Weinheim

„Der Hass wird immer mehr“

Weinheimerin mit eritreischen Wurzeln wird am helllichten Tag Opfer von Fremdenfeindlichkeit.

Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt eine 42-jährige Weinheimerin mit eritreischen Wurzeln von ihren Erfahrungen mit zunehmendem Rassismus. (Symbolbild) Foto: Adobe Stock
Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt eine 42-jährige Weinheimerin mit eritreischen Wurzeln von ihren Erfahrungen mit zunehmendem Rassismus. (Symbolbild)

Dass Amina* auch nach bald 30 Jahren in Deutschland noch damit rechnen muss, auf der Straße unvermittelt „Negerin“ genannt zu werden, ist etwas, das an der Weinheimerin mit eritreischen Wurzeln mittlerweile abprallt. „Das passiert so oft, daran habe ich mich gewöhnt“, so die 42-Jährige. Junge Leute machen sich beispielsweise einen Spaß daraus, rufen ihr den rassistischen Begriff zu und rennen dann lachend weg. Aber als sie darüber spricht, was ihr an diesem Mittwoch an der Haltestelle „Alter OEG-Bahnhof“ passiert ist, bricht Amina in Tränen aus.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Demnach saß sie gerade da, ihr Blick ruhte auf ihrem Smartphone, und sie wartete auf die Linie 5, als ein junger Mann sie wie aus dem Nichts angriff. Der schätzungsweise 20- bis 30-Jährige trat ihr mit voller Wucht gegen den Fuß. Dann schrie er sie an: „Er hat gesagt, ich soll abhauen“, erzählt Amina mit bebender Stimme im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie ist sich sicher: Er meinte, sie solle aus Deutschland verschwinden. Anschließend ging er die Bergstraße in Richtung der Supermärkte weiter. Zwei Frauen kamen auf Amina vom gegenüberliegenden Gleis zu. Sie sagten ihr: „Du hast Glück gehabt.“ Und berichteten: Der Mann habe zuvor einen Stein aus dem Gleisbett aufgehoben. Er habe ihn die ganze Zeit in der Hand gehabt. In der anderen hielt er eine vollgepackte Einkaufstasche. Die 42-Jährige ging zur Polizei, um den jungen Mann anzuzeigen.

Das Polizeirevier Weinheim sucht derzeit nach ihm. Er wird als circa 1,75 bis 1,80 Meter groß und rund 85 Kilogramm schwer beschrieben. Er hat vermutlich blondes Haar, zum Tatzeitpunkt trug er einen blauen Hoodie.

Die Tat ereignete sich an der Haltestelle „Alter OEG-Bahnhof“. Foto: Archivbild: Philipp Reimer
Die Tat ereignete sich an der Haltestelle „Alter OEG-Bahnhof“.

Kein Einzelfall

Ein Akt der Fremdenfeindlichkeit, am helllichten Tag in Weinheim. Aber bei Weitem kein Einzelfall. Im Gegenteil: „Der Hass wird immer mehr“, sagt die 42-Jährige. Besonders sorgt sie sich um ihr Kind, einen neunjährigen Jungen. Dass die Fallzahlen steigen, bestätigt auch ein Blick in den aktuellen Sicherheitsbericht des baden-württembergischen Innenministeriums. Demnach nahmen rechtsmotivierte Straftaten 2023 um 31,3 Prozent zu. Waren den Behörden 2022 noch 1459 Fälle bekannt (davon 36 Gewaltdelikte), verzeichneten sie 2023 1916 Straftaten (52 Gewaltdelikte). „Die Zahl der Beratungen hat sich mit bisher über 200 Fällen in diesem Jahr mehr als verdoppelt, vielleicht sogar verdreifacht“, erzählt eine Antidiskriminierungsberaterin aus dem Rhein-Neckar-Kreis. Weil Presse-Statements mit der Geschäftsführung abgesprochen werden müssten und am Freitag niemand mehr erreichbar sei, bittet die Beraterin darum, weder ihren Namen noch den des Vereins zu nennen. Gleichwohl ist der Verein der einzige Ansprechpartner, an den sich Opfer aus Weinheim wenden können und der am Freitag auf die Anfrage unserer Redaktion antwortet.

Schnelle Hilfe fehlt

Das unterstreicht ein Problem: Im Rhein-Neckar-Kreis, aber auch in Weinheim, fehlt eine schnelle und unkomplizierte Hilfe für Opfer politisch motivierter Verbrechen. Das Landratsamt erklärt auf Anfrage, über keinen entsprechenden Ansprechpartner zu verfügen. Die Verwaltung verweist aber auf den Verein Weißer Ring, der sich um Opfer jeglicher Straftaten kümmert. Eine Anfrage bei der Außenstelle im Rhein-Neckar-Kreis bleibt am Freitag unbeantwortet. Die Polizei empfiehlt bei der Frage nach Anlaufstellen baden-württembergische Hilfsangebote. In Weinheim gibt es mit Ulrike Herrmann zwar eine Integrationsbeauftragte, in deren Büro geht jedoch gestern niemand ans Telefon. „Hier muss sich dringend etwas verbessern“, meint Linken-Stadtrat Dr. Carsten Labudda hierzu im Gespräch mit den WN. Es brauche dezentrale Hilfe vor Ort, niedrigschwellig, um auch Nicht-Muttersprachlern einen einfachen Zugang zu ermöglichen. „Das Thema muss in die Gremien: Das kann so nicht bleiben“, so Labudda, der verspricht, sich der Sache anzunehmen.

Was die Ursache für die Zunahme der Fremdenfeindlichkeit anbelangt, herrscht unter allen Gesprächspartnern Konsens. Sie benennen den Rechtsruck, der durch die Gesellschaft geht. „Je stabiler rechtes Gedankengut wird, desto mehr trauen sich die Leute, es auch auf der Straße auszuleben“, meint Martin Wetzel, Geschäftsführer des Weinheimer Stadtjugendrings. Der Verein ist kommunale Anlaufstelle des Demokratiezentrums Baden-Württemberg. Ihr gehe es vor allem darum, gegen rechte Strukturen tätig zu werden. Beispielsweise wenn Eltern die Befürchtung haben, dass der neue Freundeskreis des Kindes im rechten Milieu zuhause sein könnte. Natürlich könnten sich aber auch Opfer von Rassismus melden, denen man dann entsprechende Hilfsstellen vermittele.

„Keine rechte Jugendszene“

Auch wenn der Täter im Fall der Eritreerin Amina ein junger Mann war, kann der Geschäftsführer des Stadtjugendrings allgemein Entwarnung geben: „Wir haben in Weinheim keine offene rechte Jugendszene.“

Amina, die in Weinheim lebt und arbeitet, ist es ebenfalls ein Anliegen, zu betonen, dass ihr hauptsächlich deutsches Umfeld nichts mit Fremdenfeindlichkeit am Hut hat. Die 42-Jährige, die selbst längst deutsche Staatsbürgerin ist, schätzt ihre Freunde und die Kollegen bei der Arbeit.

Trotzdem hofft sie, dass ihr Angreifer, der ihr vor allem seelische Wunden zugefügt hat, bald gefunden wird.

(*Name von der Redaktion geändert.)

Das Polizeirevier Weinheim hat die Ermittlungen aufgenommen und sucht nach dem Tatverdächtigen. Sie bittet unter der Telefonnummer 06201/10030 um Hinweise zum Vorfall.