Birkenau

Neues Leben in der Obergasse 6

Die Arbeiten an dem denkmalgeschützten Fachwerkhaus in der Obergasse 6 in Birkenau schreiten voran – in den kommenden Wochen kann das Erdgeschoss der öffentlichen Nutzung übergeben werden.

Im alten Fachwerkhaus in der Obergasse 6 kehrt Stück für Stück neues Leben zurück. Unser Bild zeigt die Bauherrengemeinschaft vor der neuen, alten Westfassade des Anwesens. Foto: Fritz Kopetzky
Im alten Fachwerkhaus in der Obergasse 6 kehrt Stück für Stück neues Leben zurück. Unser Bild zeigt die Bauherrengemeinschaft vor der neuen, alten Westfassade des Anwesens.

Wenn diese alten Mauern Geschichten erzählen könnten, dann würde man ihnen gespannt lauschen. Denn viel Historisches – inklusive ein paar Rätseln – steckt in dem Gebäude der Obergasse 6 in Birkenau, das im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Die Nutzung des alten Fachwerkhauses war so abwechslungsreich wie die Menschen, die in ihm ein- und ausgingen, – vom Schulhaus über das Dienstzimmer des Bürgermeisters bis zu einer eventuell religiösen Nutzung.

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Seit dem Frühjahr 2021 nimmt sich eine Bauherrengemeinschaft des historischen Gebäudes an, das aufwendig saniert wird. Das Erdgeschoss ist für die öffentliche Nutzung bestimmt. Und schon in ein paar Wochen sind die Arbeiten abgeschlossen, sodass die Räume noch im Laufe dieses Jahres wieder mit Leben gefüllt werden können.

Bereits von außen ist gut zu erkennen, dass sich einiges getan hat, vor allem an der neuen, alten Westfassade in Richtung Obergasse, an der nun das Baugerüst entfernt wurde. „Bisher wurde die Westfassade durch eine Holzverschalung versteckt, da Gefache herauszufallen drohten“, erklärt Susanne Tröscher. Sie, ihr Mann Arnulf sowie Ute Eck und Wolfgang Burckhardt bilden die Bauherrengemeinschaft für dieses „Schmuckstück“, wie sie sagen. „Gemeinsam mit dem Alten Rathaus bildet es das ,Tor zum alten Ortskern’.“

Im Jahr 2021 ging es los mit der Sanierung der Obergasse 6. Unser Bild zeigt das denkmalgeschützte Haus kurz vor dem Start der Arbeiten. Auf der Westseite ist noch die Holzverschalung zu sehen, die nun entfernt wurde. Foto: Sascha Lotz
Im Jahr 2021 ging es los mit der Sanierung der Obergasse 6. Unser Bild zeigt das denkmalgeschützte Haus kurz vor dem Start der Arbeiten. Auf der Westseite ist noch die Holzverschalung zu sehen, die nun entfernt wurde.

Drei Epochen werden sichtbar

In vielen Stunden wurden die Balken repariert oder getauscht, die nun an der Fassade sichtbar sind und es auch bleiben, erklärt Burckhardt, Schreiner und Kontaktperson der Interessengemeinschaft Bauernhaus für den Rhein-Neckar-Kreis. Neben den Balken sind die Fenster die auffälligste Veränderung an der Westfassade. So wurden im Erdgeschoss zwei große Fenster integriert – dabei orientierte man sich an einer Fotoaufnahme aus dem Jahr 1910, als das „Konsum“-Geschäft Löw in diesem Anwesen angesiedelt war und an selbiger Stelle zwei Schaufenster aufwies. Im ersten Obergeschoss ist ein großes Fenster an der Stelle entstanden, an der ursprünglich auch eines war – die Stelle wird durch ein gebogenes Andreaskreuz mit Nasen im Fachwerk deutlich, erklärt Burckhardt.

An den Fenstern, die sich in ihrer Größe unterscheiden, könne man außerdem drei verschiedene Bauepochen ablesen: im Erdgeschoss Typisches rund um 1900, als die Räume zu einem Ladengeschäft umgebaut wurden. Im ersten Obergeschoss zeigen sich barocke Umbauarbeiten rund um 1855 (mit zweiflügeligen Fenstern) und im zweiten Obergeschoss wird man mit Bleiverglasung arbeiten. Diese Fenster zeigen die Originalgröße des Gebäudes. Die Fenster im ersten Obergeschoss sind größer, da sie nachträglich eingebaut wurden.

Ein Blick ins Innere: Das Erdgeschoss steht mit viel Liebe zum Detail kurz vor der Fertigstellung. Die Holzvertäfelung stammt aus einer Weinheimer Schule. Foto: Fritz Kopetzky
Ein Blick ins Innere: Das Erdgeschoss steht mit viel Liebe zum Detail kurz vor der Fertigstellung. Die Holzvertäfelung stammt aus einer Weinheimer Schule.

