Ober-Mumbach stand. Ein paar Tage zuvor steht Johannes Silber mit drei Weggefährten fest entschlossen im Hof: Sie wollen das Karussell seines Vaters wieder aufbauen.

"Eins, zwo, drei, vier", zählt Johannes Silber laut die Schritte ab. Er misst den Hof der Alten Scheune in Ober-Mumbach aus. Ein paar Stunden später wird aus Gerüst, geschnitztem Holz und Elektronik wieder ein Karussell geworden sein. Und das genau auf dem Platz, auf dem sich am ersten Sonntag im September 1948 "Silbers Reitschule" erstmals drehte.

Freunde, auf die man sich verlassen kann

Es ist kein gewöhnlicher Tag für ihn, schließlich gibt er liebevollen Erinnerungen wieder Gestalt. Um "Silbers Reitschule" in Zukunft für bestimmte Anlässe vermieten zu können, muss er zunächst eine Bestandsaufnahme machen, alle Einzelteilesichten und sie schließlich wie ein Puzzle zusammenfügen, denn einen Aufbauplan gibt es nicht. Und bei dieser Mission ist er nicht allein, denn er kann auf die Unterstützung von "Freunden, auf die man sich verlassen kann", vertrauen. Richard König packt mit an und Hans-Peter Hartmann ist zudem für die Dokumentation des Aufbaus zuständig. Das Team komplett macht der Bulgare Lubo Lutz, der Adam Silber in seinen letzten Jahren als Schausteller beim Auf- und Abbau von Karussell und Schiffschaukel geholfen hat. Ein Großteil der Hoffnung aller vier liegt in den kommenden Stunden auf ihm, denn er weiß, welche Schraube an welche Stelle gehört.

"Ich war rund 15 Jahre bei Adam Silber beschäftigt. Das kann man nicht so einfach aus dem Kopf löschen. Das heute ist bewegend für mich. Es berührt mich. Das Karussell ist ein Teil von mir. Als ich mitbekommen habe, dass sein Sohn das Projekt 'Reitschule' zum Leben erwecken möchte, war ich wirklich froh - vor allem für Adam. Am Schluss hat er sich auf mich verlassen, als das Alter seine Spuren zeigte. Aber mit dem Kopf war er immer dabei", sagt er und fügt mit Tränen in den Augen hinzu: "Es war sein Ein und Alles."

Sie stehen zu viert im Kreis und schwören sich auf die kommenden Stunden ein. "Es ist ein besonders emotionaler Moment für mich", sagt Johannes Silber. Sie gedenken einen Moment an den Vater, ohne den sie dieses Projekt nicht in Angriff nehmen würden. Dann geht's los.

"Das ist auf dem Land halt so"

Eine der Herausforderungen zeigt sich gleich zu Beginn: Der Bauwagen, in dem das Karussell gut behütet in Einzelteilen ruht, muss so in den Hof rangiert werden, dass man gut an die Türen kommt. Das erfordert Wartezeit, auch für die Autos auf der Mumbacher Talstraße, die geduldig warten, als wüssten sie, welcher Schatz hier bewegt wird. "Das ist auf dem Land halt so", sagt eine geduldige Autofahrerin mit einem Lächeln. Und einer, der es normalerweise eilig hat, der Paketbote, steigt sogar aus und hilft beim Manövrieren. Dann wird sich erinnert, überlegt, kombiniert, dokumentiert und schlichtweg mitangepackt.

Es geht zunächst an Achse, Gestell, Motor und schließlich an Verkleidungen und das Herzstück: Die Tierfiguren, die nacheinander aus dem Wagen gehoben und wieder Teil des Karussells werden. Das Montieren der Dachkante und Verbauen der Elektroteile sind die letzten Handgriffe der vier, die in zwei Tagen etwas Nostalgisches neu geweckt haben.

"In den letzten Jahren vor seinem Tod, als mein Vater noch recht fit war, wollte ich das Karussell wieder aufbauen, den Zustand begutachten und meinen Vater als Ratgeber dabeihaben. Es war viel zu emotional für ihn. Er wollte sich dem Ganzen nicht mehr stellen", erinnert sich Johannes Silber. Er weiß um die Bedeutung und Verantwortung, die "Silbers Reitschule" mit sich bringt. "Auf der einen Seite ist es die hoch emotionale Geschichte mit einem nostalgischen Karussell, das für meine Familie und für viele Menschen nicht nur einen finanziellen Wert darstellt, sondern eben viel mehr. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Wahnsinn, wenn es um Zulassung, Versicherung oder Statik geht."

