Konzert

Riesige Spielfreude und ein Kochkässchnitzel

Die Cartwrights bescheren mit dem X-mas-Rock den Gästen in Erlenbach einen grandiosen Abend.

X-mas-Rock beim Schorsch: Die „Cartwrights“ bescherten den Gästen in Erlenbach einen grandiosen Musikabend voller Überraschungen. Hochkarätige Musiker, die sich den Spaß und die Spielfreude bewahrt haben: da wollte auch nach drei Stunden kaum jemand freiwillig nach Hause. Veranstaltet wurde das Konzert vom Erlenbacher Verein Kult-U(h)r-Pur um seinen Vorsitzenden Ed Steenkist. Foto: Ernst Lotz
X-mas-Rock beim Schorsch: Die „Cartwrights“ bescherten den Gästen in Erlenbach einen grandiosen Musikabend voller Überraschungen. Hochkarätige Musiker, die sich den Spaß und die Spielfreude bewahrt haben: da wollte auch nach drei Stunden kaum jemand freiwillig nach Hause. Veranstaltet wurde das Konzert vom Erlenbacher Verein Kult-U(h)r-Pur um seinen Vorsitzenden Ed Steenkist.

Man nehme zwei musikalische Odenwälder Urgesteine, gebe einen Kraichgauer Drummer und einen feurigen „eingeborenen“ Nachwuchsmann dazu, würze zwischendrin noch einmal mit zwei Gastmusikern nach und fertig ist ein musikalisches Vorweihnachtsmenü par excellence. Serviert wurde dieses am Samstagabend beim „Schorsch“ in Erlenbach.

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Längst ist der X-mas-Rock der „Cartwrights“ dort zur ebenso beliebten wie legendären Tradition geworden. Besinnlich ging es nur zu Beginn zu, als der Vorsitzende des ausrichtenden Vereine Kul-u(h)e-Pur, Ed Steenkist, den Zuschauern drei Dinge mitgab, die man beherzigen solle: Respekt voreinander haben, das Miteinander leben und Zufriedenheit. Fast auch schon traditionell wurden später in der Pause Spenden für Flutopfer im Ahrtal gesammelt.

Der Neue aus Erlenbach

Dann war Schluss mit besinnlich, denn dann zündeten Adam Dörsam (Gitarre), Armin Rühl (Drums) Matz Scheid (Bass) und der neue Sänger und Gitarrist der Cartwrights, Nico Klein, ein dreistündiges Rock-Feuerwerk voller Spielfreude. Nico Klein ist der Neue bei den Cartwrights. Der waschechte Erlenbacher hatte also ein Heimspiel beim Uhren-Schorsch.

Auch wenn ihn ein paar Jahrzehnte von seinen Mitmusikern trennen, die sich alle drei bereits in großen Schritten auf die 70 zu bewegen, der Youngster ließ sich durch das mehr an Bühnenerfahrung der drei alten Haudegen die Butter nicht vom Brot nehmen. Im Gegenteil: Der in Rimbach lebende Klein, studierter Bassist und Gitarrist, der seit 2013 Berufsmusiker ist, Songs schreibt und in verschiedenen Bands spielt, ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass im Odenwald ganz besondere Musiktalente auf die Welt kommen.

Rein mit Bonanza

Sicher: Vielen fehlte Sänger und Gitarrist Franz Scheucher, der lange Jahre untrennbar zu den Cartwrights gehörte. Er starb im Herbst 2020. Doch in seinem Geiste geht es weiter. Und wie! Die vier begaben sich gemeinsam auf eine musikalische Spielwiese, auf der sie sich nach Herzenslust austobten. Die Spielfreude, der Schalk im Nacken, die Lust am Improvisieren, sich gegenseitig musikalisch immer wieder zu necken eint die Vier. Bemerkenswert, dass ein Armin Rühl, der es gewohnt ist, als Schlagzeuger von Herbert Grönemeyer vor Zehntausenden zu spielen, im u(h)rigen Odenwald-Gasthaus mindestens ebenso viel Spaß an der Freude hatte.

Los ging es traditionell mit dem Bonanza-Titel-Song, freilich variiert mit einem Vorspiel, in dem man die Melodie von „Der dritte Mann“ ebenso auf die Ohren bekommt wie AC/DCs „Thunderstruck“. Als „Mann mit den flinkesten Fingern östlich des Rheins“, hatte Steenkist Adam Dörsam angekündigt, der natürlich den gesamten Abend über den Beweis dafür antrat, dass das eine in Stein gemeißelte Tatsache ist.

