Jetzt amtlich: Weinheim feiert Traum-Kerwe
Die Stadt schätzt die Zahl der Besucher, die am Wochenende auf der Kerwe unterwegs waren, auf über 50.000.
Die Gassen: voll. Die Stimmung: ausgelassen. Das Wetter: traumhaft. Das Weinheimer Altstadt-Volksfest mauserte sich in diesem Jahr zur Bilderbuch-Kerwe schlechthin. Was sich auch in den Zahlen ausdrückt: Rathaussprecher Roland Kern schätzte die Besucherzahl in Absprache mit den Einsatzkräften am Sonntag auf 10 000 bis 15 000 pro Tag. Bis Sonntagabend wären das also bis zu 45 000 Menschen. Am Montagnachmittag dann die Pressemitteilung der Stadt Weinheim: mehr als 50.000 Menschen haben die Weinheimer Kerwe in diesem Jahr besucht.
Doch wieder Bumbum?
Nachdem das Nachtleben in der Innenstadt erwacht ist, ist es in so mancher Gasse derart voll – da ist kein Durchkommen mehr. Getränke wandern am laufenden Band über die Theken der Gastronomiebetriebe und Straußwirtschaften. Bei „Flaschenkind“ und „... schnelles Bier ...“ in der Judengasse sieht es nicht anders aus. Entgegen dem Namen werden dort vor allem Erdbeer-Limes gezischt. „Ursprünglich war die Straußwirtschaft dazu gedacht, dass sich Besucher auf ihrem Weg zur Kerwe unterwegs ein schnelles Bier auf die Hand mitnehmen können“, erklärt Claudia Behrendt den Namen ihres Betriebes, der vor dem Haus steht, in dem bereits ihre Oma gelebt hatte.
So viele Bars und Menschen auf engem Raum – artet das nicht in eine Bumbum-Kerwe hinaus? Das will die Verwaltung auch in diesem Jahr wieder wissen und begibt sich mit Ton-Ingenieur Tim Remark, der auch das neue Schallschutz-Konzept der Kerwe erarbeitet hatte, auf Stippvisite. Zusammen geht es mitten durch die Massen und engen Gassen zu den Lautsprechern und DJ-Pulten. „Es gab einige, die zu laut waren“, berichtet Rathaussprecher Kern. Die Verantwortlichen seien aber stets gesprächs- und kompromissbereit gewesen. Er glaubt: „Viele drehen den Regler einfach auf, ohne groß darüber nachzudenken.“ Und so kommen die Barbetreiber der Aufforderung zum Runterdrehen mit einem Schulterzucken nach.
72 Patienten versorgt
Noch jemand bahnt sich seinen Weg durch die Massen. Polizisten patrouillieren in Gruppen über das Kerwegebiet und schauen sich genau um. Viel finden werden sie nicht, wie der Polizeichef vom Dienst am Sonntag auf Anfrage erklärt. „Uns wurden zwei kleinere körperliche Auseinandersetzungen gemeldet“, erklärt der Beamte vom Polizeipräsidium Mannheim. Da sei an einem „normalen“ Wochenende an Feier-Hotspots schon mehr passiert. Eine 57-jährige BMW-Fahrerin muss sich jedoch wegen Straßenverkehrsgefährdung verantworten. Die Frau ist in der Nacht auf Sonntag dabei erwischt worden, wie sie beim Ausparken in der Roten Turmstraße betrunken an einem Mercedes vorbeischrammte. Der Alkoholtest zeigt 1,34 Promille. Der Schaden wird auf 3000 Euro geschätzt.
Nur wenige Meter weiter, im Alten Rathaus, haben die Einsatzkräfte ihren Stützpunkt eingerichtet. Das durchweg gute Wetter zieht viele Personen an – und schlägt manchen von ihnen auf die Gesundheit. Wie Einsatzleiter Kevin Stiller vom Deutschen Roten Kreuz erklärt, müssen bis gestern Nachmittag 72 Patienten versorgt werden. Neben hitzebedingten Vorfällen müssen die 28 Ehrenamtler unter anderem wegen Alkoholvergiftungen und Stürzen tätig werden. Da bei den Menschenmengen nicht alle Stellen mit dem Rettungsfahrzeug angefahren werden können, haben die Rotkreuzler ein eigenes Konzept erstellt, erklärt der Vorsitzende des Weinheimer Ortsvereins, Prof. Dr. Rudolf Large. Im ganzen Kerwegebiet sind Haltepunkte gekennzeichnet, von denen aus die Rettungskräfte zu Fuß in Windeseile zum Patienten kommen. So sei Hilfe in einem Zeitraum zwischen zwei und fünf Minuten garantiert.
