Birkenau

Landsturm 1799: Wie die Birkenauer die Franzosen zurückgeschlagen haben

1799 überquerten die Franzosen den Rhein, besetzen Mannheim und drangen auch an die Bergstraße und den Odenwald vor. Ein historischer Beitrag von Gemeindearchiviar Günter Körner.

Das Birkenauer Tal um 1900. Im Frühjahr und im Herbst 1799 kam es zwischen französischen Truppen und dem sogenannten „Odenwälder Landsturm“, verstärkt durch die Szekler Husaren, mehrmals zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Foto: Gemeindearchiv Birkenau
Das Birkenauer Tal um 1900. Im Frühjahr und im Herbst 1799 kam es zwischen französischen Truppen und dem sogenannten „Odenwälder Landsturm“, verstärkt durch die Szekler Husaren, mehrmals zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

Von Günter Körner

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Birkenau. In der Ausgabe der „Schwäbischen Chronik“ vom 31. Mai 1799 findet sich ein Bericht, in dem auch Birkenau Erwähnung findet. Die „Schwäbische Chronik“ war Bestandteil des „Schwäbischen Merkur“, der fast täglich außer an hohen Feiertagen als Tageszeitung in Stuttgart erschien. Die „Schwäbische Chronik“ befasste sich mit Innenpolitik und Tagesereignissen, der „Merkur“ mit Außenpolitik. Herausgeber war ab 1785 Christian Gottfried Elben.

Unter „Kriegswesen“ findet sich in einem längeren Artikel folgender Ausschnitt: „Auch im Odenwald, bei den Dörfern Birkenau und Ober- und Unter-Steinau, fielen zwei Gefechte vor, an welchen die dasigen Landsleute Theil nahmen und wobei durch die Unterstützung der in der dortigen Gegend unter Kommando des Obristleutnants Göringer stehende Division von den Szekler Husaren, der Feind mit beträchtlichem Verluste zurückgeschlagen ward. Die erstgedachten Husaren haben ferner in der Gegend von Heppenheim an der Bergstraße vom Feinde ausgeschicktes Exekutionskommando von 20 Pferden ausgehoben.“

Der Hintergrund

Was war damals in Birkenau passiert? Während des sogegenannten Zweiten Koalitionskrieges (1799-1801) überschritten Franzosen am 1. März 1799 den Rhein, besetzten Mannheim, Orte an der Bergstraße, darunter auch Weinheim und streiften auch durch den Odenwald. Als Gegenreaktion bewaffneten sich Bauern mit Pistolen und Flinten und patroullierten durch Wald und auf den Straßen. Mitte April wurde der wamboltische Amtmann Ignatz Bouthelier, der sich „neutral“ verhalten wollte, von Birkenauern massiv bedrängt, sich auch zur Wehr zu setzen und sich dem sogenannten „Odenwälder Landsturm“ anzuschließen.

Dieser Erwartungshaltung konnte Bouthelier auf Dauer nicht standhalten. Der Amtmann wurde in der Folge zum Oberbefehlshaber des Landsturm des Birkenauer Tales bis Fürth ernannt. An der Ortsgrenze hatte man „starke Verhaue“ anlegen lassen, um den Feind aufzuhalten. Zudem hatte man unterhalb von Birkenau drei Kanonen aufgestellt und Scharfschützen postiert.

Angriff um 2 Uhr nachts

Am 20. April griffen die Franzosen zunächst nachts um 2 Uhr das Gorxheimer Tal, kurz darauf das Birkenauer Tal an. Dank heftiger Gegenwehr wurde der Feind „zurückgeprellt“. In Birkenau war die Angst mit Händen zu greifen. Menschen waren mit dem allernötigsten Hausrat in die Wälder geflüchtet und kamen wieder zurück in das Dorf. Nach einem zeitgenössischen Bericht waren an der Weinheimer Brücke „42 teils tote und plessierte Franzosen aufgeladen worden, ohne was im Tröseler Tal gefallen seien muss“.

Am 15. Mai kamen als Verstärkung 500 Mann „Kaiserliche Szekler Husaren“ (aus Ungarn stammend), die mit dem „Odenwälder Landsturm“ agierten. Nach und nach wurden die Franzosen zurückgedrängt. Die bewaffneten Bauern kehrten zum Alltag zurück.

Es gibt ein Nachspiel

Doch gab es ein Nachspiel. Am 1. September fielen tausende Franzosen in Heppenheim ein. Auch das Birkenauer Tal war wieder betroffen. Wiederum standen die „Szekler Husaren“ bei, diese waren jedoch ausgedünnt worden, da sie von der Darmstädtischen Grenze bei Schönberg bis an den Neckar bei Hirschhorn und Heidelberg eingesetzt waren.

An einem Dienstag, man schrieb den 29. Oktober, kamen die Franzosen wieder in das Birkenauer Tal, konnten jedoch nach Weinheim zurückgedrängt werden. Am gleichen Tag nahmen Franzosen aus Birkenau Geiseln, den wamboltischen Verwalter Güthel, den Schultheißen Hofmann und Anwalt Jöst. Dem evangelischen Schullehrer Johann Leonhard Schneider wollte man auch als Geisel habhaft werden, doch der saß im Kirchturm und beobachtete unbeschadet das Geschehen im Ort aus luftiger Höhe. Gegen Lösegeldzahlung kamen die Entführten wieder frei.

„Bis ober Zotzenbach

Am 30. Oktober kamen die Franzosen bis nach Reisen, Mörlenbach und „bis ober Zotzenbach“ und plünderten. Danach zogen sich die Truppen wieder nach Weinheim zurück. So kam es auch noch im November und Dezember zu wiederholten Scharmützeln. Der bereits erwähnte Schullehrer Schneider beendete seine Ausführungen zu den kriegerischen Ereignissen mit der Bemerkung:

„So wie es aber nicht selten geschieht, dass auch bei ganz regulären Truppen die errungenen Vorteile über den Feind in der Hitze nicht mit Vorteil genutzt werden, so ging es auch hier den vor Freuden und Einbildungen trunkenen Bauern. Sie glaubten ganz das Ziel und Ende ihres Zwecks erreicht und übersprungen zu haben, und überließen sich sonach größeren Teils einer gänzlichen Sorglosigkeit und dem berauschenden Gefühl.“