Natter schlängelt sich durch den Exotenwald
Das Weinheimer Ehepaar Klein entdeckt beim Spaziergang eine 1,2 Meter lange Schlange. Um was es sich dabei handelt und wie man sich bei einer solchen Begegnung verhält.
Die Ringelnatter
Die Ringelnatter ist eine Schlangenart aus der Familie der Nattern.
Sie ist mit mehreren Unterarten in großen Teilen Europas und Asiens verbreitet.
Die Art lebt meist in der Nähe von Gewässern und ernährt sich überwiegend von Fröschen und Kröten. Zarte Molche und Kaulquappen werden ebenso gerne gefressen; auch kleinere Fische stehen auf dem Speiseplan.
Ausgewachsene Ringelnattern sind 80 bis 120 Zentimeter lang, einzelne Exemplare können noch größer werden.
Der Körper der Ringelnatter weist meist eine hell- bis dunkelgraue Grundfarbe auf, dazu kommen dunklere Flecken auf dem Rücken und an der Seite. Die beiden Halbmonde am Hinterkopf sind gelb gefärbt.
Die anmutigen Ringelnattern sind für den Menschen vollkommen ungefährlich.
Wolfgang Klein traute seinen Augen kaum angesichts einer Begegnung unbekannter Art im Weinheimer Exotenwald. Bei einer kleinen Wanderung mit seiner Frau Brigitte schlängelte sich eine weit über einen Meter lange Schlange über den Weg – kurz vor dem Waldparkplatz am Bodelschwingh-Heim. „Ich hab schon viele Blindschleichen gesehen“, sagt der 67-jährige Weinheimer im Gespräch mit unserer Redaktion, „aber eine Schlange in dieser Größe ist mir noch nie begegnet.“
Eine Schlange in dieser Größe ist mir noch nie begegnet — Wolfgang Klein entdeckte die Natter bei einem Spaziergang
Abstandhalten war für das Paar in diesem Moment geboten. „Wir wussten ja nicht, um was es sich handelt“, erklärt Klein. Die Kamera für ein Foto zückte er trotzdem. Klein: „Dann war sie ruckzuck weg.“
Keine drei Tage später erlebten die Kleins die nächste Überraschung, in der Sendung „Natürlich!“ des SWR-Fernsehens. Dort wurde über die Äskulapnatter berichtet, die der Schlange im Exotenwald zum Verwechseln ähnlich sieht.
Halbmond als Erkennungszeichen
Biologe Michael Waitzmann stellt allerdings nach Vorlage der Bilder richtig: Es handelt sich um eine Ringelnatter und nicht um das Wappentier der Apotheker und Ärzte. „Ringelnattern erkennt man an dem gelben Halbmond im Hinterkopfbereich“, erklärt der Schlangenexperte aus Karlsruhe, der für die SWR-Sendung interviewt wurde, im Gespräch mit unserer Redaktion. Gelblich sei bei der Äskulapnatter, die in Deutschland nur noch sehr selten vorkommt, lediglich die Bauchunterseite. Ein weiterer Unterschied: Die Äskulapnatter sei schmaler, wenn auch oft länger als das Weinheimer Exemplar. Waitzmann ist sich sicher: Aufgrund der Größe von 1,2 Metern muss es sich um ein weibliches Tier handeln. „Die sind größer als die männlichen Ringelnattern“, weiß der Fachmann.
Waitzmann beschäftigt sich ehrenamtlich seit über 30 Jahren mit Schlangen, besonders mit Äskulapnattern. Die seltene Art kommt in Deutschland nur an vier Standorten vor, darunter im südlichen Odenwald bei Neckarsteinach, Hirschhorn und Eberbach. Waitzmann, der dort die Kartierung der Tiere übernimmt, hätte sich über die Sichtung der streng geschützten Äskulapnattern im Weinheimer Exotenwald gefreut – wenn sie sich denn bestätigt hätte.
Am besten, man lässt sie in Ruhe und macht einen Bogen um sie — Biologe Michael Waitzmann
Doch egal welche Natter, eins steht fest: Beide Schlangenarten sind ungiftig und völlig ungefährlich. „Giftig ist in Deutschland lediglich die Kreuzotter und die kommt nur noch im Südschwarzwald vor“, weiß Waitzmann. Bei einer Begegnung mit einer Ringelnatter muss man sich also um das eigene Wohlbefinden keine Sorgen machen. „Am besten, man lässt sie in Ruhe und macht einen Bogen um sie“, empfiehlt der Biologe.
Doch wie verhält sich die Ringelnatter, wenn sie sich bedroht fühlt, zum Beispiel durch Hunde? „Eigentlich sind Ringelnattern sehr scheu und versuchen sofort zu fliehen“, erklärt der Experte. „Manchmal stellen sie sich aber auch tot. Und wenn sie sich richtig bedroht fühlen, dann sondern sie ein stinkendes Sekret aus ihrer Analdrüse ab – das will keiner erleben.“
Ein gutes Habitat
Auf Nachfrage bei Forst Baden-Württemberg, der für den Exotenwald zuständig ist, äußert sich Waldpädagogin Myriam Maldacker erfreut über die Sichtung: „Für uns Forstleute ist es immer ein sehr schönes Zeichen, wenn seltene Arten in unseren Wäldern nachgewiesen werden. Denn das spricht für ein intaktes Ökosystem. Dass die Ringelnatter im Exotenwald vorkommt, zeigt, dass sie hier ein Habitat vorfindet, dass ihren Bedürfnissen entspricht.“ Das beinhalte einerseits das entsprechende Nahrungsangebot aus Beutetieren, vor allem Amphibien (Frösche, Kröten, Lurche), andererseits den vielseitigen Lebensraum, den sie braucht. Dieser besteht aus einem Winterquartier und aus dem Gebiet, wo sie den warmen Teil des Jahres verbringt, in dem sie sich fortpflanzt und auf die Jagd gehen kann. Maldacker: „Es sind viele feine Parameter, die eine Rolle spielen, und nur, wenn alles zusammenpasst, lassen sich auch seltene Arten nieder.“
Für uns Forstleute ist es immer ein schönes Zeichen, wenn seltene Arten in den Wäldern nachgewiesen werden — Myriam Maldacker, Forst BW
Dass die Nattern ab und an auf dem Weg zu finden sind, liegt ihrer Einschätzung nach am warmen Asphalt. Als wechselwarme Tiere, die ihre Körpertemperatur der Außentemperatur anpassen, werden sie von warmem Stein oder Asphalt magisch angezogen. „Man sollte also immer auf den Boden schauen, nicht dass der vermeintliche Stock eine Schlange ist“, sagt Maldacker.
Auch Revierförster Thomas Falk habe im Exotenwald bereits im Bereich der beiden Teiche und am Eingang zum Schlosspark Ringelnattern gesehen. Dort auch mal ganz winzigen Nachwuchs. Falk: „Dass die Schlangen sich vermehren, also den Lebensraum für sich auch langfristig angenommen haben, bedeutet für uns, dass bei der Bewirtschaftung des Waldes auch der Naturschutzaspekt mitgedacht und erfolgreich umgesetzt wurde. Eine schöne Bestätigung unserer Maßnahmen.“