Wie lief das Weihnachtsgeschäft?
Ladenbesitzer in Wald-Michelbach sprechen über das Weihnachtsgeschäft, beliebte Geschenke und das Konzept des Heimatshoppings
Das Weihnachtsgeschäft in ganz Hessen lief durchwachsen. Die Gründe erläutert Jochen Ruths, Präsident Handelsverband Hessen, in einer Pressemitteilung: „In einigen Branchen wird in den Wochen rund um Weihnachten bis zu einem Drittel des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Die allgemein gestiegenen Kosten relativieren jedoch die erzielten Umsätze erheblich.“ Vizepräsidentin Tatjana Steinbrenner präzisiert: „Die wirtschaftlichen Folgen der geopolitischen Lage und die damit einhergehende Konsumzurückhaltung spüren wir im Handel täglich deutlicher.“
Wie sieht die Situation im Überwald aus? Spürt der Handel hier auch eine Zurückhaltung oder den Konkurrenzdruck von Onlineplattformen wie Amazon, Temu oder SheIn? Die OZ-Redaktion hat einen Blick hinter die Fassaden der Geschäfte in der Ludwigstraße in Wald-Michelbach geworfen. Das Ziel: zu verstehen, wie der Einzelhandel das Einkaufsverhalten der Menschen vor Ort in den vergangenen Wochen wahrgenommen hat. Und ob das beim Gassenmarkt 2024 beworbene Konzept des Heimatshoppings auch tatsächlich umgesetzt wird.
Sparen statt Shoppen?
Wie lief das Weihnachtsgeschäft? Und was haben Kunden besonders häufig gekauft? Das sind die beiden Fragen, die wir in den Läden gestellt haben. Nicht alle haben wir dabei persönlich erreicht. Die Antworten der Geschäftsleute, mit denen wir gesprochen haben, zeigen ein vielfältiges Bild: Während einige mit Aktionen und treuen Kunden positive Akzente setzen können, sehen andere sich mit Zurückhaltung und Unsicherheiten konfrontiert.
Gleich zu Beginn trafen wir auf eine verschlossene Tür. Die Besitzer hatten sich bereits in die Weihnachtspause verabschiedet – so war es zumindest auf einem Zettel am Eingang zu lesen. Bei Sport Biehn hatten wir kurz danach mehr Glück. „Wir haben gemerkt, dass die Menschen sparen“, erzählt Bruno Biehn. Die Kauflaune in seinem Sportgeschäft sei „verhalten“, wenngleich er doch merke, dass der Betrieb kurz vor dem Fest etwas angezogen habe. Demgegenüber sei das Kaufverhalten aufs ganze Jahr betrachtet eher zaghaft gewesen. „Corona hat viel verändert.“ Doch sein Kundenstamm sei noch immer treu, freut sich der Inhaber, der seit 1977 am gleichen Standort seinen Sportladen betreibt. „Das hält unser Geschäft hoch.“ Die Nachfrage vor Weihnachten konzentriere sich auf Freizeitmode. Fitnesskleidung sei ganzjährig Thema. Besonders der Ski-Service liefe derzeit gut.
