Warum es immer länger dauert, bis es Hunde aus dem Tierheim Weinheim schaffen
Ein Jahr nach dem Besuch der WNOZ wollten wir wissen, was aus den Dauergästen im Tierheim geworden ist. Die Schicksale der Hunde lassen hoffen und zweifeln. In jedem Fall gehen sie ans Herz.
Joki ist tierisch aufgeregt, als sie aus ihrem Zwinger geführt wird. Die Schäferhündin springt herum, dreht sich im Kreis, hält an, bellt und fängt dann wieder an, zu springen. Das Kläffen ihrer Mitbewohner wirft sie völlig aus der Bahn. Andere Hunde, von menschlichem Besuch ganz zu schweigen, ist sie nicht gewohnt. In den sechs Jahren, in denen Joki auf der Welt ist, ist der weiße Vierbeiner kaum – vielleicht sogar nie – ans Tageslicht gekommen. Sie war mit 15 Katzen in der Wohnung einer Tier-Horterin eingesperrt.
Trend geht zum Maulkorb
Joki ist eine von vielen Hunden im Weinheimer Tierheim, bei denen es keine guten Aussichten auf eine Vermittlung in liebevolle Hände gibt. Die Einrichtung ist voll von „Dauergästen“. Schwierigen Hunden mit einer bewegten Vorgeschichte, die einfach kein neues Zuhause finden wollen. Unsere Zeitung besuchte das Tierheim Ende Februar 2023, um einen Beitrag über die Dauergäste in der Einrichtung zu machen. Nun, ein Jahr später, schaut unser Reporter beim Blick durch die Gitter der Zwinger in bekannte Gesichter. Mittlerweile sind alle neun Gehege voll, drei weitere Hunde sind in Pflegefamilien untergebracht. Nur wenige Glückliche haben es innerhalb dieses einen Jahres heraus geschafft aus dem Tierheim. Im besonders erbarmungswürdigen Fall des Setters Baxter fand der Hund den Tod, bevor er eine neue Familie finden konnte.
Tierheim-Chefin Jutta Schweidler spricht von einem „Vermittlungsstillstand“. Dabei sei noch nicht einmal mangelndes Interesse das Problem. „Anfragen bekommen wir genug. Sie erreichen uns fast täglich. Aber wir haben nicht das im Angebot, was die Leute gerne hätten“, so Schweidler. Die Vorstellungen der Interessenten seien: süß, klein, wuschelig. „Am liebsten ein Familienhund, der mit kleinen Kindern und Katzen auskommt und wenn er auch mal alleine daheim bleiben kann, wäre das ebenfalls nicht schlecht.“
Solche Vorstellungen könne das Tierheim jedoch nur selten bedienen. Laut der Leiterin ist es sogar so, dass die Hunde, die in die Einrichtung einziehen, immer schwieriger werden würden: „Früher hatten wir das ganz selten, dass wir einem Tier vor dem Gassigehen einen Maulkorb verpassen mussten. Heute hängt an fast jedem Zwinger einer bereit.“ Es brauche also erfahrene Besitzer mit Ausdauer und dem Willen, intensiv mit dem Hund zu arbeiten. Mit Kindern sind die wenigsten der Vierbeiner kompatibel. Zumindest nicht von jetzt auf gleich.
Slalom mit Hundetrainer
Derzeit völlig ausgelastet
- Das Tierheim in Weinheim ist derzeit komplett belegt. Hunde, Katzen, Hasen, Gänse – alle Bereiche sind voll
- Insgesamt stehen derzeit zwölf Hunde zur Vermittlung. Davon sind drei in Pflegestellen untergebracht.
- Die Tiere in der Weinheimer Einrichtung werden von insgesamt vier Hauptamtlichen, zwei Aushilfen und mindestens 20 Ehrenamtlichen betreut.
- Dazu gehören Gassigeher, Katzenschmuser und Streunerfänger.
- Das Tierheim finanziert sich über Spenden und städtische Zuschüsse. Die Ein- und Ausgaben bewegen sich jährlich im Bereich einer Viertelmillion Euro.
- Beispielsweise wurden im Jahr 2022 insgesamt 238 63 Euro ausgegeben und 249 152 eingenommen.
- Insgesamt gibt es in Weinheim (Stand Ende 2023) 2200 Hunde im Stadtgebiet. Im aktuellen Haushalt geht die Stadt von einer Einnahme bei der Hundesteuer von 245 000 Euro aus.