Damals wie heute

Ein paar Tage später steht das Karussell da, als ob es nie aufgehört hätte, sich zu drehen. Bei seiner letzten Kerwe im Jahr 2007 kostete eine Fahrt 1,50 Euro. Vier Runden gab es für 5 Euro, wie die Aufkleber auf dem Kassenhäuschen zeigen, das - heute wie damals - seinen Platz neben dem Karussell hat. Und auch der alte Kassettenrekorder funktioniert noch - Adam Silbers Enkel Nicolas, der ebenso dabei hilft, das Karussell wieder fitzumachen, bringt ihn zum Laufen und des dudeln die für ein Karussell so typischen Melodien aus der Scheune, während sich ein paar Schritte weiter das hell erleuchtete Karussell in der beginnenden Abenddämmerung dreht. Adam Silbers Enkel Christopher lebt derzeit in Spanien, fiebert aber genauso beim Aufbau und bei jedem nächsten Schritt mit.

Auf den ersten Blick haben die Jahre nicht zu große Spuren hinterlassen. Bei der ersten Probefahrt zeigen sich jedoch anfängliche Probleme. Bremse, Keilriemenscheibe, Elektrik - nachdem sich Johannes Silber an einen Zettel des Vaters erinnert, auf dem wichtige Details stehen, was wo und wie angeschlossen sein muss, dreht sich das Fahrgeschäft letztendlich doch. Es ist nass und windig an diesem Nachmittag und das leise, sich wiederholende Quietschen des Karussells mischt sich unter die Gesprächsfetzen der Passanten.

"Wir hatten Glück, dass das Wetter mitgespielt hat und wir sind sehr weit gekommen", sagt Johannes Silber wenige Tage später nach dem Aufbau. "Ich bin froh: Die Kiste läuft", stolz blickt er Richtung Karussell. "Was mich sehr bewegt hat: Es gibt keine großen Mängel. Das Karussell ist zwar eingestaubt ohne Ende, aber das darf es auch nach 13 Jahren." Sicherheitsmängel hat er aber keine entdeckt - "das war mir sehr wichtig". Viele der Lampen leuchten noch, "aber wir müssen die Fassungen alle durchsehen". Ein paar Teile hat er entdeckt, die im Laufe der Jahre gelitten haben und die er persönlich reparieren möchte. Beispielsweise die Tatze des Braunbären und auch die Dachkante zeigt Spuren von der Witterung. "Sie war ständig dem Wetter ausgesetzt. Da muss ich an einigen Stellen etwas nachziehen." Abschrecken lässt er sich von der Arbeit, die nun auf ihn zukommt, aber nicht: "Es wird nicht einfach, es dauert auch vielleicht länger, aber es wird schon klappen", sagt er optimistisch.

Lubo Lutz, langjähriger Mitarbeiter von Adam Silber, beim Wiederaufbau des Karussells. Foto: Philipp Reimer
Lubo Lutz, langjähriger Mitarbeiter von Adam Silber, beim Wiederaufbau des Karussells.

Passanten erinnern sich an das Karussell

Dass Nostalgisches Erinnerungen weckt, ist ein Phänomen, das sich auch in Ober-Mumbach zeigt. Viele bleiben stehen, machen Fotos und erinnern sich an früher, so auch Larissa Tugend aus Reisen, die mit Mann und Baby an der Scheune vorbeispaziert. "Ich war als Kind immer selbst gerne auf dem Karussell und heute kommen mir die Figuren so klein vor. Damals als Kind waren sie riesig für mich. Ich weiß noch, als es immer Freifahrten gab. An jeder Reisener Kerwe waren wir tagtäglich auf dem Karussell. Ich habe jetzt selbst ein kleines Kind und freue mich darauf, wenn ich mal mit meiner Tochter darauf sitzen kann", sagt die junge Frau. Ein Ehepaar steigt aus dem Auto und steht lächelnd vor dem Karussell. "Ich habe noch zwei Chips für die Reitschule", sagt er mit einem Augenzwinkern in Richtung von Johannes Silber.

Wenn alles nach Plan verläuft, dann soll sich das Karussell im kommenden Jahr wieder für die Öffentlichkeit drehen. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. Die Zeit vor dem Winter möchte Johannes Silber für Reparaturen nutzen, denn nur solange kann das Karussell noch im Freien stehen. Alle anderen Arbeiten finden dann - wieder auseinandergebaut - in der Scheune statt. "Es braucht seine Zeit und es wird nicht perfekt in ein paar Monaten dastehen. Aber ich hoffe, dass wir das Nostalgische erhalten und nutzen können", sagt er. Noch im Rückspiegel sieht man das kleine Karussell, das - mal leuchtend, mal zugehängt - die Menschen zum Lächeln bringt, die an ihm vorbeigehen. Und irgendwann werden sie wieder mit ihm fahren können.