Das Weinheimer Freizeitbad Miramar und seine Geschichte
1973 eröffnete das "Miramar" am Weinheimer Waidsee - damals wurde es als städtisches Schwimmbad konzipiert.
Das Miramar in Weinheim ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und zieht Besucher aus einem weiten Umkreis an. Als Spaß- und Familienbad mit Therme und Saunen ist die Einrichtung direkt am Waidsee bei allen Generationen beliebt. Doch was viele nicht wissen: Konzipiert wurde das Miramar, das am 26. Oktober 1973 nach drei Jahren Bauzeit eröffnet wurde, als städtisches Schwimmbad. Ein Blick in die bewegte Geschichte des Miramar.
Die Vorgeschichte
"Alpamare" - Freizeitzukunft für Weinheim? titelten die Weinheimer Nachrichten am 23. Februar 1972. Der Weinheimer Gemeinderat war 1972 eigens nach Bad Tölz gereist, um sich ein Bild von dem Vorzeigebad südlich von München zu machen. Weinheims damaliger Verkehrsdirektor Werner Schilling hatte nämlich die Idee aufgebracht, man könne doch ein solches Bad "auf privatwirtschaftlicher Basis" auch in Weinheim realisieren. "Der Gemeinderat informierte sich eingehend über die Möglichkeiten und Voraussetzungen, das erste Glied in einer von Dr. Höfter geplanten Kette von "Alpamare"-Objekten im gesamten Bundesgebiet zu werden, geschützt in einem Umkreis von 50 Kilometern vor Konkurrenten aus dem eigenen Haus und geschützt von der bisherigen Erfahrung des Tölzer Urtyps vor gleichartigen Einrichtungen anderer Träger", schrieb WN-Redakteur Heinz Keller in seinem Artikel. Der erwähnte Dr. Max Höfter war der damalige Kurdirektor von Bad Tölz.
Die Exkursion nach Oberbayern hatte sich offenbar ausgezahlt. Schon im März wurde bekannt, dass sich Weinheim um das "modernste Freizeitzentrum Europas" bewirbt. Die Gespräche mit Dr. Höfter stünden unmittelbar bevor, schon Anfang des kommenden Jahres könne das Bad eröffnet werden.
Für heutige Verhältnisse ging dann alles - auch angesichts der angesetzten Beträge - ziemlich schnell. Am 5. Juli 1972 fiel der Startschuss für das Acht-Millionen-Mark-Projekt. Die designierte Geschäftsleitung der Miramar Freizeitzentrum GmbH stellte die Planungen und Kostenberechnungen für Bau und Betrieb des Bades vor und der Gemeinderat nickte die Bürgschaft für das notwendige Darlehen ab. Gesellschafter der Miramar Freizeitzentrum GmbH waren mehrheitlich die Stadt Weinheim und minderheitlich die Rhein-Neckar AG in Mannheim. Als Aufsichtsratsvorsitzender fungierte der damalige Oberbürgermeister Theo Gießelmann. 26 Stadträte stimmten für das Miramar, vier dagegen, drei Lokalpolitiker enthielten sich.
Die Bagger rollen an
Im Dezember 1972 - kurz vor Weihnachten - verkündeten die Weinheimer Nachrichten schließlich: "Das ,Miramar' ist gestartet. Mit der Vergabe der Erd- und Rohbauarbeiten war das Projekt offiziell gestartet. Der Aufsichtsrat legte "familienfreundliche Preise" fest: 8 Mark zahlte man in der Anfangszeit als Erwachsener für eine Tageskarte, die übertragbare 10er-Karte gab es für 60 Mark.
Aus heutiger Sicht übrigens ebenfalls kaum vorstellbar: Als Eröffnungstermin war der 15. Oktober 1973 anvisiert worden, nur wenige Tage später, am 26. Oktober 1973 war es tatsächlich so weit: "Weinheims ewiger Sommer hat endlich begonnen. Bad und Begeisterung schlugen hohe Wellen" lautete die Schlagzeile in den Weinheimer Nachrichten in der Wochenend-Ausgabe vom 27./28. Oktober 1973. Den Artikel zierte ein Foto des Star-Architekten Waldemar Lippert, der den Schlüssel für das Miramar an Verkehrsdirektor Werner Schilling übergab.
