Nieder-Liebersbach

Urenkel von USA-Auswanderer besucht Nieder-Liebersbach

Sein Urgoßvater ist 1881 von Nieder-Liebersbach in die USA ausgewandert. Über "liebersbach.wiki" hat Adam Attig seine Wurzeln in Deutschland entdeckt und den Heimatort des Großvaters besucht.

Jeniffer und Adam Attig (Bildmitte) vor dem Anwesen Balzenbacher Straße 17, also jenem Haus, von dem aus Urgroßvater Johann Michael Attig 1881 in die USA auswanderte und sich dort eine neue Existenz aufbaute. Unser Bild zeigt das Ehepaar mit dem Vorstand von „liebersbach.wiki“. Foto: Katrin Oeldorf
Jeniffer und Adam Attig (Bildmitte) vor dem Anwesen Balzenbacher Straße 17, also jenem Haus, von dem aus Urgroßvater Johann Michael Attig 1881 in die USA auswanderte und sich dort eine neue Existenz aufbaute. Unser Bild zeigt das Ehepaar mit dem Vorstand von „liebersbach.wiki“.

Das virtuelle Heimatmuseum liebersbach.wiki hat eine Reichweite, die die Welt umspannt. Immer wieder kommen über die Webseite des Vereins globale Kontakte zustande. So auch im Frühsommer, als sich Adam Attig mit einer Mail (auf Englisch) aus der Nähe von Houston in Texas meldete: „Ich habe Ihren Kontakt auf der Webseite liebersbach.wiki gefunden und hoffe, dass Sie mir helfen oder mich an jemanden weiterleiten können, der möglicherweise zusätzliche Informationen hat. Mein Urgroßvater Johann Michael Attig wanderte 1890 mit seiner Familie von Liebersbach in die USA aus und ich bin daran interessiert, mehr über die Gegend zu erfahren, in der sie lebten. Ich habe mehrere meiner Vorfahren auf Ihrer Webseite gefunden und würde gerne herausfinden, wo sich die Häuser befanden, in denen sie möglicherweise gelebt haben, sowie alle Grabstätten oder allgemeine Informationen, die möglicherweise verfügbar sind. Interessanterweise habe ich eine Originalkopie eines Fotos von James Knipe, das auf Ihrer Website gehostet wird, vor einem alten Holzhaus, das möglicherweise das Haus meiner Familie war, aber ich bin mir nicht sicher.“

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Interesse schnell geweckt

Damit war natürlich das Interesse des Vorstands von liebersbach.wiki geweckt, selbst nach Spuren der Familie Attig zu suchen – zumal Adam Attig seine Mail mit der Ankündigung schloss: „Meine Frau und ich planen eine Reise nach Deutschland und würden Ende Juli auch gerne Nieder-Liebersbach besuchen.“ In einer zweiten Mail stellte sich heraus, dass das angesprochene Foto mit James Knipe auf liebersbach.wiki in der „Sammlung Walter Jäger“ zu finden ist und das Anwesen Balzenbacher Straße 17 zeigt. Damit war das Interesse noch einmal gesteigert.

Denn das Haus, gelegen direkt gegenüber dem ehemaligen Rathaus in Nieder-Liebersbach, ist mit dem Baujahr 1607 nicht nur eines der ältesten im Dorf; es ist auch das Geburtshaus des wiki-Gründungs- und -Vorstandsmitglieds Heinz-Jürgen Weise. Dessen Mutter war eine Schwester von Fritz Kadel, der bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren dort lebte und im Ort besser bekannt war unter seinem Dorfnamen „Flaths Fritz“. Und richtig: Adam Attig schrieb im Verlauf der Korrespondenz, „in meiner Familie waren einige Vorfahren mit Menschen namens Kadel verheiratet“.

Auf dem Anwesen war einst die Obstkelterei Kadel eingerichtet. Unser Bild stammt aus dem Jahr 1935. Auf dem Fass sitzt der „Schmitte Addel“, der noch am Leben ist. Foto: Sammlung Walter Jäger
Auf dem Anwesen war einst die Obstkelterei Kadel eingerichtet. Unser Bild stammt aus dem Jahr 1935. Auf dem Fass sitzt der „Schmitte Addel“, der noch am Leben ist.