Rasante Abkürzung
Besucher kürzen an der Kerwe lieber per Rutsche in das Gerberbachviertel ab. Aber ob das in Kombination mit dem Alkohol immer gut geht? Mehr als eine kleine Schramme habe sich während der Schichten von Marco Lamonaco, beim Besuch unserer Redaktion diensthabender Rutschen-Aufseher, noch keiner zugezogen. In Weinheim, so der Hockeysportler vom AC, flitzen alle über die hölzerne Rutschpiste: „Vom Kind, das zehnmal hintereinander rutscht, bis zum rüstigen Rentner ist alles dabei“, so Lamonaco. Dass jemand übers Ziel hinausschießt, also nicht auf der blauen Schutzmatte landet, sei bei ihm noch nie vorgekommen.
Da ist die Trefferquote an Dayana Roders Schießstand schon durchwachsener – gerade wenn die Stunden später und die Promillezahlen höher werden. Den Mythos vom „Zielwasser“ kann sie nicht bestätigen. Wenn überhaupt, könne man höchstens zu viel intus für das Luftdruckgewehr haben. Dass jemand zu betrunken war, um sein Glück zu versuchen, sei schon vorgekommen. An der Weinheimer Kerwe habe sie aber noch niemanden bitten müssen, am nächsten Tag noch einmal nüchtern wiederzukommen.
Das große Reinemachen
Bevor ein neuer Kerwetag anbrechen kann, gilt es jedoch allmorgendlich, die Reste von Vortag zu entsorgen. Wenn die Uhr fünf schlägt und die letzten Feierwütigen nach Hause ziehen, rücken Leiter Markus Schäfer und sein 20-köpfiges Team von der Stadtreinigung aus. Die machen sich zunächst ans Grobe. Glas, Kartonagen und Restmüll werden in einen Transporter des kommunalen Abfallunternehmens AVR geworfen. Dann werden die Straßen und Gassen ausgeblasen, bevor sich die Kehrmaschinen um den reinlichen Feinschliff kümmern. Am Ende kommen – pro Tag – gut und gerne sechs bis acht Kubikmeter Abfall zusammen, also 130 Mülltonnen à 240 Liter. Schäfer betont aber auch, dass es in der Vergangenheit zu weitaus mehr Müll gekommen sei: „Da konnte man den Boden des Marktplatzes nicht mehr sehen.“ Er glaube, dass die Menschen umweltbewusster geworden sind.
Aber kommen die städtischen Mitarbeiter bei so viel Arbeit überhaupt selbst dazu, die Kerwe zu besuchen? „Ich sage es mal so: Wir haben den einen oder anderen Kollegen, der hält sich morgens schon noch ein bisschen am Besen fest“, erzählt Schäfer und lacht. Früher habe es sogar eine Urlaubssperre in der Kerwezeit gegeben – diese Zeit sei aber passé. Er selbst habe in seinen acht Jahren Tätigkeit „keine Kerwe mehr gehabt“. Aber vielleicht klappe es ja im nächsten Jahr.
Es geht hoch her
Nachdem die Mitarbeiter der Stadtreinigung von dannen gezogen sind und die Sonne mittlerweile wieder hoch über Weinheim steht, geht es im Kerwehaus hoch her. Während es im Innenhof rappelvoll ist, sitzt Gabriele Lohrbächer-Gérard vom Heimat- und Kerweverein Alt-Weinheim im Inneren und wickelt ein Besteck nach dem anderen in Servietten. Es ist bereits der zweite Ansturm an hungrigen Menschen an diesem Mittag.
Doch der größte Andrang soll noch folgen. Denn seit vielen Jahren habe sich etabliert, dass die jüngeren Generationen am Montagmorgen zum Essen ins traditionsreiche Kerwehaus kommen, „um den Ausklang der Kerwe einzuläuten“. „Da ist hier kein Tisch mehr frei“, so die Schriftführerin des Vereins. Deshalb habe man in diesem Jahr auch musikalisch umgerüstet – an diesem Kerwe-Montag legt DJ Minimi im Hof auf.
Besucherin Anette Martiné gefällt die musikalische Entwicklung der Kerwe hingegen nicht: „Für ältere Leute gibt es gar nichts mehr. Überall wird nur noch Techno und gar keine Stimmungsmusik mehr gespielt“, meint Martiné.
Rathaussprecher Roland Kern freut sich hingegen, dass die Traditionsveranstaltungen mit Eröffnung, Langem Tisch und Fassanstich gut besucht waren. Am Montag schließt sich dann eine weitere an: Die alljährliche Gerberbach-Regatta, bei der 2023 über 150 Boote am Start waren. Es bleibt abzuwarten, ob die Traum-Kerwe 2024 auch beim Wettrennen der Minischiffe das vergangene Jahr überholt.