So will das Weinheimer Rathaus gegen die Kita-Krise vorgehen
Fehlende Erzieher machen Kommunen landauf und landab zu schaffen. Das Weinheimer Bildungsamt hat nun einen Plan ausgetüffelt.
Unter einer Personaldecke, die auf Kante genäht ist, friert es sich leicht. Und so machen krankheitsbedingte Ausfälle den Kindertageseinrichtungen schon seit einer Weile zu schaffen – auch den städtischen. Wo dieselbe Last auf weniger Schultern ruht, bricht gerne einmal weiteres Personal weg und sucht woanders nach besseren Rahmenbedingungen. Das Weinheimer Rathaus arbeitet an einem Plan, um seine Mitarbeiter, auch außerhalb der Kita-Landschaft, zu halten und neue Kräfte zu gewinnen. Dafür holte es sich professionelle Hilfe zweier Unternehmensberaterinnen ins Boot.
Wie ist die Personalsituation in den Kitas?
Andreas Haller vom Bildungsamt erklärt, dass es gelungen ist, nahezu alle der rund hundert Stellen an den zehn städtischen Kitas zu besetzen. Jedoch machen Krankenstände und die gestiegenen Anforderungen an Erzieherinnen den Kitas zu schaffen. Anforderungen, die der baden-württembergische Betreuungsschlüssel nicht mehr zeitgemäß abbilde – er wurde seit mindestens 20 Jahren nicht mehr angepasst. Der Schlüssel schreibt beispielsweise für eine Kita-Gruppe von 20 Sprösslingen in der Ganztagesbetreuung 2,25 Mitarbeiter vor, damit eine Betreuung überhaupt stattfinden kann.
Amtsleiterin Carmen Harmand weist jedoch darauf hin, dass Kitas nicht als reine Betreuungseinrichtungen verstanden werden dürfen. Die Bildung dürfe nicht zu kurz kommen. Unternehmensberaterin Tanja Reuther sieht den Fachkräftemangel noch nicht mit voller Wucht zuschlagen. Sie schickt aber gleich voraus: „Es wird noch schlimmer werden.“
Die Krankenstände – wie schlagen sie zu Buche?
Petra Berkowitz, städtische Personalchefin, berichtet von vielen Langzeiterkrankten. Diese müssen oftmals schrittweise über ein Betriebliches Eingliederungsmanagement in die Einrichtungen reintegriert werden. Andreas Haller ergänzt, dass es sich hierbei nicht zwingend nur um Fälle von Burnout, sondern auch um körperliche Erkrankungen handelt. Die Arbeit mit Kindern ist durchaus physisch anstrengend. Hinzu kommen häufiger grippale Erkrankungen, die in Kindergärten sowieso immer Thema sind. Unternehmensberaterin Tanja Reuther war in den Einrichtungen und hat mit Erzieherinnen über ihre größten Unmutsfaktoren gesprochen. Der Umgang mit krankheitsbedingten Ausfällen war dabei an erster Stelle.
Wie geht das Rathaus also künftig mit Personalausfällen um?
Ein Springerpool mit Kräften aus allen Kitas unter städtischer Trägerschaft soll ausgeweitet werden. Dabei handelt es sich um ein Team von Erziehern, das flexibel dort aushelfen kann, wo Not am Mann ist. Für eine Ausweitung braucht es aber Gelder und Stellen, betont Bildungsamtsleiterin Harmand. Hierfür wolle das Amt noch auf den Gemeinderat zugehen.
Gibt es andere Wege, die Kitas personell besser aufzustellen?
Des Weiteren, so Andreas Haller, sollen die Kitateams „multiprofessioneller“ aufgestellt sein. Das bedeutet, dass Ergotherapeuten und etwa Heilpädagogen eingestellt werden könnten. Laut Haller würde die Stadt damit auch den wachsenden Herausforderungen bei der Kindererziehung gerechter. Zu diesen gehören immer häufiger sprachliche Probleme, aber auch (körperliche) Beeinträchtigungen bei den Sprösslingen. Auf Nicht-Pädagogen wolle das Rathaus höchstens in Einzelfällen zurückgreifen. Anders ist das bei ehrenamtlichem Engagement, wie beispielsweise den Lesepaten. Auf solche Initiativen will Haller künftig stärker bauen.
Was tut die Stadt, um pädagogische Fachkräfte zu gewinnen?
Nach Ansicht der Akteure von Bildungs- und Personalamt geht es vor allem darum, die Rahmenbedingungen und damit die Jobs an sich attraktiver zu machen. Ist das gelungen, setzt das Rathaus darauf, dass sich das gute Image auch nach außen zeigt. Nicht nur durch Mundpropaganda: Die städtische Pressestelle intensivierte zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit in den Kitas durch Videobeiträge, die in den sozialen Medien veröffentlicht werden. Ein weiterer Schwerpunkt wird nach wie vor die Ausbildung sein. Auch dort befindet sich die Stadt im engen Austausch mit ihren Azubis, um deren Bedürfnissen entgegenzukommen.
Und wie werden die Jobs konkret attraktiv gemacht?
Neben der Verringerung der Arbeitsbelastung ist das Angebot von Fort- und Weiterbildungen ein Herzensanliegen vieler Erzieherinnen gewesen. Dem will man nachkommen. Das Arbeitsumfeld spielt ebenfalls eine Rolle. Ein Beispiel ist der in die Jahre gekommene Kindergarten Waid, der neu errichtet werden soll. „Da muss endlich was passieren“, so Bildungsamts-Chefin Harmand.
Wie wäre es mit mehr Geld – ist eine bessere Bezahlung eine Option?
„Nein“, sagt Andreas Haller. Er verweist auf die Tarifverträge. Wie bereits Oberbürgermeister Manuel Just in der Vergangenheit sagte, vertritt auch er die Position, dass Kommunen nicht in ein Bieterduell um Kita-Personal geraten dürfen. Davon abgesehen gebe es zwar Städte, die übertariflich bezahlen. Diese seien aber finanziell um einiges besser aufgestellt.
Kein Arbeiten ohne eine Wohnung – hilft die Stadt hier ihren Mitarbeitern?
Harmand: „Wohnungen sind mit Sicherheit ein Thema. Aber wir haben aktuell keine.“