Das Miramar stieg schnell zum Star in Weinheim auf. Bei Karnevalssitzungen lieferte das Bad Stoff für Pointen, am 1. April 1974 erlaubte sich die Redaktion der Weinheimer Nachrichten einen Aprilscherz und behauptete - augenzwinkernd natürlich -, die bereits weitgehend stillgelegte Eisenbahntrasse "Wormser Bahn" auf der Waid werde in den Dienst des Miramar gestellt. Ganz und gar nicht erfunden waren die Besucherzahlen: 400.000 Badegäste wurden in den ersten sieben Monaten gezählt.
Weitere Meilensteine
1974 wure der FKK-Bereich im Miramar eröffnet.
Im Dezember 1977 begrüßte man den zweimillionsten Badegast: die 19-jährige Ulrike Hafner aus Frankfurt.
Doch dann wurde es unerfreulicher: Im September 1978 berichteten die Weinheimer Nachrichten über die Miramar-Finanzen. Der Sprecher der Bürgerinitiative Waidsee (die das Miramar von Anfang an skeptisch beäugte), der Unternehmensberater Dr. Wolfgang Walter, hatte mithilfe des Bundes der Steuerzahler Einblick in den städtischen Etat erwirkt. Anschließend verfasst Walter einen Brief an OB Gießelmann, den er in Kopie auch an die Zeitung schickte. Darin schreibt er, dass bis zum 31. Dezember 1975 bereits ein Verlust von rund 1,6 Millionen Mark aufgelaufen war. Der Gesamtverlust am Jahresende 1976 habe bei 1,8 Millionen Mark gelegen. Die Stadt wiegelt ab, führt wie Dr. Walter jede Menge Zahlen ins Feld und prognostiziert, die GmbH werde 1978 einen "erheblichen Gewinn" erzielen.
Viel Lärm um nichts? Die Wogen scheinen sich geglättet zu haben, was vielleicht auch Hans Todt und Dr. Markus Weber alias Magier Marco geschuldet ist, die 1981 als neueste Miramar-"Knüller" auf der dortigen Kleinkunstbühne angepriesen werden. Doch irgendwie bleiben die Finanzen doch ein Thema. 1983 veröffentlichen die Weinheimer Nachrichten eine kleine Notiz, in der es heißt: "Das Allwetter-Freizeitzentrum Miramar" ist zu 99,64 Prozent im Besitz der Stadt Weinheim, die bisher einen Anteil von 75 Prozent am Eigenkapital der Trägergesellschaft hilet. Partner der Stadt ist die Mannheimer Rhein-Neckar-AG geblieben, ihr Anteil hat sich jedoch auf 0,36 Prozent verinngert, weil sie sich an der von der Stadt Weinheim durchgeführten Aufstockung des Eigenkapitals bisher nicht beteiligte." Theo Gießelmann, der damalige Weinheimer OB und Miramar-Aufsichtsratsvorsitzende, erhalte für seine Tätigkeit eine Aufwandsentschädigung. Anteile am Miramar habe er nicht.
Die erste große Rutsche
Heute ist das Miramar unter anderem für seine vielen Rutschen bekannt. Die erste - 54,8 Meter lang - wurde im September 1983 eröffnet. Derweil kamen internationale Delegationen ins Freizeitbad. Finnen, Japaner, Schweden - alle wollten sich selbst ein Bild der Anlage machen. Doch hinter den Kulissen bröckelte das Image des einstigen Vorzeigeobjektes gewaltig. Im Februar 1985 war in den Weinheimer Nachrichten zu lesen: "Das Allwetter-Freizeitzentrum Miramar am Weinheimer Waidsee ist ein Kind der scheinbar grenzenlosen Wachstumseuphorie der frühen siebziger Jahre. Als es am 7. Juni 1972 von der großen Mehrheit des Gemeinderats beschlossen wurde, genügten 20.000 Mark Eigenkapital für ein acht Millionen Mark teures Projekt, das nicht nur Kostendeckung versprach, sondern Gewinnerwartungen auslöste. Deshalb hatte die Gemeinderatsmehrheit einen Monat später auch keine Bedenken, für die Miramar-GmbH die selbstschuldnerische Bürgschaft für ein Darlehen bis zu acht Millionen Mark zu übernehmen und damit eine Finanzierungsform zu wählen, die heute niemand mehr wagen würde."
Finanzielle Probleme
Die Energiekosten stiegen, die Eintrittspreise mussten angesichts der Rezession gesenkt werden, das Miramar verzeichnete einen Besucherrückgang. Es wurde ungemütlich für die Verantwortlichen im Weinheimer Rathaus. Auch wenn die Grünen im Gemeinderat gerne öffentlich über die Zukunft des Bades diskutiert hätten, so verlegte Oberbürgermeister Gießelmann die Debatte im Mai 1986 dennoch in den nicht-öffentlichen Teil.
