Weinheim

Unterwegs auf der Kerwe mit der Lärm-Patrouille

Es ist Freitagabend, 22.30 Uhr auf der Weinheimer Kerwe – ein angenehmer Sommerabend, ein rappelvoller Marktplatz, wo in einigen Lokalen die ersten Gäste bereits auf den Bänken tanzen. Rund ums Schloss, aber vor allem im Gerberbachviertel ist kaum ein Durchkommen. Überall sind Menschen, die feiern, Freunde treffen (oder gerade wieder einmal suchen), die Köpfe zusammenstecken, um sich etwas zuzurufen oder die Refrains der Partylieder voller Leidenschaft mitzusingen. Also alles perfekt, oder doch nicht? Schließlich steht die Kerwe in diesem Jahr unter besonderer Beobachtung. Alles soll ein bisschen leiser sein als im Vorjahr – (nicht nur) den Anwohnern zuliebe.

Tontechniker Tim Remark lässt sich vom Kerwetrubel nicht aus der Ruhe bringen, wenn er mit seinem Messgerät auf „Lärmpatrouille“ ist. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Tontechniker Tim Remark lässt sich vom Kerwetrubel nicht aus der Ruhe bringen, wenn er mit seinem Messgerät auf „Lärmpatrouille“ ist.

Denn 2022 war es selbst eingefleischten Kerwegängern an vielen Stellen zu laut. Gespräche waren oft gar nicht mehr möglich, weil zu viele Musikquellen miteinander konkurrierten. Der Kompromiss, der im Frühjahr zwischen den Anwohnern, der Stadt und den Betreibern der Straußwirtschaften ausgehandelt wurde, lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Partystimmung – Ja bitte, „Bumbum-Kerwe“ – Nein danke. Tontechniker Tim Remark entwickelte dazu ein Konzept, das Lärmgrenzen und Leitlinien definierte. Und die Stadt versprach, deren Einhaltung an allen Kerwetagen zu kontrollieren.

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Dichtes Gedränge herrschte bereits am Freitagabend im Gerberbachviertel. Die Stimmung war gut, die Musik aus den Boxen laut, aber bewegte sich nach ersten Messungen im Rahmen der vereinbarten Grenzen. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Dichtes Gedränge herrschte bereits am Freitagabend im Gerberbachviertel. Die Stimmung war gut, die Musik aus den Boxen laut, aber bewegte sich nach ersten Messungen im Rahmen der vereinbarten Grenzen.

„Nur eine Momentaufnahme“

Gewissermaßen als „Lärmsheriffs“ sind deshalb Marktmeisterin Tamara Metz, ihr Vorgänger Stefan Grabinger, Pressesprecher Roland Kern und Tontechniker Tim Remark schon auf ihrem zweiten Kerwerundgang an diesem Abend. Ihre wichtigste „Waffe“ ist das Dezibel-Messgerät, das Remark überall dort, wo Musik aus Boxen dröhnt, zum Einsatz bringt. Fünf Minuten lang wird gemessen; der Mittelungswert sollte 85 Dezibel nicht überschreiten. Wenn es mehr als 92 Dezibel sind, dann gibt es umgehend eine Ermahnung an den DJ und den Betreiber des Lokals. „Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme“, weiß Remark. Aber es sei die einzige Möglichkeit, um kurzfristig agieren zu können, damit der Lärmpegel nicht aus dem Ruder läuft.

Drei Ermahnungen auf einer Runde

Das scheint bisher im Gerberbachviertel ziemlich gut zu funktionieren, auch wenn es hör- und messbare Unterschiede gibt. Am ruhigsten ist es eindeutig in der Gerbergasse, dort ist das Kerwepublikum dann auch erkennbar älter als zum Beispiel in der Judengasse.

Drei Mal muss das Team von Marktmeisterin Metz auf dieser zweiten Runde Ermahnungen aussprechen – je einmal im Schlosspark, am Marktplatz und im Gerberbachviertel. Und jedes Mal wird sofort die Musik ein bisschen leiser gedreht.

„Es ist eine Gratwanderung“, betont Pressesprecher Kern mehrfach. Man versuche, mit „Fingerspitzengefühl“ vorzugehen. Schließlich wolle niemand den Menschen das Feiern vermiesen. Aber man habe schon im Vorfeld deutlich gemacht, dass bei Missachtung der Grenzwerte nach einer ersten freundlichen Ermahnung beim zweiten Mal ein Bußgeld angedroht und beim dritten Mal tatsächlich verhängt werde.

Eher eine Spielerei sind die kostenlosen Dezibel-Apps, die es fürs Smartphone gibt. Aber sie liefern zumindest einen Anhaltspunkt für den Lärmpegel. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Eher eine Spielerei sind die kostenlosen Dezibel-Apps, die es fürs Smartphone gibt. Aber sie liefern zumindest einen Anhaltspunkt für den Lärmpegel.

„Lärmblitzer“ fürs Smartphone

Die Kerwebesucher bekommen von der „Lärmpatrouille“ so gut wie nichts mit. Nur gelegentlich schaut jemand Tim Remark über die Schulter, wenn er gerade sein Messgerät kontrolliert. Kern hat sich – wie die Presseleute, die den Rundgang begleiten –, die (kostenlose) App „Dezibel X“ auf dem Smartphone installiert, auch wenn diese in Sachen Genauigkeit natürlich nicht mit dem Profigerät mithalten kann. Dafür bietet sie eine nette Spielerei, eine Art „Lärmblitzer“, der ins aktuelle Foto vom Geschehen den gemessenen Dezibel-Wert einblendet. Wenn der DJ „Hulapalu“ von Andreas Gabalier spielt und alle den Refrain mitgrölen, dann knackt der Pegel auch schon mal für kurze Zeit die 100er-Grenze.

Doch solche Fälle bleiben zumindest auf diesem Rundgang die Ausnahme. Wie es kurz vor der Sperrstunde und in den folgenden Nächten aussieht, muss sich noch zeigen. Tontechniker Remark zieht gegen 23.30 Uhr dennoch ein erstes Zwischenfazit: „Es läuft bisher sehr zivilisiert. Das Konzept scheint aufzugehen.“ Darauf hofft auch Pressesprecher Kern: „Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“