Die Bürger und die „Langhaarigen“: Als Weinheims Jugendliche auf die Straße gingen
Spannender Rückblick in die Weinheimer Stadtgeschichte: Das Jugendzentrum und die Zukunft der Gesamtschule sorgen in den 1975ern für Unruhe.
Der Stein kam unmittelbar vor dem Jahresbeginn 1975 ins Rollen: Das Eröffnungsfest für Weinheims erstes Jugendzentrum in Selbstverwaltung am 14. Dezember 1974 hatte die Hoffnung genährt, dass das seit Jahren schwelende „Jugendproblem“ damit gelöst ist. Wochenlang hatten Teenager, die sich nicht in den Verbänden des Stadtjugendrings betätigen, sondern ihre Freizeit selbst bestimmen wollten, das ehemalige Gärtnerhaus im Haganderpark für ihre Ziele einer alternativen Nachwuchspolitik in Eigenarbeit umgestaltet. Die Stadt hatte ihnen das leerstehende Gebäude in Selbstverwaltung überlassen, wollte aber einen Ansprechpartner haben. Vorangegangen waren viele gescheiterte Versuche, organisierte und nicht organisierte junge Menschen in irgendeiner Form der Zusammenarbeit zusammenzuführen.
Schikane und Zerstörungslust
Der Ansprechpartner war schließlich ein Trägerverein, der die Übernahme vorbereitete, dabei aber auch schnell erkannte, dass „Selbstverwaltung gelernt werden muss“, wie es dessen Vorsitzender Bernhard Schöps bei der Eröffnung formulierte. Und das sollte sich schon bald auf desaströse Weise bewahrheiten: Eine Rocker-Bande aus Mannheim zertrümmerte das mühsam zusammengetragene Mobiliar und schikanierte Besucher. Das war der Anfang von neuem Misstrauen zwischen der Stadtverwaltung und den nicht organisierten Jugendlichen, die sich bei ihrer als gerecht empfundenen Forderung nach einem eigenen Treffpunkt von der Jugendbehörde völlig unverstanden fühlten.
Abi-Protest führt zur Spaltung
Was 1970 mit dem Protest von Oberstufenschülern des Gymnasiums gegen den Vietnam-Krieg begonnen hatte, also der Weigerung der Abiturienten, von der Schulleitung die Abschlusszeugnisse in der gewohnt festlichen Form der Abi-Feier entgegenzunehmen, spaltete die Weinheimer Stadtgesellschaft und füllte die Leserbriefspalten der „Weinheimer Nachrichten“. Die je nach Treffpunkt genannte Dürreplatz-, Ehrenmal-, Bürgerpark-, Windeck- oder Waidsee-Gruppe, die auch kurzfristig das zum Abriss bestimmte Hotel „Pfälzer Hof“ besetzte, hatte stets auch Alkohol- und Drogenprobleme mit im Gepäck. Und immer wieder gab es Begegnungen mit der Polizei, die die Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber den „Langhaarigen“ nährten.
Als sich die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), ein marxistisch-leninistischer Jugendverband, der vom Verfassungsschutz inzwischen als linksextremistisch eingestuft wird, in die Weinheimer Jugendprobleme einmischte und vor dem Hintergrund von Entlassungen bei Freudenberg und steigender Jugendarbeitslosigkeit in der Stadthalle ein „Freudenberg-Tribunal“ abhalten wollte, lief das Fass über: Oberbürgermeister Theo Gießelmann sperrte die Stadthalle – und der Trägerverein für das selbstverwaltete Jugendzentrum musste sich fortan auch mit dem Vorwurf der politischen Unterwanderung auseinandersetzen.
Gewinn für Gemeinderat
Die Auseinandersetzungen und die Bemühungen um eine ständige Bleibe für eine alternative Jugendpolitik hielten noch einige Jahre an, führten aber bestenfalls zu Zwischenlösungen wie das Haus Weiß in der Nachbarschaft der Stadthalle oder die vom DRK geräumte, von der Stadt notdürftig sanierte ehemalige Frauenarbeitsschule auf dem Dürreplatz, die nach der Entscheidung für die Tiefgarage Dürreplatz keine Zukunft mehr hatte. Als mit dem Jugendhaus West ein neuer Jugendtreff geschaffen wurde, köchelte das Thema nur noch auf kleiner Flamme.
