Ukrainehilfe Birkenau: Gemeinschaft in schwierigen Zeiten
Organisiert von Hans Heckmann und Jochen Kruse, werden Flüchtlinge aus der Ukraine umfassend unterstützt. Die Hintergründe.
Es sind immer die persönlichen Geschichten, die berühren, manchmal auch erschüttern. Wie zum Beispiel die, die uns Hans Heckmann, der ehemalige Vorsitzende der Birkenauer Gemeindevertretung und frühere Leiter der Rechtsabteilung im Weinheimer Rathaus, schildert: Eine junge, schwangere Frau aus Mariupol macht sich mit ihren drei Kindern und ihrer Mutter auf den Weg nach Westen, um vor den Schrecken des russischen Angriffskriegs zu fliehen. In einer Klinik in Odessa bringt sie ein Mädchen, eine Frühgeburt, zur Welt. Die Flucht führt weiter nach Bachmut, wo die Familie wochenlang in einem Keller ausharren muss, um vor Putins Bomben wenigstens halbwegs sicher zu sein, und reist von dort weiter nach Deutschland.
Die Familie kommt nach Birkenau. Doch das Schicksal ist erbarmungslos: Das Baby ist keine drei Monate alt, als die Frau die Nachricht vom Tode ihres Ehemannes erreicht. Der junge Soldat ist an der Front gefallen. 14 Tage später erleidet ihre Mutter, die Großmutter der vier Kleinen, einen Herzinfarkt und stirbt. Jetzt ist die Frau mit ihren Kindern – drei Mädchen und ein Junge – allein. Allein in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht und mit dessen Gebräuchen sie nicht vertraut ist. Wie soll es nun weitergehen?
Hans Heckmann, der gemeinsam mit dem Vorsitzenden der SVG Nieder-Liebersbach, dem Journalisten und früheren Kommunalpolitiker Jochen Kruse, die Ukrainehilfe Birkenau organisiert, weiß nach fast zweieinhalb Jahren Krieg in der Ukraine, wovon er spricht. Am 24. Februar 2022 ließ Putin das Nachbarland überfallen, bereits seit dem 13. März desselben Jahres helfen die beiden Männer den Kriegsflüchtlingen, wo sie nur können – unterstützt unter anderem von ihren Ehefrauen Monika und Christiane.
„Hans, kannst du mal kommen?“
Wie kamen Heckmann und Kruse dazu, so umfangreiche Hilfe zu leisten? Eine in Wald-Michelbach wohnende Frau hatte kurz nach Kriegsbeginn zehn Ukrainerinnen bei sich aufgenommen. Die Frauen waren nach ihrer Flucht aus ihrem Heimatland zunächst in einem Hotel im polnischen Krakau untergebracht, als eine von ihnen erklärte, sie wolle sich auf den Weg nach Deutschland machen, wo sie in Wald-Michelbach Bekannte habe. Kurzentschlossen reisten die Ukrainerinnen alle zusammen und kamen schließlich zu zehnt in der Überwaldgemeinde an. Schnell war die Gastgeberin überfordert und in ihrer Not wandte sie sich an Heckmann: „Hans, kannst du mal kommen?“ Hans kam, unterhielt sich mit den Ukrainerinnen per Übersetzungs-App und regelte die Dinge auf seine Art: schnell und unkompliziert. Zwei der Frauen fanden eine Unterkunft in Kocherbach.
Die Arbeit der Ukrainehilfe Birkenau
Zurzeit betreut die Ukrainehilfe Birkenau 74 Flüchtlinge in 22 Bedarfsgemeinschaften. 17 Bedarfsgemeinschaften befinden sich in Intensivbetreuung.
Folgende Hilfestellungen werden geleistet:
- Hilfen bei Anträgen und Behördengängen (u. a. Neue Wege, Familienkasse, Schulanmeldebögen, Krankenkassen, Jugendamt, Elterngeld).
- Arbeitsvermittlung (u. a. Arbeitssuche, Begleitung zu Vorstellungsgesprächen).
- Wohnungssuche (u. a. Mietverträge, Beratungen von Flüchtlingen und Vermietern).
- Wohnungseinrichtung.
- Notversorgung (private Essensspender/Fairteiler/Tafel).
- Kleiderhilfen (u. a. private Spenden und Fahrten zur Kleiderkammer des DRK).
- Übersetzungshilfen (u. a. Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Impfausweise, Auskünfte über ukrainische Konten).
- Integrationsbemühungen (u. a. Sprachkurse, orthodoxe Gottesdienste, Teilnahme an Weihnachtsmärkten in Nieder-Liebersbach und Birkenau).
- Nothilfe (u. a. Unterstützung bei Arztbesuchen, Fahrten zur Klinik, Fahrten zum Gesundheitsamt).
- Fahrdienste (u. a. Behörden, erste Schulvorstellung, Gesundheitsamt, Konsulat in Frankfurt, Arzttermine).
- Bürokratische Probleme (u. a. Ausländerbehörde, Dauer des Aufenthaltstitels, Anträge oder Überprüfungsbögen Familienkasse, Jugendamt Famlienkasse).
- Ansprache von Wohnungseigentümern mit Leerständen.
- Spenden.
- Unterstützung der ukrainischen Heimat.
