Unglück

Als vor 50 Jahren ein Starfighter in Leutershausen abgestürzt ist

Am 23. Oktober 1973 zerschellt nur wenige Meter unterhalb des Gipfels der Hohen Waid in Leutershausen ein Starfighter. Der Pilot kommt ins Leben.

Am 23. Oktober 1973 stürzte ein Starfighter bei Leutershausen ab. Der Pilot kam ums Leben. Foto: Adobe Stock
Am 23. Oktober 1973 stürzte ein Starfighter bei Leutershausen ab. Der Pilot kam ums Leben.

Es hätte eine echte Katastrophe werden können, so aber kostete der Fehler des Piloten nur sein eigenes Leben. Die Rede ist von einem Ereignis, das heute vor 50 Jahren noch einmal glimpflich für die Menschen an der Bergstraße ausgegangen ist: Der Absturz eines Kampfflugzeuges vom Typ F-104, besser bekannt auch als „Starfighter“. Mit 4000 Litern Sprit im Tank war die Maschine des kanadischen Luftwaffenkapitäns McCullough am 23. Oktober 1973 vom NATO-Flugplatz Söllingen bei Rastatt, heute Regionalflughafen Baden-Airpark, gegen 9.30 Uhr zu einem Tiefflug unterhalb des Radars gestartet. Diese Mission endete bereits 25 Minuten später tragisch nur wenige Meter unterhalb des Gipfels der Hohen Waid.

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Kampfjet bohrt sich in den Boden

Mit rund 800 km/h Geschwindigkeit bohrte sich der Kampfjet in den felsigen Boden des Vorgebirges oberhalb von Leutershausen. In der damals noch selbstständigen Gemeinde bekam man von dem nur wenige Kilometer entfernten Unglück lediglich eine dumpfe Detonation mit, maßen dieser aber keine besondere Bedeutung bei. Da sich auch danach erst mal kaum etwas tat und weder Sirenen noch andere Rettungseinsätze zu bemerken waren, vergaßen die meisten Leutershausener den unerklärlichen Knall am Morgen auch gleich wieder.

Forstbeamte entdecken Überreste

Es sollten zwei weitere Tage ins Land ziehen, bis klar wurde, was da passiert und welcher Gefahr man entkommen war. Zwei Forstbeamte hatten die Überreste des Piloten entdeckt, an seinem Fallschirm in den Bäumen hängend. Anscheinend war die Zeit zu kurz gewesen, sich mit dem Schleudersitz zu retten. Ab da war es dann für einige Tage mit der Ruhe im beschaulichen Bergstraßenort vorbei. Hubschrauber kreisten über der Absturzstelle, die weiträumig abgesperrt und zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden war. Im Ort befragte die Polizei zahlreiche Bürger, die aber nur die Detonation bestätigen konnten, aber den Absturz direkt nicht gesehen hatten. Was man am eigentlichen Absturzort ebenfalls nicht mitbekam: Nachdem die F-104 von McCullough nicht am eigentlichen Zielflughafen in Norddeutschland angekommen war, setzte sofort eine Suchaktion des Rettungsdienstes Porz/Wahn mit 20 Hubschraubern westlich der Weser bei Hameln ein, weil dort ein Autofahrer einen Absturz gemeldet hatte. Ein Fehlalarm, wie sich zwei Tage später zeigen sollte. Dass das Militär so lange im Dunkeln tappte, was den Absturzort ihres wertvollen Kampfflugzeuges betraf, erklärt sich mit der besonderen Mission, in der sie unterwegs war.

Schwer zu finden: die Stelle unterhalb der Hohen Waid, an der am 23. Oktober 1973 ein Starfighter abstürzte. Man muss den nördlichen Weg zum Gipfel etwa 60 Meter unterhalb nach rechts verlassen, um die kleine Gedenkstätte zu finden. An dem Metallkreuz ist auch ein gerahmter Zeitungsbericht des verstorbenen WN-Redakteurs Heinz Gärtner angebracht. Foto: Erich Rathgeber
Schwer zu finden: die Stelle unterhalb der Hohen Waid, an der am 23. Oktober 1973 ein Starfighter abstürzte. Man muss den nördlichen Weg zum Gipfel etwa 60 Meter unterhalb nach rechts verlassen, um die kleine Gedenkstätte zu finden. An dem Metallkreuz ist auch ein gerahmter Zeitungsbericht des verstorbenen WN-Redakteurs Heinz Gärtner angebracht.

Zur Zeit des Kalten Krieges übte die NATO auch im gesamten Bundesgebiet mit Ausnahme von grenznahen Räumen, Großstädten, Flugplatzkontrollzonen und bestimmten gesperrten Gebieten Tiefflüge mit „Strahlflugzeugen“. Ältere Zeitgenossen werden sich noch gut an den ohrenbetäubenden Lärm erinnern, wenn die „Düsenjäger“ mit Überschall und einer Mindesthöhe von etwa 150 Metern übers Land donnerten. Für die F-104 Starfighter galt damals übrigens eine Mindesthöhe von 244 Metern. Warum das Ganze? In der Bundesrepublik Deutschland wurden die natürlichen Lücken in der Radarabdeckung von kleinen Radareinheiten des „Tiefflieger-Melde-Leitdienstes“ (TMLD) gedeckt. Diese hätten aber in der geringen zur Verfügung stehenden Zeit für eine Zielführung nicht schnell genug reagieren können. Somit hätte man im militärischen Tiefflug Abwehrfeuer und Abfangraketen größtenteils vermeiden können. Das ist heute Geschichte, ebenfalls wie der Absturz im Vorgebirge bei Leutershausen. Fragt man jemanden danach, erinnert sich kaum jemand daran. Es sei denn, man trifft jemanden, der 1973 gerade im Lausbubenalter angekommen war. Da kriegt man zu hören, dass der eine oder andere sich damals an den Absperrungen vorbeigemogelt und nach irgendwelchen „Souvenirs vom Düsenjäger“ gesucht hat. Und sich daheim dann die Standpauke der Mutter wegen des Kerosingestanks anhören musste.

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