Vor dem Abriss bewahrt

In der Farbgebung der Fassade orientiert man sich auch am Original: „Es wurden auf den Balken Reste von Grau gefunden. Diese Farbe nehmen wir also wieder auf“, sagt Burckhardt. Verwendet werden Leinölfarben auch in Rot und Grün, da es sich dabei um historische Farben handelt. „Blau war zu teuer in der Herstellung und nur bestimmten Gebäuden mit entsprechender Funktion vorbehalten“, erklärt der Fachmann. Die Farben nimmt man auch im Innern auf, wie beispielsweise in den Fliesen, die teilweise im Erdgeschoss verlegt werden.

In wenigen Wochen soll das Erdgeschoss der öffentlichen Nutzung übergeben werden. Foto: Fritz Kopetzky
In wenigen Wochen soll das Erdgeschoss der öffentlichen Nutzung übergeben werden.

Aufmerksam auf das rund 350 Quadratmeter große Gebäude wurden die Bauherren unter anderem durch die Berichterstattung in WN/OZ, dass von der Gemeinde als Vorbesitzerin seinerzeit eine Abrissgenehmigung erwirkt worden sei – dem kam schließlich die Bauherrengemeinschaft zuvor. Sie hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, Nacheiferer zu finden, die historische Häuser sanieren wollen.

Bereits in wenigen Wochen ist das Erdgeschoss so weit, dass die Gemeindebücherei, die derzeit im Obergeschoss des Alten Rathauses wenige Meter entfernt untergebracht ist, in aller Ruhe einziehen kann. Und bei einem Blick in die Räume fällt auf: Das Alte findet in den Mauern mit viel Detailarbeit wieder Verwendung: Lehm, Balken und Steine – alles, was noch gut erhalten ist, wird wieder verbaut.

Viel Liebe fürs Detail wird in den Innenausbau im Erdgeschoss gesteckt. Foto: Fritz Kopetzky
Viel Liebe fürs Detail wird in den Innenausbau im Erdgeschoss gesteckt.

Die Decke wird in aufwendiger sogenannter Lehmwickeltechnik bearbeitet, die alten Balken bleiben erhalten. Ebenso ein großer Rußfleck an der Decke, der zeigen soll: Hier war einst eine Küche, erklärt Susanne Tröscher. Dem Thema Zweitverwertung bleibt man auch in den dekorativen Arbeiten treu: So stammt die Holzvertäfelung im Erdgeschoss ursprünglich aus der Friedrichschule in Weinheim und wird nun in Birkenau verwendet. Ein Windfang im Jugendstil erhält ebenso ein zweites Leben. Und die Türen für die Obergeschosse stammen aus dem Haus, in dem ursprünglich das „Goldene Schaf“ in Weinheims Nördlicher Hauptstraße zu finden war.

Ein alter Stein gibt Rätsel auf

Im Erdgeschoss wird außerdem eine Glasplatte in den Boden eingelassen, um den Blick auf einen alten Stein zu ermöglichen, dessen Funktion bis heute jedoch noch ungeklärt ist. Ebenso gibt es noch keine weiteren Hinweise darauf, ob das Haus zeitweise als Synagoge genutzt wurde (wir haben berichtet). Hinweise auf eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, im Gewölbekeller haben sich bisher nicht finden können. Jedoch möchte man an der Spurensuche dranbleiben.

Gefunden hat man während der Arbeiten im Gebäude hingegen etliche Scherben oder auch Kinderspielzeug und einen Schuh aus der Jahrhundertwende.

Unser Bild zeigt die noch zu sanierende Ostfassade. Foto: Fritz Kopetzky
Unser Bild zeigt die noch zu sanierende Ostfassade.

In das Fachwerkhaus wurde eine Luft-Wärmepumpe eingebaut, die Dämmung in der Wand ist eine Mischung aus Holzhackschnitzeln mit Lehm und darüber ein Lehmputz. „Quasi das ganze Bauwerk dient als Gebäudedämmung“, erklärt Burckhardt. Nach Fertigstellung des Erdgeschosses stehen die Arbeiten in den Obergeschossen an, dort entstehen zwei Wohnungen. Schätzungsweise in drei Jahren rechnet die Bauherrengemeinschaft mit der kompletten Fertigstellung der Sanierungsarbeiten.

"Viel Herzblut, Fleiß und Expertise"

Wie Bürgermeister Milan Mapplassary im Gespräch mit der Redaktion sagt, soll der Umzug der Bücherei im Laufe des Jahres stattfinden. Und erste Ideen für die Nutzung des Obergeschosses im Alten Rathaus gibt es auch, wie zum Beispiel ein Trauzimmer, was aber noch gemeinschaftlich entschieden werden muss. „Wir können sehr froh darüber sein, dass engagierte Menschen so viel Herzblut in die Obergasse 6 investieren, um mit viel Fleiß und Expertise ein Stück Geschichte und Identität des Orts zu erhalten“, so Mapplassary.

Am Samstag, 20. Juli, wird um 10 Uhr von der IG Bauernhaus Rhein-Neckar zu einem Vortrag rund um das Thema Sanierung inklusive einer Fragerunde in die Obergasse 6 eingeladen. Anmeldung an ute-eck@gmx.de