Bewegtes Leben und späte Adoption

Mit 79 noch am Hotel-Empfang in Hirschberg: Ohne Toufic Kammer „wäre Krone nicht die Krone“

Seit 30 Jahren arbeitet der gebürtige Libanese im Hotel „Krone“. Eine Abschiebung konnte nur eine Adoption mit 33 Jahren verhindern - es war der letzte Wunsch eines Freundes. Ein Blick auf ein bewegtes Leben.

Immer ein freundliches Wort und ein Lächeln im Gesicht: Toufic Kammer ist seit 30 Jahren als Empfangsherr im Hotel „Krone“ tätig. Der gebürtige Libanese, der 1978 nach Deutschland floh, hat ein bewegtes Leben. Von links Hotelchefin Sabine Grüber, Toufic Kammer und Unternehmensberater Stefan Binz. Foto: Fritz Kopetzky
Immer ein freundliches Wort und ein Lächeln im Gesicht: Toufic Kammer ist seit 30 Jahren als Empfangsherr im Hotel „Krone“ tätig. Der gebürtige Libanese, der 1978 nach Deutschland floh, hat ein bewegtes Leben. Von links Hotelchefin Sabine Grüber, Toufic Kammer und Unternehmensberater Stefan Binz.

Hirschberg. Besser kann ein Tag nicht beginnen. Seine gute Laune, seine Freundlichkeit und sein Lächeln stecken an. Toufic Kammer steht seit 30 Jahren an der Rezeption im Hotel „Krone“ im Hirschberger Ortsteil Großsachsen. Ohne das „Kämmerchen“ wäre die Krone nicht die Krone, lobt die Hotelchefin Sabine Grüber ihren langjährigen Mitarbeiter, der eine spannende und zugleich bewegende Lebensgeschichte zu erzählen weiß.

Ein Christ im Libanon

Kammer, gebürtiger Libanese, arbeitet noch mit 79 Jahren und denkt nicht ans Aufhören. „Eigentlich wollte ich mit 65 Jahren in Rente gehen. Aber es macht so viel Spaß, und ich liebe den Kontakt zu den Menschen. Da habe ich noch ein paar Jahre drangehängt“, sagt der Mann am Empfang, der seine Gäste gleich in fünf Sprachen begrüßen kann: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch. Manchmal müsse er innerhalb von wenigen Minuten mehrmals die Sprache wechseln. Das klappe aber ganz gut. Folglich pflegt er ein freundschaftliches Verhältnis zu den Hotelgästen. „Manche reservieren nur dann, wenn ich an der Rezeption zwischen 7 und 13 Uhr bin“, verrät er und freut sich sehr darüber. Er weiß zu nahezu jedem Gast eine Geschichte. Und wenn ein Gast zum zweiten Mal kommt, kennt Kammer dessen Namen und sonst noch viele Details. „Ich bin stolz, einen so verdienten Mitarbeiter in meinen Reihen zu haben“, sagt Grüber.

Toufic Kammer, der in El-Damour, wenige Kilometer südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut geboren wurde, hat ein bewegtes Leben – und hatte es auch vor der „Krone“. Als Christ wurde für ihn die Lage in den 70er-Jahren in seinem Heimatland immer schwieriger und vor allem gefährlicher. Der Fanatismus nahm zu, und im Libanon begann der Bürgerkrieg. Beirut galt zuvor jahrelang als das „Paris des Nahen Ostens“ und faszinierte durch eine einzigartige Symbiose aus pulsierendem Lebensgeist und kultureller Vielfalt. Damit war fortan Schluss.

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Bardot und Cardinale getroffen

Die Jahre zwischen 1963 und 1967 erlebte Kammer als die besten Zeiten in dieser Stadt und in seinem Leben. Doch die Situation verschlechterte sich. Von 1966 bis 1975 arbeitete der gelernte Hotelfachschüler an der Rezeption des Hotels Deauville Khaldé im Libanon. An der amerikanischen Universität in Beirut war er zudem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und lernte noch besser Französisch, Englisch und Deutsch. „Ich habe mit dem Reiseunternehmen Neckermann zusammengearbeitet und habe sogar den Firmengründer kennengelernt“, erzählt Kammer und schwärmt noch heute von dieser Zeit. Sogar die Schauspielerinnen Claudia Cardinale und Brigitte Bardot traf er während seiner Tätigkeit in der libanesischen Hauptstadt.

