Mitlechtern

Musik und Kabarett zu den Raunächten in Mitlechtern

Im Rimbacher Ortsteil gibt es für die Gäste an drei Abenden Leichtigkeit und Orientierung in einer auf dem Kopf stehenden Welt.

Die Raunächte bei der Familie Schaab in Mitlechtern sind seit über einer Dekade ein gern angenommenes Angebot in der „Zeit außerhalb der Zeit“. Diesmal war der alte Tanzsaal an drei Abenden voll besetzt. Foto: Fritz Kopetzky
Die Raunächte bei der Familie Schaab in Mitlechtern sind seit über einer Dekade ein gern angenommenes Angebot in der „Zeit außerhalb der Zeit“. Diesmal war der alte Tanzsaal an drei Abenden voll besetzt.

Es ist eines der eindringlichsten und emotionalsten Antikriegslieder: „Brothers In Arms“, im Original von den Dire Straits. Kaum ein Song hätte in diesen Zeiten die Raunächte in Mitlechtern besser abrunden können. Als die Band Nachtkrapp diese Perle der Musikgeschichte nach knapp drei Stunden Programm mit Kabarett, Lyrik und – vor allem – viel Musik spielte, war die Ergriffenheit der Menschen im alten Tanzsaal der Dorfschänke förmlich greifbar.

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Manch einer in dem an drei aufeinanderfolgenden Abenden voll besetzten Saal mag sich da an die Anfangsworte von Doris Schaab erinnert haben: „In einer Zeit, in der die Welt auf dem Kopf steht, braucht es vielleicht noch mehr solcher Veranstaltungen.“ Die von der Familie Schaab initiierten Mitlechterner Raunächte sollen genau das sein: eine temporäre Flucht in eine „Anderswelt“, aus einem mit Problemen und Ängsten beladenen Alltag. Aber sie beinhalten auch einen Fingerzeig darauf, dass die Welt durchaus eine andere, bessere sein könnte.

„Ich entscheid’ mich für die Liebe ...“: Frieda Schaab gab, begleitet von Marina Schaab an der Gitarre, gleich zu Beginn ein Motiv des Abends vor. Foto: Fritz Kopetzky
„Ich entscheid’ mich für die Liebe ...“: Frieda Schaab gab, begleitet von Marina Schaab an der Gitarre, gleich zu Beginn ein Motiv des Abends vor.

Jede Menge Lieblingslieder

Musik befreit von der Schwere, die in diesen Zeiten auf allen Schultern zu liegen scheint, bemerkte Doris Schaab. Und den ersten Beweis dafür trat an diesem Abend Frieda Schaab an. Begleitet von ihrer Mutter Marina Schaab an der Gitarre und Reiner Marcon am Schlagzeug sang sie „Für die Liebe“ vom Berliner Singer-Songwriter-Duo Berge. Ein klares Statement: „Ich entscheid’ mich für die Liebe und für die Menschlichkeit ...“ Möge es in manches Ohr vordringen, dachte sich sicher der ein oder andere Zuhörer.

In viele Ohren drang an drei Abenden die Musik von Nachtkrapp. Die Band ist mehr oder weniger die Urzelle der Mitlechterner Raunächte und prägt die Veranstaltung seit mehr als einer Dekade. Es sind ihre „Lieblingslieder“ aus der Rock- und Popgeschichte, welche die Musiker auf ihre ganz eigene Art interpretieren, womit sie oft dem Original eine neue Note verpassen, ohne dessen Geist zu vertreiben. Da gibt es gern gehörte „Klassiker“, wie „Bloom“ (im Original von The Paper Kites), aber immer wieder auch Überraschungen. Zu ihnen zählte diesmal ganz sicher „Am Landwehrkanal“ von den Einstürzenden Neubauten.

Ein Gedicht vom Raben

Fester Bestandteil der Raunächte ist seit etlichen Jahren die Lyrik von Philipp Schaab. Für die Abende in diesem Jahr hatte es der Autor von Lyrik- und Prosabänden geschafft, auch ein Gedicht über das Wappentier der Band Nachtkrapp – den Raben – zu verfassen. Vom aufmerksamen Publikum laut beklatscht. Schaabs jüngster Erzählband „Die Stadt der leuchtenden Schmetterlinge“ ist vor gut einem Jahr erschienen.

Bei den Konzerten von Nachtkrapp erfahren die Zuhörer traditionell einiges über die bandinterne Geschichte der gespielten Songs. Wer hat die Nummer vorgeschlagen und wieso erntete sie oder er damit erst einmal Skepsis? Offenkundig im zweiten Anlauf nach ein paar Jahren hat es Marina Schaab geschafft, „Wonderful Life“ von Black auf die Setlist zu hieven. Kein Fehler.

Überhaupt ließ sich das Publikum gerne mitnehmen auf diese musikalische Reise in die Schwerelosigkeit – unter anderem mit „One Of Us“ von Joan Osborne, „The Weight“ von The Band, „Where The Wild Roses Grow“ von Nick Cave and the Seeds oder „Hold Back The River“ von James Bay. Am Ende sahen sich Verena Rach (Geige, Gesang), Marina Schaab (Gesang, Gitarre, Bass), Michael Schaab (Kontrabass, Bass, Gitarre, Gesang), Philipp Wetzel (E-Gitarre) und Reiner Marcon (Schlagzeug) mit Zugabewünschen konfrontiert, die das für diesen Abend geprobte Repertoire an seine Grenzen brachten.

Die Zeit außerhalb der Zeit

Von dem großen Schlussbeifall galt ein Teil auch Stephan Lauterbach, der für den Sound zuständig war, und der gesamten Großfamilie Schaab, die – auch wenn nicht auf der Bühne stehend – in die Organisation und Umsetzung der Raunächte eingebunden war. Damit hat sie den Gästen in dieser mystischen „Zeit außerhalb der Zeit“, zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr, in welcher der Überlieferung nach Geister und Dämonen Gestalt annehmen und Tiere sprechen können, eine Gelegenheit zu dem gegeben, was in den Raunächten dringend geboten ist: „den eigenen Geist zu reinigen“, wie Doris Schaab erklärte.

Das weitere Reinigungsgebot der Raunächte, das dem eigenen Haus gilt, muss dann schon jeder selbst umsetzen. Gerne sicherlich mit der Inspiration der Raunächte im Rücken.

Wie schon seit Jahren war auch Kabarettist Wolfgang Arnold wieder bei den Raunächten in Mitlechtern mit von der Partie. Im ersten Teil seines Beitrags zeigte er pointiert Kuriositäten mit Lokalkolorit auf und erntete damit viele Lacher.

Kabarett zum Lachen und Schlucken

Sei es seine Vermutung, dass der Trommturm in Wirklichkeit ein Bohrturm für Erdwärme ist, oder diejenige, dass hinter den zahlreichen Baustellen im Weschnitztal die Suche nach den drei verschollenen silbernen Glocken aus Mörlenbach steckt. Im zweiten Teil seines Beitrags knöpfte sich Arnold, in der Figur des Wutbürgers, die Gesellschaft vor. Egal wie brisant die Themen wie Gendern, Klimakrise oder Rassismus sind – Arnold legt stets den Finger tief in die Wunde, was zwar zu zahlreichem Zwischenapplaus und Zuspruch führte, sicherlich aber nicht jedermann im Publikum schmeckte. Trotz aller Kontroverse waren sich im Saal aber sicher alle in einer Sache einig: Jeder wünscht sich einen gesunden Planeten mit einer Welt ohne Rassismus. msa