„Jeder unserer Hunde hat so seine Vorgeschichte“, so Schweidler. Mittlerweile versuchten die Tierheime also, vor der Vermittlung etwa Schadensbegrenzung zu betreiben. Zu diesem Zweck kommt einmal die Woche ein Hundetrainer in die Einrichtung. Mit dem Experten wird mit jedem Fiffi an dessen Erziehung gearbeitet, erläutert Katharina Elfner, stellvertretende Heimleiterin. Je nach Vierbeiner sehe dieses Training anders aus. „Beim einen arbeiten wir an der Leinenführigkeit, beim nächsten daran, dass er sich überhaupt eine Leine anlegen lässt.“ Dabei hat der eine oder andere Vierbeiner bereits eine steile Karriere hingelegt.
Der zehnjährige Scott beispielsweise: Der schwarz-weiße Staffordshire-Terrier habe sich mittlerweile so toll entwickelt, dass er den Maulkorb längst ablegen durfte. Er laufe Slalom und nehme Hürden. Sogar „rückwärts einparken“ könne der Rüde. Das alles habe ihm eine besonders engagierte Ehrenamtliche, eine junge Frau aus Weinheim, beigebracht. Trotzdem findet Scott seit bald acht Jahren kein Zuhause. Draußen bei den Zwingern erregt der menschliche Besuch im Tierheim helle Aufregung – durch die Gitter wird gebellt, was das Zeug hält. Scott ist da schon etwas erfahrener. Der Staffordshire-Terrier sitzt ganz entspannt im letzten Gehege der Reihe und ist die Ruhe selbst. Das ändert sich, als er rausgelassen wird. Seinem menschlichen Besuch bringt der Zehnjährige erst einmal sein Lieblingsspielzeug, ein buntes Tau, zur Begrüßung.
Frodo ist reiselustig
Da muss man um Mitbewohner Frodos Aufmerksamkeit schon mehr buhlen. Aber der Terrier hat es generell nicht so mit der Treue – es sei denn, es geht um Tierheime. In diesen war der Frechdachs in der Vergangenheit schon öfter zu Gast. Er ist seinem Besitzer, der auf einem Campingplatz in Schriesheim lebt, immer wieder ausgebüxt. „Je nachdem, wie weit er gekommen ist, kam er in ein unterschiedliches Tierheim“, erzählt Elfner. „Er kennt in der Region bereits alle auswendig.“ In Weinheim sollte er schließlich eine vorübergehend dauerhafte Bleibe finden. Jetzt suche Frodo aber seinen Sam. Abgesehen von seiner Reiselust, sagt Tierheimleiterin Schweidler: „Er ist einer unserer einfacheren Gäste.“
Ein bekanntes Gesicht begegnet unserer Redaktion mit der Kangal-Hündin Dina. Das erbarmungswürdige Tier hat bei einem Autounfall ein Bein verloren und kam schließlich in eine Tötungsstation in Griechenland. Aus diesem rettete sie ein Ehepaar. Doch als Frauchen und Herrchen ins Pflegeheim umzogen, musste Dina es ihnen gleich tun. Seither hat sie es nicht heraus geschafft.
Manche der Dauerbewohner der Einrichtung sind beim Besuch unserer Zeitung jedoch nicht mehr vor Ort. Vom 14-jährigen Baxter, der so gerne verträumt über den Hof getapst ist, fehlt jede Spur. Der Setter-Mix ist nach zehn Jahren im Tierheim nun in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Jutta Schweidler geht der Verlust sichtlich nahe: „Es ist so traurig. Hier zu sterben: Dafür ist das Tierheim wirklich nicht gedacht.“
Auch die Bulldogge Butch ist nirgends zu sehen. „Wir haben ihn endlich erfolgreich vermittelt“, beruhigt Schweidler aber sofort. Manchmal kommt er zu Besuch. Sein altes Ohrenleiden wird noch im Weinheimer Tierheim behandelt. Butch lebt heute in Mannheim-Käfertal – und dort fühlt sich die Bulldogge pudelwohl. Eventuell geht es ihm sogar zu gut: „Die neue Besitzerin verwöhnt ihn sehr. Ab und zu müssen wir ein wenig schimpfen, wenn er zu dick wird“, sagt Jutta Schweidler und lacht.
Dass der etwas mürrisch dreinblickende Vierbeiner es aus dem Heim geschafft hat, lässt hoffen. Darauf, dass es auch Joki, Frodo und Co. es in eine liebevolle Familie schaffen. Sie würden es sich so sehr wünschen.