Die Lage für die maronitischen Christen im Land verschlechterte sich zusehends. So reifte bei dem damals 30-Jährigen der Wunsch, das Land zu verlassen. Dabei kamen ihm seine Kontakte zugute. Eine deutsche Familie aus der Region Heidelberg brachte einst ihren todkranken Sohn in die Nähe Beiruts, weil sie von einem Arzt mit einer Eigenbluttherapie zur Heilung gehört hatte. Der Libanese Toufic lernte diesen todkranken Sohn kennen. Dessen letzter Wunsch sei es gewesen, dass Toufic, falls ihm jemals etwas passieren sollte, von seiner Familie Hilfe bekommt. Im Mai 1978 kam der Libanese schließlich nach Deutschland und fing wenig später als Empfangsherr im Holiday Inn in Walldorf an.

Mit 33 Jahren adoptiert

Der Libanese wollte nicht um Asyl bitten, sondern vielmehr in seiner neuen Heimat arbeiten. Nach zwei Jahren hätte er wieder ausreisen müssen. „Ich hatte schon den Abschiebebrief “, erinnert er sich an diese schlimme Situation. Es gab nur noch eine Möglichkeit, um die Ausweisung zu verhindern: die Adoption.

Die Familie Kammer adoptierte ihn schließlich mit 33 Jahren und erfüllte somit den letzten Wunsch des verstorbenen Sohnes, den Toufic noch aus dem Libanon kannte. „Durch meine Adoptiveltern habe ich mich vom ersten Tag an nicht als Fremder in Deutschland gefühlt“, betont er. 13 Jahre war er im Holiday Inn in Walldorf beschäftigt, knapp ein Jahr arbeitete er als Empfangsherr im Hotel „Am Schlossgarten“ in Schwetzingen. Zwei Jahre machte er sich sogar selbstständig mit einem Kiosk in der Nähe eines Hotels in Heppenheim.

Die Geschichte, wie Toufic im Jahr 1995 zum Großsachsener Hotel „Krone“ kam, ist ebenfalls kurios. Auch hier spielten glückliche Fügungen eine wichtige Rolle. Eine Verwandte seiner Adoptiveltern lebte in Großsachsen und kannte das Hotel und die Seniorchefin Maria Grüber. Kammer bewarb sich. „Wir rufen Sie an, wenn wir Sie benötigen“, lautete die Antwort auf seine Bewerbung. Wenige Tage später klingelte das Telefon. Eine Mitarbeiterin hatte sich beim Skifahren verletzt. Und so kam Toufic Kammer am 1. Februar 1995 zum Hotel „Krone“.

Jeden Morgen setzt er sich seither ans Steuer, fährt von Hockenheim, wo er mit seiner Frau Elham lebt, nach Großsachsen. Denn die Arbeit bereitet ihm nach wie vor viel Spaß. Elham und Toufic haben einen 31-jährigen Sohn, der im IT-Bereich bei der Deutschen Lufthansa beschäftigt ist.

Toufic Kammers ursprüngliche Heimat Libanon, in der noch seine Schwester lebt, hat er seit drei Jahren nicht mehr besucht – auch weil er Christ ist. „Leider lassen es die Umstände nicht zu“, sagt er. Der Fanatismus der Muslime, Christen und Juden schmerzt ihn daher sehr. Kammer malt kein positives Bild für die Zukunft der Region an die Wand: „Der Konflikt dort dauert schon seit 3.000 Jahren und bleibt noch 3.000 Jahre, weil Christen, Juden und Muslime meinen, dass sie recht haben. Das ist traurig.“

Umso verständlicher ist es für ihn, dass über zwölf Millionen Libanesen im Ausland leben und so wie er in ihrer Heimat keine Perspektive sehen. Kammer selbst hat über 100 Verwandte in Kanada – auswandern könnte er also, will er aber nicht, weil Deutschland seine Heimat geworden ist.