Foto: Fritz Kopetzky
Weinheim

Was die Personal-Krise in den Kitas jetzt für Eltern bedeutet

Die Kita-Landschaft in Weinheim steht vor einer Herausforderung. Oberbürgermeister Manuel Just sendet einen 'Hilferuf' an die Landesregierung, während die führenden Köpfe der Kindergärten vor einem eklatanten Mangel an Erziehern warnen. Die Situation könnte dazu führen, dass keine Einrichtung vor Kürzungen der Öffnungszeiten sicher ist.

Oberbürgermeister Manuel Just spricht von einem „Hilferuf“, der in Richtung der Landesregierung platziert werden soll. Hohe gesetzliche Anforderungen an Kindergärten einerseits. Ein eklatanter Mangel an Erziehern auf der anderen Seite. Das ist eine Rechnung, die so nicht mehr lange aufgeht, machen die führenden Köpfe der Weinheimer Kita-Landschaft bei einem Gespräch deutlich. Im Grunde tut sie das jetzt schon nicht: Im Status quo ist keine Einrichtung in Weinheim vor Kürzungen der Öffnungszeiten sicher. „Wir erleben sie jeden Tag an der einen oder anderen Stelle“, berichtet Andreas Haller vom Bildungsamt.

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Was bedeutet das für Eltern und Kinder?

Einschränkungen, die jetzt schon notwendig sind, um den Kita-Betrieb am Laufen zu halten, könnten regelmäßiger und höher werden. Das betrifft zum Beispiel pädagogische Angebote: Einige können laut Andreas Haller schon jetzt nicht mehr stattfinden, weil es einfach an den notwendigen Erziehern fehlt. Vereinzelt mussten Gruppen temporär geschlossen werden, um den Betreuungsansprüchen gerecht zu werden. Auch mussten in Einrichtungen die Kinderzahlen im Gesamten reduziert werden.

Andreas Haller, stellvertretender Leiter des Bildungsamts Foto: Marco Schilling
Andreas Haller, stellvertretender Leiter des Bildungsamts

Dass der Kita-Betrieb in den kommenden Jahren über längere Zeiträume nur mit Einschränkungen funktioniert, ist unter den jetzigen Bedingungen kaum vermeidbar. „Würden sich die Mitarbeiter nicht dermaßen engagieren, müssten wir die Zeiten schon jetzt viel mehr kürzen“, berichtet Christa Lehner, die als Verwaltungsgeschäftsführerin für die elf evangelischen Einrichtungen zuständig ist.

In welcher Situation befinden sich die Erzieher?

„Sie stehen unter enormem Druck“, so der stellvertretende Chef des Bildungsamts. „Die Arbeit fällt zunehmend schwerer.“ Das führe auch zu relativ großen Krankenständen. Christa Lehner fügt hier hinzu, dass es auch für die Kita-Leiterinnen eine organisatorische Herkulesaufgabe ist. Diese müssen die dünne Personaldecke so über die Einrichtungen ausbreiten, dass sie noch dick genug ist, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Oberbürgermeister Manuel Just Foto: Marco Schilling
Oberbürgermeister Manuel Just

Wie viele Erzieher am Ende nötig sind, das ist laut baden-württembergischer Kita-Verordnung vom Alter der Knirpse und von der Länge der Betreuung abhängig. Demnach bedarf es 2,3 Vollzeitfachkräfte für eine Ganztagesgruppe von Kindern ab drei Jahren (maximal 20 Kinder) mit sieben Stunden Öffnungszeit. Der Personalschlüssel beträgt hier also ein Erzieher für acht Sprösslinge.

Was tut die Stadt, um für mehr Personal zu sorgen?

Wie Oberbürgermeister Manuel Just erklärte, hat Weinheim die Zahl seiner pädagogischen Fachkräfte in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent gesteigert. Diese Anstrengung geht weiter: „Wir versuchen, jeden auf dem Markt, der sich damit identifizieren kann, an das Berufsbild heranzuführen.“ Immer öfter kommen auch Ergänzungskräfte zum Einsatz. Mittelfristig könnte laut OB der Direkteinstieg Kita Abhilfe schaffen. Bei dem Pilotprojekt, das in Weinheim als erste Kommune im Südwesten seinen Anfang nahm, bekommen Quereinsteiger ihre pädagogische Ausbildung relativ hoch vergütet. Und arbeiten vom ersten Tag an als Unterstützung in den Kitas.

Das Bildungsamt arbeitet zudem an einem Konzept für eine bessere Personalbindung. Ein Aspekt sei laut Andreas Haller mit Sicherheit, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Einzelheiten gab er hier aufgrund der frühen Entwicklungsstufe aber nicht an. Eine Bezahlung von Erziehern über die tariflichen Standards schließt OB Just aus: „Ein Ausstieg aus dem Tarifvertrag wäre der Anfang vom Ende.“ Kommunen und freie Träger würden sich in einem Bieterwettstreit, wer das höhere Gehalt zahlen kann, anfangen zu kannibalisieren.

Bleibt der Gesetzgeber tatenlos und schaut nur zu?

Was die Gesetzeslage anbelangt, gibt es Licht- und Schattenseiten. Große Hoffnung setzt die Stadt in den sogenannten Erprobungsparagrafen, der vom Städtetag gefordert wird. Dieser, so OB Just (Bild: Marco Schilling), ermögliche den Kommunen wesentlich mehr „Beinfreiheit“. Das Gesetz gewährleistet andere Gruppenstrukturen, Öffnungszeiten, Betreuungsangebote und den Einsatz von Nichtfachkräften. „Das dazu erforderliche Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende November abgeschlossen sein“, erklärt das Kultusministerium.

Auf der anderen Seite soll es in Baden-Württemberg ab dem Schuljahr 2026/2027 einen Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung geben. Das würde pädagogische Kräfte binden, die ansonsten in den Kitas eingesetzt werden könnten.

Gibt es genug Plätze – bekommen Eltern noch einen für ihr Kind?

Stand heute gibt es rund 1950 Plätze in der Weinheimer Kita-Landschaft. In den vergangenen Jahren, so Andreas Haller, sei es der Stadt möglich gewesen, jedem Kind einen Platz anbieten zu können. Und zwar ohne dass es zu langen Wartezeiten gekommen ist.

Er ist zuversichtlich, dass das auch in den nächsten Jahren der Fall sein wird. Mittelfristig ist die Sorge hier größer.