Nachweise an mehreren Stellen

In verschiedenen Archivalien spürte der Vereinsvorstand nun dem Namen Attig nach – und wurde verschiedentlich fündig, auch unter der früheren Schreibweise „Adig“. So findet sich in der Liebersbacher Einwohnerliste von 1855 der Eintrag eines Georg Michael Attig, geboren 1813, Beruf Wagner (Wagner, auch Stellmacher genannt, waren Handwerker, die Wagen, Räder und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellten).

Derselbe findet sich auch in der Hypothekenliste der Sparkasse Zwingenberg am 20. November 1835 mit einer Hypothekenschuld von 500 Gulden für einen Acker und eine Wiese. 1877 steht Georg Michael Attig im Verzeichnis der zur Gemeinderatswahl stimmberechtigten Bürger, letztmals erwähnt wird er 1882 als Auszügler (also auf dem Altenteil). In einer Liste der Steuerpflichtigen aus dem Jahr 1832 sind die Adam-Attig-Erben sowie dessen Witwe aufgeführt.

In der Einwohnerliste von 1843 kommen zusätzlich die Namen Maria Attig und Peter Attig vor. Noch früher, nämlich in der Erhebungsliste für die Errichtung eines neuen Galgens im Jahr 1741, findet sich ein Johannes Nickel Adig, in einer Schätzungsliste des Jahres 1759 ein Peter Adig. Ganz besonders relevant für den Texaner Adam Attig war natürlich ein Eintrag in den Auswandererlisten, die viele Emigranten des Dorfes erfassen und die Gemeindearchivar Günter Körner schon 2014 durchforstete: Adam Attig, geboren am 24. Mai 1859, von Beruf Schneider, ledig, evangelisch und ausgemustert (hatte also seinen Wehrdienst abgeleistet – eine wichtige Voraussetzung, um die behördliche Genehmigung zur Emigration zu erhalten).

Vor dem gleichen Anwesen: James Knipe, ein Anwalt aus Lancaster, Pennsylvania, USA. Das Bild stammt aus den 1950er-Jahren. Foto: Sammlung Walter Jäger
Vor dem gleichen Anwesen: James Knipe, ein Anwalt aus Lancaster, Pennsylvania, USA. Das Bild stammt aus den 1950er-Jahren.

Bleibende Existenz

Adam Attig beantragte die Auswanderung am 9. Februar 1881 zusammen mit der Familie Johann Michael Rettig und der Erläuterung: „Ich bin gesonnen, bei Anverwandten in Nord-Amerika eine bleibende Existenz zu gründen.“ Die Auswanderung erfolgte schon einen Monat später, am 3. März 1881, also neun Jahre früher als angenommen.

All diese Informationen lagen vor, als Adam Attig Ende vergangenen Monats mit seiner Frau Nieder-Liebersbach besuchte. Der Verein liebersbach.wiki hatte einen Imbiss im Vereinslokal Gud Stubb vorbereitet. Dort bekamen die Attigs auch einen Vortrag über die Lebensumstände in einem „der ärmsten Dörfer im vorderen Odenwald“ im 19. Jahrhundert zu hören, den Christine Dietrich zusammengestellt und Dr. Eberhard Jochims auf Englisch übersetzt hatte.

Ganze Auswanderungswellen

Diese Armut war es auch, die immer wieder zu Auswanderungswellen gen Nord-Amerika aus dem kleinen Dorf führten. Auch dazu gab es zusätzliche Informationen. Emotionaler Höhepunkt aber war ein Besuch in der Balzenbacher Straße 17, von wo aus Attigs gleichnamiger Vorfahr in die Neue Welt gewandert war. Inzwischen ist auch er nach seiner Europareise wieder gut in Texas gelandet, wie er den Verein in einer Dankesmail wissen ließ. Und wer war eigentlich der stattliche Herr mit Hut, der in den 1950er-Jahren vor dem Attig-Kadel-Haus abgelichtet wurde? James Knipe war ein Anwalt aus Lancaster, Pennsylvania, USA. Ob auch er der Familie Attig entstammte oder nur in deren Auftrag anlässlich eines Europa-Aufenthalts die alte Heimat besuchte, ist aber leider nicht mehr feststellbar.

Von Jochen Kruse