Lindenfels

In Lindenfels geht es um die Kultur im ländlichen Raum

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ist zu Gast auf der Burg Lindenfels. Die Kernbereiche seines Ministeriums bleiben beim Austausch mit den lokalen Akteuren der Kulturszene aber weitgehend außenvor.

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir machte auf seiner Sommertour auch in Lindenfels Station. Foto: Thomas Zelinger
Eintrag in das Goldene Buch der Stadt: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir machte auf seiner Sommertour auch in Lindenfels Station.

Das ist Wahlkampf: Zwischen Odenwälder Hausmannskost und dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt hatte Tarek Al-Wazir rund 90 Minuten Zeit, um die Burg Lindenfels zu besichtigen und mit dem Volk ins Gespräch zu kommen. Lindenfels war die zweite Tagesetappe nach Heppenheim und vor Michelstadt. Und es ging hoch hinaus. Die Burgschänke am Geopark Informationszentrum war ein schattig-kühles Plätzchen, wo der hessische Wirtschaftsminister und Grünen-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten Station machte.

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Der örtliche Grünen-Fraktionsvorsitzende und ehemalige politische Geschäftsführer des Landesverbands, Jochen Ruoff, nahm ihn in Empfang. Knapp 40 Bürger waren gekommen, um dem 52-jährigen Offenbacher aktuelle und lokale politische Themen mit auf den Rückweg zu geben. Im Mittelpunkt stand ein Komplex, mit dem der Mann für Wirtschaft, Verkehr, Energie und Wohnen qua Amt eher wenig zu schaffen hat: Kultur und Tourismus.

Mitten in den Vorbereitungen für das siebte Sommer-Kino-Open-Air auf der Burg verschaffte sich der Minister im Innenhof einen Eindruck über die Belebung der Ruine durch Konzerte, Theater und andere Kulturevents. „Tourismus braucht gute Standorte“ kommentierte und lobte Al-Wazir das lokale Bemühen, die Burg zu bespielen und den Platz als Anziehungspunkt weiter zu entwickeln.

Ein kultureller Leuchtturm

Dazu gehöre auch das 2019 eröffnete Informationszentrum samt kulinarischem Angebot, das aus historischen Fragmenten von Zimmermeister Manfred Riebel neu zusammengefügt wurde. Riebel hatte die Bruchstücke des Hauses über vier Jahrzehnte eingelagert. „Ich hatte ein Häuschen im Angebot“, so Riebel über ein sehr prominentes Lindenfelser Projekt, dessen Bau mit 200 000 Euro aus Leader-Mitteln der Europäischen Union gefördert wurde. „Aus bürgerschaftlichem Engagement ist ein europäisches Projekt geworden“, sagte Riebel.

Ein Schmuckstück, findet auch der Landespolitiker. Da traf es sich gut, dass Jochen Ruoff auch Geschäftsführer des Vereins für Kultur, Bildung und Soziales (KuBuS) ist, der den Kiosk betreibt, der von altem Gebälk umgeben ist. Riebel datiert das Material vorsichtig auf Mitte des 17. Jahrhunderts. Eine dendrochronologische Untersuchung, bei der die Jahresringe von Bäumen anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten, bekannten Wachstumszeit zugeordnet werden können, soll bald Klarheit bringen. Auch die Berichte über die Entwicklung der Burg von Klaus Mohr und Dieter Kessel vom Förderverein Burg Lindenfels hörte der Minister mit Interesse. Es sei wichtig, dass sich Menschen lokal und ehrenamtlich für den Erhalt ihrer kulturellen Leuchttürme einsetzen, sagte er. Unter dem Motto „Wir für Lindenfels“ haben acht Bürger eine Initiative gestartet, um die Stadt attraktiver und lebenswerter zu machen. Darunter sind Mohr, Ruoff und Kessel, der als Chef der „Kultur-Offensive mach mit“ (Komm) in der Vergangenheit etliche Veranstaltungen organisiert hatte und auch als Macher des Burg-Open-Airs bekannt ist.

