Volksbank-Galerie in Weinheim: Wenn „Heimat“ zum Besuchermagneten wird
Kunstförderverein: Mehr als 300 Besucher kommen zur Eröffnung der Mitgliederausstellung in die Volksbank-Galerie in Weinheim.
Weinheim. Um die Mittagszeit legt Theresia Schug noch letzte Hand an ihre Installation mit dem Titel „Im Gegenlicht“ an. Kniend klebt sie alte Fotografien in das von Plastikblumen umkränzte Häuschen, das die von Vertreibung und dem Wandel des Fremden in ein neues Heimatgefühl geprägte Geschichte ihrer Familie thematisiert. Eine neue Heimat entsteht nicht im Handumdrehen, und ein den Betrachter anstarrendes, fast nacktes Kind auf dem Bild „Zerstörte Heimat“ von Evelyn Defièbre zeigt die Kehrseite der Medaille des Themas „Heimat“, das der Kunstförderverein Weinheim für seine Mitgliederausstellung ausgegeben hat.
Doch würdigen in der Galerie der Volksbank Kurpfalz viele der 41 Künstler in insgesamt 66 Bildern und Skulpturen auch die typischen, liebenswerten Orte und Bauwerke der Zweiburgenstadt, die mit der Ausstellungseröffnung am Dienstagabend nun auch einen Beitrag ihrer Kunstszene zu den Heimattagen Baden-Württemberg hat.
Die Künstler
Malerei: Annette Adams, Maren Appel, Julia Asfour, Elke Bellgart-Rapp, Anke Berger, Evelyn Defièbre, Annette Deichmann-Müller, Caroline Diefenbach, Veronika Drop, Tigran Grigoryan, Dr. Günther Hahne, Ksenia Hajdari, Erika Heuser, Dr. Nicole Hilkert, Ingrid Janowsky, Alexandra Keil, Anne Sophie Koch, Knut Korsch, Eva Lösche, Gizella Marosan-Lindig, Elke Matuschek, Marén Otte, Natalia Pohoyda, Ulrike Pospiech, Nooshin Razavi Salim, Nicole Sättele, Roswitha Schwende, Anna Stumpf, Holger Wiegand, Ulrike Wyrwoll, Kristina Yarolslavskaya und Ina Zielinski.
Fotografie/Fotodruck: Renate Barth, Gabriele Englert, Roland Kobsa und Roger Schäfer.
Skulptur: Anke Berger, Dr. Heidemarie Haller-Niggemeier, Uta Hamerla-Aulbach, Eva Hestermann-Beyerle und Ulrike Pospiech.
Installation: Susanne Fucke und Theresia Schug.
Lob fürs Hängeteam
Am Abend will der Besucherstrom bei der Vernissage nicht abreißen. Auch Oberbürgermeister Manuel Just ist unter den Gästen, und Ada Götz, die Beauftragte der Stadt Weinheim für die Heimattage, bietet an einem Stand ein Zehnerset Postkarten an, gestaltet von Mitgliedern des Kunstfördervereins. Auf über 300 schätzt Klaus Steckmann die Anzahl der Personen, die alle Stühle belegen und sich darüber hinaus im gesamten Galeriebereich verteilen. Der Mann vom Vorstand der Volksbank Kurpfalz spricht von einer organisatorischen Großleistung des Kunstfördervereins und einer fantastischen Arbeit der Hängekommission. Vorsitzender Gerhard Berger wird konkret und dankt Kuratorin Roswitha Schwende und Evelyn Defièbre für die Gestaltung der Einladungskarte. Zudem lobt er Anke Berger, seine Frau und Schatzmeisterin des Vereins, die viel Arbeit in einen Film steckte, der auf der Videoleinwand in Dauerschleife auch frühere Mitgliederausstellungen ins Bild rückt.
