Revolution in Weinheim: Unruhen erreichen die Stadt
Im Herbst vor 175 Jahren fand während der Badischen Revolution ein Eisenbahn-Attentat auf Weinheimer Gemarkung statt. Dieses Ereignis, das als Höhepunkt der revolutionären Geschehnisse in den Jahren 1848 und 1849 in der Zweiburgenstadt gilt, wurde von der Karlsruher Zeitung als "wahrhaft teuflische Absicht" beschrieben, die durch "Gottes Fügung" vereitelt wurde. Es ist bis heute eines der bedeutendsten Ereignisse in der Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Von Andrea Rößler
„Eine wahrhaft teuflische Absicht, viele Hunderte von Menschenleben zu vernichten, ist durch Gottes Fügung vereitelt worden“, vermeldete die Karlsruher Zeitung im Herbst 1848. Gemeint war das Eisenbahn-Attentat, das im Herbst vor 175 Jahren während der Badischen Revolution auf Weinheimer Gemarkung stattgefunden hatte. Es stellt einen Höhepunkt der revolutionären Geschehnisse in den Jahren 1848 und 1849 in Weinheim dar und ist zugleich eines der bedeutendsten Ereignisse in der Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts.
„Gottes Hand geschützt“
„Der Plan ging dahin, den von Frankfurt kommenden Militärzug durch Demolierung der Main-Neckar-Eisenbahn in die Tiefe zu stürzen; allein, der Militärzug kam nicht, sondern ein aus leeren Wagen bestehender Zug eilte um 10 Uhr nachts von Heidelberg nach Frankfurt; er war mit zwei Lokomotiven bespannt und diese stürzten mit noch drei offenen Pritschenwagen die 14 Fuß tiefe Dammböschung hinab“, schrieb der Redakteur im 19. Jahrhundert. „Acht Personen befanden sich zum Dienste auf Lokomotiven und Wagen; alle acht stürzten in die Tiefe, aber glücklicherweise wurde nicht ein einziger beschädigt. Sichtbar hat Gottes Hand hier geschützt.“
Historischer Kontext von Bahn und Baden
Erst seit kurzem verkehrte die Main-Neckar-Bahn von Heidelberg über Friedrichsfeld, Weinheim und Darmstadt nach Frankfurt am Main.
Ihre Jungfernfahrt unternahm die erste Bahnverbindung Badens mit dem innerdeutschen „Ausland“ im Juli 1846.
Die Großherzoglich Hessische Zeitung berichtete: „In Weinheim traf man das Stationshaus mit Fahnen und Flaggen in den badischen Farben, mit Girlanden und Blumen festlich geschmückt; viele hundert Menschen jeden Alters und Geschlechtes empfingen den Zug mit Jubel, den zugleich der Donner der Geschütze von der Burg Windeck begrüßte.“
Auch während der Revolution 1848/49 spielte die Bahn eine wichtige Rolle. Sowohl von den Aufständischen als auch von der Staatsmacht wurde inzwischen der Wert der Eisenbahn als schnelles, leistungsfähiges und zuverlässiges Transportmittel für Truppen und Material erkannt und genutzt.
Schon am 16. September 1848 hatte der „Revolutionsgeneral“ Franz Sigel in einem Brief an Gustav Struve, einen der führenden Köpfe der badischen Revolution, über die militärische Bedeutung der Bahn geschrieben.
„Um diese Bewegung (Vordringen der Revolutionsarmee nach Norden; Anm. d. Red.) zu begünstigen, müssen erstens die beiden Eisenbahnlinien zwischen Darmstadt und Weinheim, und Mannheim und Heidelberg zerstört werden“, so Sigel.
So sollte verhindert werden, dass Truppen aus dem Norden (etwa aus Hessen) oder Westen nach Baden gebracht werden konnten.
Der Stein kam in Frankfurt ins Rollen. Dort waren nach der Abstimmung in der Nationalversammlung über den Waffenstillstand im Krieg gegen Dänemark Unruhen entstanden. Der Unmut über die sichtbare Schwäche des Parlaments, das sich gegen die von Preußen geschaffenen Tatsachen nicht durchsetzen konnte, führten zu einem spontanen Aufstand, der am 18. September 1848 durch preußische und österreichische Truppen niedergeschlagen wurde. Das Militär war aus der Bundesfestung Mainz und aus Darmstadt in kürzester Zeit mit der Bahn nach Frankfurt gebracht worden, die Revolutionäre hatten versäumt, die Bahnstrecken zu blockieren.
Wirtschaft wird zur Keimzelle
In Baden führten die Nachrichten vom Frankfurter Aufstand zum Struve-Putsch. Gustav Struve rief am 21. September 1848 in Lörrach die „Deutsche Republik“ aus. Von Süden her wollte er mit Truppen Richtung Karlsruhe marschieren. Diese Kunde gelangte bereits am nächsten Tag nach Weinheim – Nachrichten verbreiteten sich schnell über die Zeitungen, aber vor allem mit der Eisenbahn. Schon am 3. September 1848 hatte in Weinheim eine Volksversammlung zugunsten der „Durchsetzung von Volkssouveränität und Republik“ stattgefunden, mit Böllerschüssen, einem Festzug mit Musik, Festansprachen und einem Festessen für geladene Gäste.
Teilgenommen hatten zwischen 3000 und 15 000 Menschen – je nach politischer Richtung des Berichterstatters. Am 20. September wurde eine Bürgerwehr in Weinheim aufgestellt, die am 21. September auch bewaffnet wurde. Hauptmann wurde der Wirt Friedrich Härter, angesehener und wohlhabender Bürger und Gastwirt, Anführer der Demokraten in Weinheim; seine Gastwirtschaft „Zur Burg Windeck“ galt als Treffpunkt der Opposition.
