Holzwurm feiert mit "Falten" Premiere
Beim Weinheimer Theaterensemble bröckeln auf der Bühne des a2-Kellers die Fassaden. Was das Stück so einzigartig macht und wann es noch zu sehen ist.
Fältchen in den Augenwinkeln sind ja noch ganz nett, stammen sie doch angeblich vom häufigen Lachen. Doch sobald sich weitere Fältchen oder gar tiefe Falten im Gesicht zeigen, werden sie besonders von Frauen gehasst. Da hilft auch der abgedroschene Spruch „In Würde altern“ nicht. Es wird mit teuren Cremes, Botox und sogar operativen Eingriffen dagegen angegangen.
Manchmal hilft auch ein Aufenthalt in einem Wellnesshotel, wie in dem Schauspiel von Raoul Biltgens, das den schlichten Namen „Falten“ trägt und 2008 am Landestheater Bregenz uraufgeführt wurde.
Sensibel und einfallsreich
Das Weinheimer Holzwurm-Theater feierte am Mittwochabend mit diesem Stück erfolgreiche Premiere im a2-Keller. Inszeniert wurde das Schauspiel von dem jungen Ensemblemitglied Samuel Ulbricht. Bemerkenswert ist, wie sensibel und gleichzeitig einfallsreich der studierte Philosoph dieses eher weibliche Thema in Szene gesetzt hat. Hinzu kamen sieben Schauspielerinnen, die jede für sich durch professionelle Darstellungskunst begeisterten.
Manche Szenen verlangten emotionale Ausbrüche bis zur völligen Verausgabung. Dann nämlich, wenn die Fassaden langsam bröckelten und das Innere nach außen gekehrt wurde. Das klingt nach schwerer Kost, Regisseur Samuel Ulbricht gelang jedoch die geschickte Balance aus feinem Humor und tief zu Herzen gehender Wahrhaftigkeit.
Erwartungsgemäß bestand das Publikum bei diesem eher frauenbezogenen Thema zu 90 Prozent aus Damen, die das dialogreiche Geschehen auf der Bühne gebannt verfolgten und auch nicht mit Zwischenapplaus sparten.
Die Geschichte handelt von sieben Frauen, die sich zufällig in einem luxuriösen Wellnesshotel treffen. Was die völlig unterschiedlichen Charaktere miteinander verbindet, sind Falten, die sie kaschieren oder vergessen wollen. Bis es ihnen schließlich gelingt, sie zu akzeptieren, weil sie Spuren gelebten Lebens sind.
Sieben Charaktere
Da ist die pummelige Sandra (Anne Plewik), die vom untreuen Ehemann zum Abnehmen in die Wellnessoase geschickt wurde und zunächst naiv und eingeschüchtert wirkt, jedoch zusehends an Selbstbewusstsein gewinnt. Freundin Maria (Cornelia Casper) möchte jedoch nur eines: statt des Urlaubes ihre Kinder und Enkel um sich haben. Eine schwierige Konstellation bilden Mutter und Tochter (Veronika Stapf und Juliane Oeser). Ihr Zusammenleben und ständiges Streiten ist ein einziger Irrtum, als sie erkennen, dass sie sich beide Abstand voneinander wünschen.
Eine verbitterte Außenseiterin ist die Hotelkritikerin Katharina (Silke Hartmann), bis sie schließlich zusammenbricht und ihre schwierigen Familienverhältnisse offenbart. Die mondäne, überhebliche Susanna (Kerstin Krafft) wird zunächst von allen gehasst. Auch sie zeigt sich, durch den Zuspruch der anderen Frauen geläutert, wenn sie mit zerlaufener Wimperntusche von ihrem wahren zerrissenen Leben erzählt.
In einer schauspielerischen Glanzleistung stellt Ingrid Heisel die an Alzheimer erkrankte Hildegard dar, die vor der endgültigen Finsternis ein letztes schönes Erlebnis genießen soll. Mal wirkt sie kindlich und verwirrt mit ihrem Stofftier im Arm, dann wiederum klar und humorvoll, sich ihrer Krankheit durchaus bewusst.
Besonders starke Momente bringt der Regisseur mit den Monologen der einzelnen Darstellerinnen ins Stück. Während die Masken fallen mit einem Rückblick auf das Leben, sind auf der völlig abgedunkelten Bühne lediglich die Gesichter beleuchtet. Mit einem Stift zeichnen die Frauen die markantesten Falten als Lebenslinien nach. Damit endet eine weitere denkwürdige Inszenierung des Holzwurm-Theaters mit sieben hervorragenden Schauspielerinnen, die völlig darüber hinwegtäuschten, dass hier Laien auf der Bühne standen.
Weitere Vorstellungen
Weitere Vorstellungen im a2-Keller, Hopfenstraße 4: 16., 22. und 23. September, jeweils 20 Uhr, Einlass 19 Uhr. Karten gibt es im Ticketshop der DiesbachMedien, Bahnhofstraße 18/3 (gegenüber von Foto Witt), Telefon 06201/81345.