Schulranzen unterm Christbaum
„Schreibwaren werden mittlerweile auch gern zu Weihnachten verschenkt“, erzählt Florian Lindner von BTR Office. Daneben gingen Grußkarten in den Adventswochen überdurchschnittlich oft über die Ladentheke. Und sogar der ein oder andere neue Schulranzen aus seinem Laden stand in diesem Jahr als Geschenk unter dem Christbaum. Mit dem Verkauf sei er „sehr zufrieden“. Aus seiner Sicht habe das auch mit dem neuen Standort seines Geschäfts zu tun, seinen Social-Media-Aktivitäten und dem Weihnachtsmarkt, den er kürzlich veranstaltet habe. Sein Fazit: „Man darf heute etwas tun für die Kunden.“ Währenddessen verkaufte Living Art by Odenwald Elektro im Dezember vor allem Dekoklassiker wie Wichtel und Lichthäuser aus Porzellan, antwortet Torsten Kramer. „Was aber besonders gut ging, war Honig“, den er regional beziehe. Firmen hätten das gern als Weihnachtsgeschenk für ihre Kunden genommen. Dennoch bleibt das Weihnachtsgeschäft hinter den Erwartungen zurück, bedauert der Inhaber. Seine Vermutung: „Die Menschen sind gerade sehr verunsichert.“
"Im Vergleich zu früher deutlich ruhiger"
Im Baucenter läuft das Weihnachtsgeschäft rund, wie Geschäftsführer Cetin Bicer berichtet. Beim Besuch zeigt er sich jedenfalls zufrieden mit dem Kaufverhalten. Von Toastern über Taschen bis hin zu Kerzen – diese Artikel seien im Moment, also im Endspurt, besonders gefragt. Auch alles, was man Tieren zu Heiligabend schenken kann, sei sehr beliebt. Insbesondere Leckerlis für Vierbeiner seien als Weihnachtsgeschenke der Renner, wie zwei Mitarbeiterinnen an der Kasse erzählen. Zudem seien Adventskalender für Hunde und Katzen äußerst gefragt gewesen. Beim Wäscheladen unisono herrscht nach der Mittagspause reger Betrieb. An der Kasse wird gerade ein Geschenk verpackt. Im Vergleich zu früher sei es aber deutlich ruhiger, sagt Geschäftsführerin Ria Berbner-Schmitt, die auf ihre langjährige Erfahrung im Einzelhandel verweist. Und diesen Trend sieht sie skeptisch: „Ein Ort ohne Geschäfte ist tot. Der hat kein Flair mehr.“ Und noch etwas hat sie festgestellt: „Heute wird bewusster eingekauft, und es wird mehr auf Qualität geachtet.“ Grundsätzlich zeigt sie sich dankbar für ihre treue Kundschaft und insgesamt zufrieden. Besonders beliebt seien in der Weihnachtszeit Gutscheine gewesen, war von ihr zu erfahren. Es ist bereits später Nachmittag, als wir die Wissensoase, den Buchladen von Philipp Müller, betreten, der im April eröffnet wurde. Der Inhaber bringt sein Weihnachtsgeschäft auf den Punkt: „Es läuft super.“ Dafür sei er jedoch oft bis spät in die Nacht im Einsatz – um seine Kundschaft zufriedenzustellen und sich von der harten Konkurrenz des Onlinehandels abzuheben. Seine Strategie: „Mit einem Schwätzchen, viel Herz und wenig Mainstream.“ Dennoch seien es aktuell, also kurz vor Heiligabend, vor allem die viel beworbenen Neuerscheinungen, die er in Weihnachtspapier verpackt. Als Beispiele nennt er Angela Merkels Autobiografie. Auch Krimis seien nach wie vor bei ihm eine beliebte Geschenkidee, ergänzt er.
Mehr Kunden von außerhalb
Pierre König blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Bilanz. Im Mode Studio 23 läuft derzeit eine 50-Prozent-Aktion, da er sein Sortiment bald innerhalb der Ludwigstraße verlagert. Seine Kunden kämen jedoch ohnehin meist von außerhalb, weniger aus Wald-Michelbach selbst, erzählt er. Am häufigsten wurde vor dem Fest legere Kleidung gekauft, während festliche Mode bei ihnen weniger gefragt sei. Beliebt seien außerdem adventliche Dekorartikel und Kerzen, die der Modeladen ebenfalls im Sortiment hat.
Ein kurzer Abstecher in den Ortskern führt zum Blumenladen: „Bei uns in der Gass läuft es gut“, sagt Sonja Emig, die Inhaberin des gleichnamigen Blumengeschäfts, auf unsere erste Frage. „Wir können uns wirklich nicht beklagen.“ Ihre Mitarbeiterinnen sind beschäftigt mit dem Binden von Sträußen. Im ganzen Geschäft finden sich auf Regalen und Tischen Präsentkörbe mit Pflanzarrangements und weihnachtlichen Dekorationsfiguren. Amaryllis und Christrose – die Klassiker – sind laut Emig bei der Weihnachtskundschaft im Jahr 2024 noch immer beliebt.
„Sehr zufrieden“
Der Weihnachtsverkauf im Modehaus Schäfer Heimat Shop lief nach Aussage von Selina Lanzas, die der Redaktion per E-Mail geschrieben hat, „sehr gut“. Am gefragtesten seien warme Pullover, Accessoires wie Handschuhe, Stulpen und Schals sowie festliche Mode für die Feiertage gewesen. Beliebte Geschenke waren die „Odenwald-Kollektion für sie und ihn“ und, neu in diesem Jahr, auch für Kinder – und natürlich Gutscheine. Ihr Fazit: „Ich bin sehr zufrieden.“