Weinheim

Warum Sucht auch bei Kindern kein Tabuthema sein darf

Mit kreativen Methoden lernen Kinder in der „Rückenwind“-Gruppe, über die oft tabuisierten Themen Sucht und psychische Erkrankungen zu sprechen.


von Melissa Richter und Amelie Michel

28.10.2024


Vanessa Thomauske (42) Erziehungswissenschaftlerin und Nadja Weiß (47) Diplom-Pädagogin (von links) leiten die Gruppe "Rückenwind". Foto: Melissa Richter
Vanessa Thomauske (42) Erziehungswissenschaftlerin und Nadja Weiß (47) Diplom-Pädagogin (von links) leiten die Gruppe "Rückenwind".

Bunte Plüschtiere reihen sich an Brettspiele und Legosteine in dem vollen Regal. Darüber hängt ein fröhliches Porträt einer lächelnden Biene in Gelb. „Bee Happy!“, steht darunter. In diesem einladenden Zimmer wird am Weinheimer Marktplatz mit Kindern offen über Themen gesprochen, bei denen oft Schweigen herrscht: Die Suchterkrankung und die psychischen Probleme der Eltern.

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Wenn Erziehungswissenschaftlerin Vanessa Thomauske und Diplom-Pädagogin Nadja Weiß auf dem orangenen Teppich in der Mitte des hellen Raumes mit den Kindern Platz nehmen, geht es genau darum. „Wir wollen ihnen Mut machen, offen über ihre Bedürfnisse zu reden“, sagt Weiß von der Suchtberatung Weinheim.

Seit 2019 finden Treffen der „Kindergruppe Rückenwind“ für Sieben- bis Elfjährige statt. Das Angebot wird gut angenommen – im November soll nun eine zweite Gruppe starten. Für acht Montage von 15 bis 17 Uhr finden die Treffen mit einem zusätzlichen Vor- und Nachgespräch statt.

„Themen sind schambehaftet“

Psychische Krankheiten oder Suchterkrankungen sind für viele nach wie vor Tabuthema. Eines mehr, als das andere: „Für die Eltern ist es oft einfacher, zu sagen, dass die Mama Depressionen hat, als sich eine Sucht einzugestehen“, erzählt Weiß. „Sucht ist ein riesiges Geheimnis.“ Mittlerweile herrsche schon eine größere Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen. „Trotzdem sind die Themen immer noch schambehaftet“, fügt die 47-Jährige hinzu.

Der Flipper ist bei den kleinen Gästen besonders beliebt. Foto: Amelie Michel
Der Flipper ist bei den kleinen Gästen besonders beliebt.

Verlustängste, mangelnde Vertrauensfähigkeit oder die Gefahr selbst einmal süchtig zu werden: Das sind die Risiken der Kinder, wenn ihnen nicht geholfen wird. Das ist nicht immer der schlechte Wille der Eltern. Viele haben schlicht einfach Angst darüber zu reden oder sind sich unsicher. „Aber es ist oft eine Erleichterung, wenn das Kind Bescheid weiß“, betont Thomauske von der Psychologischen Familien- und Erziehungsberatung (FEB). Die Veränderung in der Familie würde es ohnehin mitbekommen.

Häufig seien es eben äußerliche Anzeichen bei Kindern im Alltag, die ihre problematische Situation zu Hause ans Tageslicht bringen. „Das reicht von der leeren Brotbox bis zur äußerlichen Vernachlässigung“, erklärt die 42-Jährige. Viele würden sich sprachlich auch nicht ihrem Alter entsprechend ausdrücken. „Manchmal dachte ich schon, da redet ein Erwachsener mit mir“, beschreibt Thomauske eine Unterhaltung mit einem betroffenen Kind.

Ein sicheres Umfeld

Die acht Treffen der Gruppe sind vor allem dafür da, den Kindern ein sicheres Umfeld zu bieten. Um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Mit selbstgebastelten Gefühlsuhren und flauschigen Unterstützern als Sprechtiere erzählen die Kinder von ihren Sorgen. Auf den Uhren stehen Emotionen und die Kinder können die Zeiger je nach Gefühlslage drehen.

Die flauschigen Begleiter werden als "Sprechtiere" genutzt. Die Kinder können damit ihre Gefühle mit etwas Abstand ausdrücken. Foto: Amelie Michel
Die flauschigen Begleiter werden als "Sprechtiere" genutzt. Die Kinder können damit ihre Gefühle mit etwas Abstand ausdrücken.

Gegenseitige Tipps

Durch das Buch „Annikas andere Welt“ erfahren sie kindgerecht, wieso Mama oder Papa sich so verhalten. In dem Sachbuch werden hauptsächlich psychische Krankheiten bei Eltern thematisiert. Zudem sind Mit-Mach-Seiten enthalten, die den Kindern unter anderem Bewältigungsstrategien nahebringen.

Auch der Austausch untereinander ist ein wichtiger Teil. „Die Kinder geben sich gegenseitig Tipps“, schildert die 42-Jährige. So verstehen selbst die Jüngsten, dass es auch andere gibt, denen es so geht wie ihnen. Und, dass sie darüber reden können – auch mit Gleichaltrigen.

Gefühlsuhr an der Kinderzimmertür

Die Pädagogin und die Erziehungswissenschaftlerin hoffen, das Angebot auch längerfristig weiterführen zu können. „Vor allem in der Weihnachtszeit und über den Winter brauchen unsere Schützlinge am meisten Unterstützung“, sagt Thomauske. Dass ihre Arbeit Veränderung schafft, merken sie vor allem in den Abschlussgesprächen. Dort haben die Kinder die Möglichkeit, noch einmal ihre Wünsche gegenüber ihren Eltern zu äußern. „Bei einer Familie hängt jetzt die Gefühlsuhr an der Kinderzimmertür“, erzählt Thomauske.

Die regelmäßigen Termine und das gemeinsame Essen bieten Struktur in einem chaotischen Alltag, in dem die Jüngsten der Familie oft am meisten Verantwortung tragen. „Meist findet ein Rollentausch statt: Die Kinder übernehmen Aufgaben im Haushalt und passen mehr auf ihre Erziehungsberechtigten auf als umgekehrt“, sagt Thomauske. So würden sie versuchen, für Entlastung des Familienlebens zu sorgen. „In diesen zwei Stunden können sie wirklich Kind sein“, fügt die Erziehungswissenschaftlerin hinzu.

Die Gruppe beginnt am 11. November. Eine Anmeldung ist noch möglich. Am besten über das Sekretariat der Beratungsstelle unter Telefon 06201/14362.