Weinheim als Kirchenzentrum: Wie geht es nun weiter, Herr Pfarrer Dauer?
Die katholische Kirche steht vor einer bedeutenden Umstrukturierung. Aber was bedeutet das für Kirchengebäude, Sozialstationen und Co.?
Von Hemsbach im Norden bis Dossenheim im Süden: Weinheim wird neuer Mittelpunkt der katholischen Pfarreien. Dafür werden fünf Seelsorgeeinheiten zu einer einzigen Pfarrei „Bergstraße-Neckar-Odenwald“ zusammengefasst. Hintergrund ist die schwindende Finanzstärke der katholischen Kirche durch immer mehr Austritte, die bundesweit Strukturreformen, aber auch den Abbau von Personal sowie den Abwurf von Gebäudeballast notwendig machen. „In Weinheim wird man sich die Frage stellen: Was können wir noch finanzieren und was wollen wir uns noch leisten?“, erläutert Pfarrer Joachim Dauer im Gespräch mit unserer Zeitung.
Welche Seelsorgeeinheiten (SE) werden zusammengelegt?
Die Zusammenlegung erstreckt sich von der Seelsorgeeinheit Hemsbach im Norden bis zur SE Schriesheim-Dossenheim im Süden. Außerdem wird die SE Ladenburg im Südwesten und die SE Steinachtal im Südosten in die neue Pfarrei Bergstraße-Neckar-Odenwald integriert.
Wird sich die katholische Kirche noch alle ihre Gebäude leisten können?
Nein. Zumindest nicht auf lange Sicht. Noch ist nichts in Stein gemeißelt. Pfarrer Dauer kann aber in seiner eigenen Seelsorgeeinheit eine Einschätzung geben, welche Objekte „sicher“ sind und von welchen sich die neue Pfarrei am ehesten trennen müsste. Herz-Jesu-Kirche wäre hier ganz oben auf der Liste. „Sie ist im Stadtgebiet die Kirche, auf die man im Ernstfall am ehesten verzichten könnte.“ St. Laurentius gehört hingegen der Stiftung Pfälzer Katholische Kirchenschaffnei und ist außen vor. St. Marien wird Pfarrkirche des neuen Zusammenschlusses werden – hier wird der Sparhobel ebenfalls nicht angesetzt. Anders ist das beim Kirchenzentrum St. Josef Lützelsachsen. Hier würde jedoch an dem Kindergarten festgehalten werden (diese sollen generell unberührt bleiben). Das Gemeindezentrum Sulzbach steht auf der Kippe. St. Jakobus in Hohensachsen sehe Dauer hingegen nicht gefährdet. Ebenso wenig die Wallfahrtskirche in Leutershausen sowie das Gemeindehaus Christkönig Großsachsen. „Auf Deutsch gesagt: Uns brennt der Kittel nicht.“
Wie viele Mitglieder hat die katholische Kirche noch in der Region?
Pfarrer Joachim Dauer spricht von rund 36 000 Mitgliedern in der künftigen Großpfarrei Bergstraße-Neckar-Odenwald. In der Seelsorgeeinheit Weinheim-Hirschberg seien es circa 12 500. Die drei Stadtpfarreien der Kernstadt haben zusammen 6530 Mitglieder (Stand Februar 2023). Insgesamt, so das städtische Standesamt, waren es 487 Menschen, die ihren katholischen und evangelischen Glaubensgemeinschaften im vergangenen Jahr den Rücken kehrten (2021: 377). Vor zehn Jahren lag diese Zahl bei 243.
Wo liegt künftig der Mittelpunkt der katholischen Gemeinden?
Dreh- und Angelpunkt wird Weinheim sein. St. Marien in der Weststadt wird Pfarrkirche der neuen Einheit. „Die Entscheidung war relativ einfach, es spricht viel für die Kirche: Sie ist groß, behindertengerecht und es gibt viele Parkplätze“, erläutert Joachim Dauer.
Wer hat in der neuen Pfarrei den Hut auf?
Im Jahr 2026 wird es einen leitenden Pfarrer mit Sitz in Weinheim geben, der bereits Ende des Jahres ernannt werden soll. Ob Pfarrer Dauer sich auf die Stelle beworben hat? „Nein“, sagt er und lacht, „dafür fühle ich mich mit 62 Jahren mittlerweile zu alt.“ Der Bewerbungsprozess sei noch nicht abgeschlossen. Nach Ausschreibungskriterien werde es ebenfalls kein Geistlicher aus der Pfarrei Bergstraße-Neckar-Odenwald sein. Der leitende Geistliche in spe wird von außen kommen und einen Stellvertreter sowie einen Referenten haben. Außerdem wird es einen Geschäftsführer geben. Verwaltungssitz werde aller Voraussicht nach das Pfarrhaus St. Laurentius sein, in dem Joachim Dauer seine Wohnung hat. „Man könnte sagen: Ich plane mir gerade das Kissen unter dem Kopf weg“, scherzt der 62-Jährige. „Ein Wohnungswechsel ist für mich aber kein Problem, ich bin in meinem Leben schon oft umgezogen.“
Wie geht die katholische Kirche mit ihrer Personalsituation um?
Derzeit gibt es in den fünf Seelsorgeeinheiten 19 Pfarrer. Diese Zahl wird laut Dauer sinken. Dabei sei jedoch weniger die finanzielle Situation der Hintergrund. Stattdessen sei die dünner werdende Personaldecke schuld: „Es gehen mehr Pfarrer in den Ruhestand als nachrücken“, so der 62-Jährige. Deren Aufgaben müssten und würden immer mehr von Ehrenamtlichen übernommen werden. Beispielsweise wenn bei Sterbenden kein Pfarrer verfügbar ist. Das Sakrament der Krankensalbung (früher letzte Ölung) dürften Ehrenamtliche zwar nicht übernehmen, wohl aber den Sterbesegen geben. Mancherorts werden auch Beerdigungen bereits von Ehrenamtlichen durchgeführt.
Was bedeutet die Umstrukturierung darüber hinaus für das Angebot der Kirche?
Zwei Einsatzgebiete blieben in Zukunft unter allen Umständen von Rationalisierungen unberührt: die Kindergärten und die Krankenpflege. Darüber hinaus müsse es bei den Sozialstationen hingegen „Fusionen geben“, so Dauer. Die Anzahl an Messfeiern sei schon jetzt geringer als noch vor zwei Jahren. „Wenn die Pfarrer zurückgehen, gibt es auch weniger Gottesdienste“, sagt der Geistliche.
Wer entscheidet das alles eigentlich?
Auslöser ist der Prozess Kirchenentwicklung 2030. Im Bereich der Erzdiözese Freiburg soll dieser schon bis zum 1. Januar 2026 abgeschlossen sein. Im Bereich der neuen Großpfarrei Bergstraße-Neckar-Odenwald stellen zwei Kommissionen die Weichen für den Prozess. Die Arbeitsgruppe der Geistlichen hat Pfarrer Dauer zum Vorsitzenden, die der Pfarrgemeinderäte Dr. Antje Blank (ebenfalls aus der SE Weinheim-Hirschberg). Das grüne Licht für Entscheidungen muss dann aber schlussendlich das Erzbistum Freiburg geben.