In den ersten Wochen des Jahres ist Julia Asfour für die künstlerische „Heimat“-Schau eine realistische Bildhommage an Weinheim gelungen. Ihr 1,60 Meter hoher und 1,20 Meter breiter, eindrucksvoller „Himmel über Weinheim“ ist zusammen mit einer abstrakten Liebeserklärung von Ina Zielinski an Ecuadors Hauptstadt Quito der optische Aufmacher. Mit einer originellen Komposition erfreut Holger Wiegand auf seinem Acrylgemälde. Hatte er bereits eine Inspiration für das Heimat-Thema, als er schon 2009 die Weinheimer Reiterin in den Schlosspark reiten und auf die Silhouette des Schlosses blicken ließ? Auch Fotograf Roger Schäfer würdigt den Schlosspark mit einem überraschenden Bild vom Versteck, das Kinder beim Familienausflug gerne aufsuchen. Direkt daneben weist mit Roland Kobsa ein anderer Fotograf auf einen Leerstand in der Fußgängerzone hin, ehe Nooshin Razavi Salim mit einer kraftvollen, leuchtenden Palette begeistert. Ihr Bild zeigt eine friedvolle Szene auf der sonnigen Schlossparkwiese.
Im seitlichen Nebenraum der Galerie gestattet Natalia Pohoyda mit Aquarell einen Blick auf die Weinheimer Moschee, und Alexandra Keil verabreicht der Heimatstadt einen Schuss Pop-Art. Marén Otte überrascht mit zwei kompositorisch eindrucksvollen surrealen Ölgemälden und einer Malkunst, wie man sie in den Neunzigern von Ingeborg Zotz oder Joe Hackbarth kannte und schätzte. Das Zusammenspiel eines Apfels mit Windeck und Schloss sowie der geniale Einfall, den Apfelstil zu einem Sommertagsstecken werden zu lassen, macht das Bild zu einem der Ausstellungshöhepunkte.
Das Hängeteam des Kunstfördervereins löste die schwierige Aufgabe, thematische Bildgruppen zusammenzuführen, ganz hervorragend. Das zeigt sich an Stellen, wo der von Eva Lösche in ein abstraktes leuchtendes Farbenmeer getauchte Waidsee mit einem hellen Birkenwäldchen von Maren Appel korrespondiert. Der bereits erwähnte collagierte Acryldruck „Zerstörte Heimat“ thematisiert an der nächsten Wand zusammen mit zwei in Mischtechnik entstandenen Bildern von Veronika Drop die Gefährdung jenes Gefühls, das aus Fäden tausender Erinnerungem entsteht, die uns halten und binden, wie Hermann Hesse meint.
„Heimat“, Mitgliederausstellung des Kunstfördervereins Weinheim, bis 17. April, Galerie der Volksbank Kurpfalz, Bismarckstraße 1, Weinheim.
Skulptur in Frauenhand
Die Kunstgattung Skulpturen ist bei der Mitgliederausstellung fest in Frauenhand. Während Eva Hestermann-Beyerle Weinrebe, Trompetenblume und Ahorn eine besondere Form verleiht, Heidemarie Haller-Niggemeier Stahl in einer Art Weltkugel rotieren lässt, Ulrike Pospiech Bronze-Torsos schafft und Anke Berger kulinarische Vorlieben in Würfelform kredenzt, wirft Uta Hamerla-Aulbachs Enkelin Emily in einer ihrer Terracotta-Figuren dem Ausstellungsbesucher einen kritischen Blick zu. Schließlich hat die Heimat zwei Seiten, wie die stilistisch wie inhaltlich vielfältige Kunstschau zeigt. Neben Liebeserklärungen an Weinheim erinnert die Installation „Heimatlos“ von Susanne Fucke daran, dass ihr Lederkoffer mit Inhalt für Menschen steht, die, wie einst die Familie von Theresia Schug, um ein Heimatgefühl ringen. Im Trubel der Vernissage legte eine Besucherin ein auf dem Boden liegendes Stofftier in den Koffer zurück. Es ist aber bewusst als Zeichen für das fragile Gefühl aus dem schützenden Behältnis gefallen.