Beim Gesang wechselten sich Klein und Scheid ab. Bei „Midnight Special“ von Creedance Clearwater Revival stellte Nico Klein gleich unter Beweis, wie vielschichtig seine Stimme ist – mal rockig, mal melodiös, immer mit jeder Menge Gefühl. Es dauerte nicht lange, bis der Funke der Begeisterung auf das altersgemischte Publikum übersprang. Vor allem viele Ältere waren sehr textsicher, sangen Songs wie „Be-Bop-A-Lula“ oder Cashs „Ring Of Fire“ begeistert mit.

Das Konzert wird zur Session

Gerne stiegen alle in Elvis’ „Mystery Train“ ein, staunten über eines von vielen großartigen Soli von Adam Dörsam. Der „Cartwrights-Bop“ stammt aus der Feder von Klein, reiht sich ein in die gute Tradition des Rockabilly, macht einfach Spaß. „I’ve Been Loving You Too Long“ von Otis Redding widmeten die Musiker Franz Scheucher. „Ohne ihn würde es uns nicht geben“, blickten sie dankbar zurück. Auch hier ist es Klein, der die leisen Töne genau so gut beherrscht wie die rockigen, dazu ein tolles Solo von Dörsam. Gänsehautmomente beim Uhren-Schorsch.

Weiter ging es mit „Wipe Out“. Da ist es an den Instrumentalisten, ihr Können unter Beweis zu stellen: grandiose Gitarren-Riffs, ins Blut und in die Beine gehende Rhythmen von Drummer Rühl, der vor dem Gig das erste Kochkässchnitzel seines Lebens genossen hatte. Ob „Riders Of The Storm“, gesungen von Mats Scheid, Chuck Berrys Gute-Laune-Hit „Maybelline“, oder das mit viel Drive gespielte „No Particular Place To Go“ – es machte einfach alles Spaß.

Auch, als zwei junge Kollegen und Freunde von Nico Klein für ein paar Songs auf die Bühne kamen: Gitarrist Dominik Krauss und Drummer Raphael Pfeiffer. Drei Gitarren spielten „Rock This Town“ von den Stray Cats, das Konzert wird zur Session. Nach der Pause geht es weiter mit Cashs „Folsom Prison Blues“, das Publikum wird lauter, geht immer mehr aus sich raus, klatscht mit. „That’s alright“, „Johnny B. Goode“, ein Nummer-1-Hit folgt dem nächsten. Rühl sinniert zwischendurch über Odenwälder und Pfälzer Trinkgewohnheiten: In der Pfalz müsse er immer Riesling-Schorle aus einem großen Glas trinken, hier Apfelwein – „das passt auch“.

Das erste Kochkässchnitzel seines Lebens hat ihn tief beeindruckt, auch wenn er einen Schnaps hinter her brauchte. Kochkäse kannte er bis dato überhaupt noch nicht, den gebe es bei ihm nirgendwo im Laden. Warum eigentlich nicht? „Passt ihr so gut druff uff?“ Auch sein nächstes kulinarisches Experiment hat der Schlagzeuger bereits geplant, dann will er sich an Handkäs wagen.

Das „Wiegenlied zur Nacht“

Zu „Suzie Q.“ tanzen die ersten im Raum, das Drumsolo ist voller Überraschungen. Ebenso überraschend wie beeindruckend ist Adam Dörsams Interpretation von Chatschaturjans „Säbeltanz“ – die Metamorphose vom armenischen Volkslied zur Rockexplosion ist beeindruckend. Dann ist die Reihe wieder an „Balladen-Heiner“ Nico Klein, wie Matz Scheid den jungen Kollegen scherzhaft despektierlich bezeichnet: „Just One More Day“ ertönt. Es folgen Musikerwitze.

Mit „Bullfrog Blues“ „Route 66“, „Hound Dog“ und „Ghost Riders“ geht es weiter. Im Uhren-Schorsch ist Zeit an diesem Abend relativ. Die Uhren stehen auf Rock und Bluesrock, auf Spaß, ungebremste Spielfreude.

Als „Wiegenlied zur Nacht“ gibt es zur Zugabe „All Along The Watchtower“ auf die Ohren. Und schließlich singen alle im Saal den Refrain von „Detroit City“: „I wanna go home“.

Aber eigentlich will auch nach über drei Stunden noch gar keiner nach Hause an diesem grandiosen Abend.