Weinheimer erheben sich
Am 22. September wurde in der Wirtschaft „Zur Burg Windeck“ bei Friedrich Härter über den Struve-Putsch gesprochen. Am 23. September verbreiteten sich in der ganzen Stadt Gerüchte um eine geplante Sabotage der Eisenbahnverbindung nach Darmstadt. In vielen Gasthäusern trafen sich kleine Gruppen, auch aus dem Umland (Mannheim, Südhessen, Odenwald). Bei Friedrich Härter wurde eine Sitzung des Volksvereins vorbereitet, die im Gasthaus von Jakob Fild (Ecke Bahnhofstraße / Bergstraße) abends stattfand.
Schließlich angestachelt von der Fehlinformation, Struve stoße mit 40 000 Mann von Südbaden nach Norden vor (tatsächlich waren es nur 4000), und überzeugt davon, dass durch die Unterbrechung der Bahnverbindung der Transport von preußischen und hessischen Truppen nach Süden blockiert werden würde, waren die Versammelten bereit, zu handeln. Rund 80 Männer zogen die Landstraße hinaus zum Rosenbrunnen, überwiegend „bewaffnet“ mit Wingertspfählen und Brecheisen, nur wenige mit Flinten. Nachdem der letzte aus Frankfurt kommende planmäßige Personenzug um 21.37 Uhr Weinheim passiert hatte, gab der Kaufmann Friedrich Diesbach die Parole „Holstein“ aus.
Bahnwärter verscheucht
Eine Patrouille von Bahnwärtern wurde verscheucht, sie informierte allerdings dann die Weinheimer Behörden. Dann wurde der Streckenabschnitt zwischen den Bahnhäusern 65 und 66 an der Gemarkungsgrenze zu Lützelsachsen zerstört: Schienenstücke wurden auf einer Länge von etwa 45 Metern herausgerissen und der Bahndamm teilweise abgegraben. Ein weiterer Trupp beschädigte auf Sulzbacher Gemarkung Gleise und Bahndamm.
Andrea Rößler ist Leiterin des Weinheimer Stadtarchivs. Sie ist Diplom-Archivarin und studierte an der Fachhochschule Marburg. Praxiserfahrungen sammelte Rößler unter anderem im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Generallandesarchiv Karlsruhe. Im Weinheimer Stadtarchiv hütet sie historische Schätze, die bis in das 14. Jahrhundert zurückreichen.
Um circa 22 Uhr fuhr ein aus Heidelberg zurückkommender leerer Truppentransportzug an der Stelle am Rosenbrunnen ein. Die beiden Lokomotiven und die ersten drei der 25 Wagen stürzten die vier Meter tiefe westliche Dammböschung hinab. Das Zugpersonal (acht Personen) kam mit dem Leben davon, allerdings sollen fünf Personen verletzt worden sein. Der später festgestellte Materialschaden hielt sich mit 6695 Gulden in Grenzen. Eine der beiden Lokomotiven war übrigens die 1846 in Weinheim bei der Jungfernfahrt bejubelte Lok „Karl der Große“.
Weinheim wird besetzt
Am 24. September 1848 erklärte Großherzog Leopold mit Bezug auf das Attentat das Kriegsrecht für den Amtsbezirk Weinheim – rückwirkend für den 23. September. Veröffentlicht wurde die Erklärung am 25. September im Großherzoglich Badischen Regierungsblatt. Am gleichen Tag scheiterte auch Struves Vormarsch in Südbaden, badische Truppen schlugen in einem Gefecht bei Staufen die Freischaren Struves. Am 26. September besetzten preußische Truppen Weinheim für mehrere Monate.
Drakonische Strafen
In Weinheim begann ein Strafgericht gegen die demokratische Bewegung, die bis dahin von der Hoffnung auf Heckers oder Struves Republik getragen worden war. Ermittlungsbehörde war das Bezirksamt Weinheim unter der Leitung von Amtmann Dominik Herterich, dem man eine „beispiellose Hetzjagd gegen die Delinquenten“ nachsagte. Das Vermögen der Verdächtigen wurde beschlagnahmt, hunderte von Bürgern strafrechtlich verfolgt, viele Männer als Hochverräter verurteilt und zum Teil jahrelang im Gefängnis in Bruchsal eingekerkert. Zahlreiche Familien „zerbrachen“, zumal auch eine Petition von 179 Weinheimer Frauen an den Landtag nur Einzelnen Linderung ihres Haftschicksals bescherte. Mindestens zwei Suizide sind überliefert; manche der Beschuldigten flohen ins europäische Ausland oder sogar in die USA.
Eine wahrhaft teuflische Absicht ist durch Gottes Fügung vereitelt worden - Karlsruher Zeitung 1848
Die Ermittlungen zogen sich bis in das Jahr 1854, das Strafverfahren wegen Hochverrats fand vor dem Hofgericht in Mannheim statt. Am Ende standen 17 Verurteilungen mit Freiheitsstrafen zwischen 18 Monaten und acht Jahren Zuchthaus, sieben Angeklagte wurden freigesprochen, gegen 18 Verdächtige wurde wegen geringer Beteiligung kein Strafverfahren durchgeführt, gegen sieben Flüchtige ruhte das Ermittlungsverfahren.
1856 wurden einige von den Inhaftierten begnadigt, die übrigen folgten am 5. September 1856 durch eine Amnestie des neuen badischen Großherzogs Friedrich I. Friedrich Härter wurden im Frühjahr 1859 die staatsbürgerlichen Rechte wieder zuerkannt, seine Gastwirtschaft wurde erst im Oktober 1860 wieder zugelassen. Sein Grabstein steht bei der Peterskirche.