Unsere WNOZ-Fotografen im Porträt: Thomas Rittelmann aus Mannheim
Thomas Rittelmann ist seit 1997 für die WNOZ im Einsatz. Er ist stellvertretender Obermeister bei der Innung und in zwei Prüfungskommissionen.
Thomas Rittelmann ist seit 1997 für die WNOZ im Einsatz. Er ist stellvertretender Obermeister bei der Innung und in zwei Prüfungskommissionen
Wurde er gerade auf den Arm genommen? Thomas Rittelmann war nicht sicher, als aus der WNOZ-Redaktion der Auftrag kam: „Fahr doch mal hinaus auf die Kreidacher Höhe, da soll Helmut Kohl gerade zu Mittag essen.“ Der junge Fotograf argwöhnte, dass man sich mit ihm als Berufsanfänger einen Spaß erlauben wollte, fuhr dann aber doch los in Richtung Odenwald. Es stimmte: Im Februar des Jahres 1997 kehrten der Bundeskanzler und seine Gattin Hannelore tatsächlich in dem Gasthaus ein.
„Ich habe mich gerade mit dem Wirt Karl Metz unterhalten, da wurde es dunkel im Türrahmen, und dann stand Helmut Kohl da“, erinnert er sich im Gespräch mit der Lokalredaktion. Der Regierungschef trug sich ins Goldene Buch ein und posierte mit den Wirtsleuten fürs Foto, hinter sich eine rustikale Holzwand und genau auf Höhe des Kopfs ein imposantes Geweih. Rittelmann machte Kohl darauf aufmerksam, sagte: „Möchten Sie vielleicht ein Stück zur Seite rücken?“
Der Kanzler guckte verdutzt und bedankte sich: „Die meisten hätten jetzt einfach abgedrückt.“ Rittelmann nicht, und bis heute bereut er nicht, die Chance auf ein möglicherweise urkomisches Motiv ausgeschlagen zu haben: „Ich will immer fair bleiben.“
Fotograf aus Leidenschaft
Gerade sitzt er am Tisch in seinem Büro, vor sich den Bildbearbeitungsplatz, im Nachbarraum das Studio. In der Friedrichsfelder Vogesenstraße 31 in Mannheim ist das Geschäft des Fotografen; immer wieder kommen Kunden, um Passfotos anfertigen zu lassen oder Bestellungen abzuholen. Rittelmann macht außerdem Familienporträts, Bewerbungsbilder und vieles mehr. 2021 bezog er die Räume, in denen sich früher ein Blumengeschäft befand, strich die Wände hell, packte das Studio voll mit Deckenschienen für Strahler, aufrollbaren Hintergründen und Bodenbelägen, stellte seinen gewaltigen Drucker hinein, der Bilder bis zur Größe eines Wohnzimmerläufers produzieren kann, und schaffte eine Heißaufziehpresse zur Bildveredlung an, die den Fotos eine matte, hochwertige Oberfläche verleiht.
„Der Beratungsbedarf ist groß“, sagt er und meint die Anliegen, mit denen die Menschen kommen: Was trage ich auf dem Bewerbungsbild? Welcher Hintergrund ist am besten? Außerdem haben viele grundsätzliche Bedenken und sagen: „Ich bin gar nicht fotogen.“ Doch, sagt er dann: „Es gibt keine unfotogenen Menschen. Nur schlechte Fotos.“ Und dann setzt er alles dran, seine These zu beweisen, denn: „Jemand, der von einem Fotografen enttäuscht wird, geht auch nie wieder zu einem anderen.“
„Es war etwas Besonderes“
Es sind sozusagen Momentaufnahmen aus Rittelmanns aktuellem Berufsalltag, die das zweite Standbein zeigen, das er sich geschaffen hat; er ist Fotograf aus Leidenschaft – dabei sah es ursprünglich gar nicht danach aus. „Ich wollte eigentlich Chirurg werden“, bemerkt er. Damals, als Schüler des Jahrgangs 1971 im Ladenburger Carl-Benz-Gymnasium, las er die Biografien berühmter Ärzte, und vor seinem geistigen Auge tauchten Bilder im OP auf. Der Jugendliche gehörte außerdem zur schuleigenen Foto-AG, lernte, Bilder zu entwickeln, und war fasziniert davon, wie sich im roten Dämmerlicht der Dunkelkammer die Motive auf dem Papier herausschälten: „Das war etwas Besonderes, und ich war stolz, dass ich das konnte.“
Mit der AG ging er auf Motivsuche, besorgte sich Fotobände und lernte auf eigene Faust weiter. Die erste große Anschaffung des Teenagers war ein seinerzeit unerschwinglicher Belichtungsmesser für 950 Mark, der bis zu diesem Jahr noch in Gebrauch war und dann – viel betrauert – den Geist aufgab. Als Nächstes richtete er sich ein Labor im Keller ein, gegen die Widerstände der Eltern; doch dann war es seine Mutter, die die Annonce eines kleinen Verlags fand, der einen Fotografen suchte; flexibel sollte er sein und ein Auto besitzen. Das war 1989; der Jugendliche bewarb sich und wurde genommen. Einer der ersten Termine war der Schriesheimer Mathaisemarkt; dort lernte er Kollegen kennen, darunter Urgestein Gerd Schwetasch: „Ich habe von ihm so viel gelernt wie von niemandem sonst.“ Als Nächstes standen das Abi an, der Medizinertest und dann der Zivildienst. Ihn leistete er im Mannheimer Klinikum ab, wo er die OP-Belegung koordinierte und den Profis über die Schulter gucken durfte.