Am 5. Dezember 1986 - inzwsichen hieß der Weinheimer Oberbürgermeister nicht mehr Gießelmann, sondern Uwe Kleefoot - titelten die Weinheimer Nachrichten schließlich: "Stadt sucht seriösen Käufer für das Miramar". Die Jahre 1984 und 1985 waren geprägt von hohen Verlusten, die Stadt beschloss, die Reißleine zu ziehen - das Bad jedoch zu erhalten. Der Pforzheimer Privatbankier Heinz Steinhart schien der richtige Käufer, er hatte unter anderem das defizitäre Monte-Mare-Freizeitbad in der Westerwald-Gemeinde Rengsdorf übernommen und profitabel gemacht. Die Grünen hingegen hatte Bedenken, sie plädierten dafür, das Bad stillzulegen - jedoch ohne Erfolg.
Das Miramar wird an Steinhart verkauft
Am 14. Mai 1987 beschloss der Gemeinderat am Ende einer dreieinhalbstündigen Sondersitzung mit 26:14 Stimmen: Das Miramar wird an Heinz Steinhart verkauft, er erhält die Gesellschaftsanteile der Stadt Weinheim. "Der Verkauf bringt nicht nur nichts in die Stadtkasse, sondern kostet den Steuerzahler noch rund 7,5 Millionen Mark unter anderem für die Ablösung der Bürgschaftsverpflichtung und die Gewährung von jährlichen Betriebskostenzuschüssen.
Die Hotel-Debatte
Angesichts des Bürgerentscheids im Sommer 2024 kommt einem ein Satz aus dem Bericht des Jahres 1987 bekannt vor. "Als besonders schmerzlich empfindet die in der Abstimmung unterlegene Minderheit der Stadträte die Grundstücksverkäufe in einem vorrangig der Erholung dienenden Gebiet, das nun wohl bebaut werde. Die Nutzungsbegrenzung auf das Miramar und ein Hotel ist für die CDU-Fraktion deshalb Voraussetzung für ihre Zustimmung zum Übernahmevertrag,der von einer Gemeindratskommission mit Steinhart noch ausgehandelt werden muss."
Und wie in einem Wellenbad ging es auch im Miramar auf und ab. Im November 1987 wurde die neue Riesenrutsche mit einem großen "Riesen-Rutschenfest" ein geweiht, direkt am See entstand die finnische Sauna. Doch während sich die Finanzen des Miramar positiv entwickelten, machte die Bankenaufsicht Steinharts Privatbank im Sommer 1988 dicht, im Oktober musste Heinz Steinhart wegen des Verdachts der Untreue sogar vorübergehend in Haft, gleichzeitig ging die Steinhart-Bank in Konkurs.
Doch das Miramar schwamm sich frei, machte weiter Gewinne und wuchs inzwischen unter der Ägide von Brigitte Steinhart, der Ehefrau von Heinz Steinhart, und den beiden Söhnen Marcus und Andreas Steinhart. Neue Rutschen, ein Ausbau der Saunalandschaft.
Millionenschaden bei Brand im Jahr 1994
Am 10. Mai 1994 brach im Saunabereich ein Feuer aus - der Schaden belief sich damals auf drei Millionen Mark. Damals befanden sich rund 350 Gäste im Wellen- und Freizeitbad, manche mussten sich leicht bekleidet ins Freie retten.
1996 erhielt das Miramar ein neues Wellenbad.
Im Jahr 2004 bauten das Miramar und der Energieversorger MVV eine Geothermie-Anlage, die 65 Grad heißes Wasser aus rund 1000 Metern Tiefe pumpt.
Für erneute Schlagzeilen sorgte das Miramar dann im Jahr 2023. Pläne für ein Hotel und ein Parkdeck am Waidsee stießen auf erheblichen Widerstand - schließlich kam es am 9. Juni 2024 sogar zum Bürgerentscheid. Und der fiel knapp aus: 50,94 der Stimmberechtigten hatten mit "Ja" gestimmt und damit den Miramar-Plänen für den Bau eines Hotels und eines Parkdecks eine Absage erteilt. 49,06 Prozent stimmten mit "Nein".
Es war offenbar kein gutes Jahr für das Miramar, denn kurz vor Weihnachten, in der Nacht auf den 9. Dezember, brach in der Therme ein Feuer aus.