Kultur hat in Hessen einen schweren Stand

Aber auch ein kleiner Kreis von Jugendlichen um den Musiker Lennart Scheuren wollen dazu beitragen, dass die Stadt spannender wird und der Nachwuchs weniger Motive findet, um in andere Kommunen abzuwandern. Das Lindenfels Festival ist eine Koproduktion mit der Stadt und dem Verkehrsverein. Das Festival gab es bereits zwei Mal – einmal unter Corona-Auflagen und im vergangenen Jahr dann mit etwas mehr Spielraum für die Macher, die dem Minister vom harten Brot der Kulturarbeiter berichteten.

„In Hessen wird es einem besonders schwer gemacht, sich in diesem Bereich zu engagieren“, sagte Lennart Scheuren. Trotz aller Widrigkeiten setzt er auf die Vielfalt des bürgerschaftlichen Kollektivs. Das Festival soll kein Diktat von Wenigen sein, sondern als Graswurzelbewegung von unten heraus gedeihen. Bürgermeister Michael Helbig will die Initiative nach Kräften zu unterstützen, wie er betonte.

Der Verein KuBuS ist seit einigen Monaten mit im Boot und will sich um Fördergeld kümmern. Die Corona-Spritze hatte zwar geholfen, doch für eine konstante Arbeit seien dauerhafte Hilfen elementar, so die jungen Leute, die allesamt Musiker sind.

Für Tarek Al-Wazir sind sozio-kulturelle Initiativen gerade in dünner besiedelten Gegenden ein wichtiges Argument, um das Leben aufzuwerten. Eine Abgrenzung zwischen Stadt und Land hält er für kontraproduktiv: „Man darf diese Strukturen nicht gegeneinander ausspielen, sondern sollte sie gemeinsam betrachten. Sie ergänzen sich.“

Thema Ortsumgehung Mörlenbach

Al-Wazir rechtfertigte die neue Ortsumgehung bei Mörlenbach. Die vier Kilometer lange Strecke als Teil der Bundesstraße 38 sei wichtig, um das Verkehrsaufkommen im Ort zu verringern und die Lebensqualität dort erheblich zu verbessern. Die Entscheidung sei „eine Woche vor meiner Amtseinführung“ von seinem Vorgänger getroffen worden. Es gehe nun darum, einen rechtlich-demokratisch fundierten Beschluss so gut wie möglich umzusetzen und dabei die Menschen mitzunehmen. Es sei zu erwarten gewesen, dass dieses Großvorhaben nicht von jedem beklatscht werde.

Auch das kontroverse Thema Windkraft wurde angerissen. Hessen habe für den Ausbau die planungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen und Genehmigungsverfahren vereinfacht. Wenn einzelne Vorhaben zu Kontroversen führen, biete man Mediationsforen an. Letztlich sei aber jedes Windrad eine private Investitionsentscheidung. Im Bundesland sind aktuell knapp zwei Prozent der Fläche als Vorranggebiete ausgewiesen. Dies ergibt sich aus einer Änderung des Teilregionalplans Erneuerbare Energien Südhessen, dem das schwarz-grüne Kabinett im vorigen Jahr zugestimmt hatte, so der Wirtschafts- und Energieminister.

Windkraftanlagen klug bündeln

Hessen gilt mit Schleswig-Holstein als das einzige Bundesland, in dem das Zwei-Prozent-Ziel des Bundes praktisch erreicht worden sei. Mit der Ausweisung der Vorrangflächen werde gleichzeitig deutlich, dass 98 Prozent der Landesfläche für Windanlagen ausgeschlossen sind. Von einer „Verspargelung“ der Landschaft könne also keine Rede sein, so Al-Wazir. Eine atom- und kohlefreie Stromerzeugung sei ohne Windenergie nicht machbar. Es gehe darum, die Anlagen klug zu bündeln. Die Ausweisung von Vorrangflächen sei dafür eine wichtige Voraussetzung.