In dieser Zeit lernte er die OP-Schwester Josephine kennen. Die beiden wurden ein Paar und heirateten; der gemeinsame Sohn ist mittlerweile 25 und Industriemeister Druck und Medientechnik sowie Medienfachwirt. Noch „Zivi“, überdachte Rittelmann seine beruflichen Pläne, wie er grinsend erklärt: „Der Welt ist viel erspart geblieben, weil ich nicht Chirurg wurde.“
Stattdessen bekam er vom Verlag das Angebot, ein Volontariat als Bildredakteur zu machen – was er annahm. Nach dem Abschluss blieb er noch zwei Jahre; 1996 lernte er WNOZ-Fotograf Fritz Kopetzky kennen, der den jungen Kollegen abwarb. Er arbeitete nun auf Honorarbasis mit der „Mindestabnahme“ von monatlich 100 Bildern – nur um festzustellen, dass es gut und gerne 140 waren.
Und das, obwohl sein Start bei der „Woinemer“ alles andere als einfach war. Am 1. Januar 1997 lag nämlich 40 Zentimeter hoch Schnee, und er musste mit seinem klapprigen Fahrzeug und ohne Navi zu Dörfern und Weilern im Odenwald fahren, von denen er noch nie gehört hatte. Am dritten Tag kollidierte er mit einem entgegenkommenden Wagen – Totalschaden. Trotzdem: Die WNOZ hatten es ihm angetan, und nach einigen Jahren bei der Stadtredaktion des Mannheimer Morgen kehrte er zurück. Seither ist er an festgelegten Wochenenden sowie immer dienstags für die Zeitung im Einsatz.
„Die beste Entscheidung seines Lebens“
Mit 39 Jahren wagte er noch einmal so etwas wie einen Neuanfang: Da meldete er sich nämlich als „Externer“ zur Gesellenprüfung an, um einen Handwerkskammer-Berufsabschluss zu haben. Er gehörte zu den ältesten Kandidaten, war skeptisch, ob er das schaffen würde, bestand aber und meldete sich gleich darauf zur Meisterprüfung an. Das bedeutete Arbeit, Lernen und Meisterschule – neben der kleinen Familie und dem Hausbau. „Es war eine Riesenverantwortung“, bemerkt er rückblickend, „und es war das härteste halbe Jahr meines Lebens.“ Und dann die Prüfung, das Gefühl, wie auf einem Sünderbänklein der Prüfungskommission gegenüberzusitzen und auf knifflige Fragen zu antworten. Die Innungsmeister nahmen den Kandidaten besonders in die Zange, denn er wurde „auf eine Eins“ geprüft – doch irgendwann hatte er sich warm geredet, und dann war die Sache gelaufen. Als „Gewerks-Bester“ wurde Rittelmann bei der folgenden Erhebungsfeier besonders geehrt.
Heute nennt er diese Qualifikation „die beste Entscheidung meines Lebens“. Denn als Fotografenmeister habe man bei der Kundschaft einen ganz anderen Stand. Außerdem wechselte er die Seiten, gehört heute der Meister- wie auch der Gesellenprüfungskommission an und ist zudem stellvertretender Obermeister der Innung. Er ist stolz auf sein Handwerk und die Traditionen – und auf den feinen Unterschied zu allen, die mit Standard-Bildprogrammen arbeiten. „Viele machen eine Menge Chichi, verwenden Bildlooks, die eine Zeitlang modern sind, die man dann aber nicht mehr sehen kann.“ Damit meint er beispielsweise „Retro“-Effekte wie Sepiafarben oder verblasste Töne. Für ihn ist es wichtig, in Zeiten der Bilderflut Fotos zu machen, „die stehen bleiben in diesem Strudel“. Etwas, das die Menschen über den Tag hinaus bewegt, das sie dauerhaft schätzen. Besondere Familienfotos etwa oder Bilder geliebter Haustiere.
Eine Million Kilometer gefahren
Was die Pressearbeit angeht, so hat Rittelmann ausgerechnet, dass er in den vergangenen 30 Jahren etwa eine Million Kilometer gefahren ist; mittlerweile hat er seinen achten Volvo und sagt: „Es ist nie etwas Schlimmeres passiert, Gott sei Dank.“ Vor einigen Jahren wurde der 53-Jährige sehr krank und überdachte wiederum seine Lebensentscheidungen: Er nahm sich vor, alles etwas langsamer anzugehen und sich mehr Zeit für die Familie und seine Hobbys zu nehmen. Zu denen gehören die Mitgliedschaft im Heimatverein Friedrichsfeld, für den er unter anderem einen Unternehmerstammtisch gegründet hat. Außerdem ist er aktiv im Verein „Historische Eisenbahn Mannheim“, der sich um die Erhaltung alter Loks kümmert. Und er wünscht sich, bald wieder Zeit für seine meditativste Freizeitgestaltung zu haben: das Angeln.
Das WN/OZ-Fotografenteam besteht derzeit aus Fritz Kopetzky, Thomas Rittelmann, Philipp Reimer, Gian-Luca Heiser, Marco Schilling und Kathrin Oeldorf.