Ein Anruf Heckmanns bei Kruse ergab, dass dieser im eigenen Haus nach eine kleine, eineinhalb Zimmer große Wohnung zur Verfügung stellen konnte. Diese Wohnung ist seitdem das Heim für eine Mutter, ihre beiden Kinder und eine Tante – ein Doppelbett und eine Schlafcouch genügten fürs Erste. Hauptsache, die vier hatten erst mal ein Dach über dem Kopf. Es war ein glücklicher Zufall, dass im zweiten Haus von Kruse durch die Kündigung eines Mieters gerade eine Wohnung frei geworden war. „Damit waren alle zehn erst mal anständig und sauber untergebracht.“
Überwältigende Resonanz
Untergebracht ja, aber es fehlte den Flüchtlingen, die außer ein bisschen Bekleidung kaum etwas in Koffern und Taschen mit nach Deutschland gebracht hatten, praktisch an allem. Die Ukrainehilfe appellierte an die Bevölkerung, zu helfen – die Resonanz war überwältigend. Möbel, Elektrogeräte, Geschirr und Haushaltsgegenstände wurden in so großer Zahl gespendet, dass die Lagerkapazitäten schnell knapp wurden, wobei die Erstversorgung der Neuankömmlinge trotzdem im Blick behalten werden musste.
Eine weitere Herausforderung war der Transport und der Aufbau der Möbel, bei dem Frank Jachmann, wie Kruse lange Jahre für die SPD in der Gemeindevertretung, und Hans Berg, ein Schwager von Heckmann, wertvolle Dienste leisteten. Beide sind handwerklich außerordentlich begabt. Auch eine Notversorgung für die Verpflegung wurde etabliert, die auf drei Säulen beruhte: privaten Essensspenden, dem Angebot des Fairteilers und der Inanspruchnahme der Tafeln.
Ein erstes Treffen mit den geflüchteten Ukrainern im April 2022 in der alten SVG-Halle war ein riesiger Erfolg in jeder Hinsicht. Die Halle stand voll mit Gegenständen, die hilfsbereite Menschen gespendet hatten und die die Gäste gut gebrauchen konnten. Fast genauso wichtig war die Entwicklung von persönlichen Beziehungen zwischen Ukrainern und Einheimischen. Diese Treffen wurden anfangs alle drei Wochen wiederholt. Schon bald stellte sich heraus, dass der Platz hinter der Bühne der SVG-Halle auf Dauer nicht als Lager für Spenden aus der Bevölkerung zur Verfügung stehen konnte. Daher sind die Sachspenden mittlerweile im katholischen Pfarrheim untergebracht. In der katholischen Kirche nebenan haben mittlerweile mehrere orthodoxe Gottesdienste stattgefunden.
Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der Ukrainehilfe ist die Organisation von Sprachkursen. Auch sie werden seit 2022 im katholischen Pfarrheim durchgeführt. Hatten die Organisatoren anfangs nur einen Deutschkurs für Erwachsene im Auge, wurde dieses Angebot schnell ausgeweitet. Mittlerweile sind es drei Kurse, zwei davon für Jugendliche und Kinder, die in Birkenau angeboten werden. Deutschlehrerin Svitlana Novoselska aus Weinheim, selbst gebürtige Ukrainerin, leitet die Kurse mit großem Erfolg. Unterstützt wird sie dabei von ihrer 16 Jahre alten Tochter, die selbst hervorragend Deutsch spricht und momentan eine Ausbildung zur Apothekenhelferin macht.
Aber die 16-Jährige ist nicht der einzige Gast aus der Ukraine, der schulisch und beruflich seinen Weg geht. So sei die Langenbergschule außerordentlich bemüht, den jungen Ukrainern nicht nur Wissen zu vermitteln. Ein Mädchen habe sogar den Sprung auf das Werner-Heisenberg-Gymnasium geschafft, wo sie sich auch dank der Unterstützung der Direktorin Gabriele Franke erfolgreich behaupte.
Auch die örtlichen Vereine bemühten sich mit großem Engagement um die Flüchtlinge. So habe die katholische Landjugendbewegung Birkenau (KLJB) Kinder aus der Ukraine mit in ihr Zeltlager genommen. Dafür habe die Ukrainehilfe Schlafsäcke und Isomatten besorgt, die von seiten des Kreises Bergstraße über Neue Wege bezuschusst wurden.
Riesengroße Hilfsbereitschaft
Wie Heckmann und Kruse betonten, sei die Spendenbereitschaft der einheimischen Bevölkerung bis heute ungebrochen. „Die Hilfsbereitschaft ist nach wie vor riesengroß.“ Momentan lägen sogar so viele Angebote vor, dass sie teilweise abgelehnt werden müssten. „Wirklich knapp ist nur Wohnraum – da freuen wir uns über jedes Angebot ganz besonders.“
Die Stunden, die die Ehepaare Heckmann und Kruse für das Wohl der Ukrainer ehrenamtlich geleistet haben, lassen sich kaum noch zählen. „Was Hans und seine Frau an Zeit und Wissen investieren, ist unglaublich“, sagt Kruse. Für jede Ukrainerin mit Kindern existiere mittlerweile ein großer Ordner mit Unterlagen. „Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht um die Flüchtlinge kümmern. Oft geht das bis um zehn oder elf am Abend“, erklärt Heckmann, der damit für beide Ehepaare spricht.
Auf die Frage, warum die beiden Männer sich in dieser Weise für die Flüchtlinge aus der Ukraine engagieren, müssen sie nicht lange überlegen. „Wenn eine junge Mutter vor dir steht und fragt, ob du ihr helfen kannst, musst du nicht lange überlegen. Dann bist du froh, wenn du helfen kannst“, sagt Hans Heckmann. Ganz ähnlich äußert sich auch Jochen Kruse: „Wenn du mal jemanden kennengelernt hast, der aus dem Kriegsgebiet geflohen ist und Hilfe braucht, dann kannst du ihn nicht einfach im Regen stehen lassen.“