Doch aus dem jahrelangen Meinungsstreit ging auch ein Gewinner hervor: die Weinheimer Kommunalpolitik. Uwe Kleefoot, damaliger Vorsitzender des um Zusammenarbeit von organisierter und nicht organisierter Jugend bemühten Stadtjugendrings, wurde 1986 Oberbürgermeister und Hans Georg Junginger, damals Sprecher der an eigenen Lösungsvorschlägen arbeitenden Jungsozialisten, wurde Kleefoots Nachfolger als SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und Landtagsabgeordneter. Auch Hans Ulrich Sckerl, der einst die Jugendpolitik der Stadt als „jugendfeindlich“ geißelte, fand als Grünen-Stadtrat schließlich Interesse an einer erfolgreichen Kommunal- und Landespolitik. „Die Diskussion um das Jugendzentrum kam das ganze Jahr 1975 über nicht zur Ruhe“, hat Dr. Helmut Pönisch in seiner „Illustrierten Chronik der Stadt Weinheim 1945–1990“ die Rückschau auf die Zweiburgenstadt vor 50 Jahren eingeleitet. Als dickes Sorgenpaket nahm der Gemeinderat das Jugendproblem mit ins neue Jahr und bekam gleich noch ein zweites dazu: die Befürchtung vieler Eltern, dass ihre Kinder am Modellversuch des Landes mit der Integrierten Gesamtschule nicht die zum Studium notwendigen Abschlüsse erreichen könnten.
Die Modellversuche in Weinheim und Freiburg, von Hans Filbinger (CDU) Großer Koalition beschlossen, waren in Stuttgart zum Zankapfel zwischen den unterdessen allein regierenden Christdemokraten und der nun oppositionellen SPD geworden. In Weinheim erreichten die Auseinandersetzungen im März 1975 Höhepunkte in einer Sondersitzung des Gemeinderats (WN-Titel: „Der Gemeinderat will den Erfolg der Gesamtschule“) und in einer überfüllten Veranstaltung mit dem Ministerialdirigenten des Stuttgarter Kultusministeriums. Ein Katalog für das künftige Konzept der Gesamtschule beendete die hitzige Debatte um die von der Schulbehörde geforderte Einführung einer (an Gymnasien unbekannten) Sonderprüfung zur Qualifikation für die Oberstufe.
Sie war damit begründet worden, dass das Leistungsniveau in der Unter- und Mittelstufe nicht den Anforderungen der Gesamtschule für den Eintritt in die gymnasiale Oberstufe mit Abiturabschluss entspreche. Das wurde als Diskriminierung der Gesamtschule empfunden und als Gefahr, dass die Schule künftig eher gemieden wird.
Gesamtschule wird zum Verbund
Mit dem Ergebnis dieser Versammlung war man in Weinheim zunächst allerseits zufrieden, weil es schien, als habe das Kultusministerium die Gesamtschule als gleichwertige Alternative auf dem Weg zur Hochschulreife anerkannt.
Doch in Stuttgart war die Entscheidung bereits gefallen, dass die Gesamtschule endgültig nicht als Regelschule eingeführt wird. 1981 wurde die Vorschule geschlossen, 1986 die Gesamtschule, trotz anhaltender Proteste von Eltern und Schülern, in einen Schulverbund (Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium) umgewandelt, der 1989 den Namen des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer erhielt.
Die Umwandlung des für eine integrierte Gesamtschule geplanten Gebäudes, das 1974 von den baden-württembergischen Architekten als vorbildliches Bauwerk mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet wurde, erforderte für den neuen Schulverbund eine bauliche Neukonzeption – und einen weiteren Kraftakt für die städtischen Finanzen. Die Umwandlung erfolgte zwischen 1995 und 1999. ell