"Weinheim macht Theater" mit großen Gefühlen
Ursula Buschhorn und Peter Kremer präsentieren in der Weinheimer Stadthalle „Love Letters“ - es ist ein Theaterstück im Hörspielformat.
Da sind sie wieder – die beiden Königskinder, die nicht zueinanderfinden können. Während in der alten Volksballade das tiefe Wasser, das zwischen ihnen liegt, die Erfüllung der Liebe verhindert, stehen sich in „Love Letters“ des amerikanischen Dramatikers Albert Ramsdell Gurney die beiden Protagonisten selbst im Wege. Seit der Uraufführung des Stücks im Jahr 1988 wird es auf vielen Bühnen gespielt. In der Weinheimer Stadthalle lasen und spielten sich am Freitagabend Ursula Buschhorn und Peter Kremer durch den lebenslangen Briefwechsel ihrer Figuren Melissa und Andrew.
Zwei Tische, zwei Stühle, etwas Wasser für die Stimmbänder der Darsteller: Mehr braucht es nicht für den knapp 90-minütigen Dialog auf beschriebenen Seiten. Briefwechsel stehen heutzutage eindeutig auf der Roten Liste der zwischenmenschlichen Verständigung. „Sie sind eine aussterbende Kunst“, sagt Andrew an einer Stelle des Dramas.
Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Schriftsteller von Weltformat wie Honoré de Balzac der Nachwelt durch seine leidenschaftlichen Briefe an Gräfin Hanska ein literarisches Vermächtnis hinterließ. Heutzutage heißt es, Geschriebenes auf Servern zu sichern, ehe es im Nirwana des Digitalen auf Nimmerwiedersehen verschwindet.
Daniel Glattauer hat deshalb seine Hauptfiguren Emmi Rothner und Leo Leike auch zeitgemäß durch eine E-Mail-Romanze geführt. Seinen Bestseller „Gut gegen Nordwind“ hatten Aglaia Szyszkowitz und Walter Sittler vor rund zehn Jahren – damals noch auf Einladung der Kulturgemeinde Weinheim – auf die Bühne der Stadthalle gezaubert. Doch die Parallelen zu „Love Letters“ sind sehr begrenzt, denn während bei Glattauer zwei vollkommen Unbekannte ein digitales Tête-à-Tête beginnen, lässt Gurney zwei freundschaftlich Verbundene im Briefe-Kosmos lebenslang umeinander kreisen.
Trotz ihrer gegenseitigen Anziehungskraft bleibt ihre Liebe unerfüllt. Ihre Umlaufbahnen verfehlen sich schon bei ihrem Beziehungsurknall in Kindheitstagen. Die ersten gewechselten Zettel verraten deutliche Unterschiede.
Melissa, Tochter aus reichem Elternhaus, vermisst ersehntes Familienglück, kompensiert fehlende Nähe und Wärme mit extrovertierten Auftritten und entwickelt sich zu einer gefragten Künstlerin. Ihre Affären mit Männern und ihre Ehe stehen unter keinem guten Stern. Ihre beiden Töchter wollen nach der Trennung nichts mehr von ihr wissen.
Während Melissa am Ende in einen Strudel der Depression gerät und auf das schwarze Loch zusteuert, hat sich der ehrgeizige, wohlerzogene und sportliche Andrew nach guten Schulabschlüssen und dem Dienst bei der Marine über eine Anwaltskarriere zum Senator hochgearbeitet. Dem glücklich verheirateten Politiker und Vater dreier Söhne kann inzwischen auch eine platonische Verbindung zu Melissa gefährlich werden. Er muss sich Telefonate verbieten, doch die Kraft der Worte, die in gut geschriebenen Briefen steckt, das Unausgesprochene zwischen den Zeilen, reicht der Gescheiterten nicht. Am Ende kann Andrew nur noch Melissas Mutter in einem letzten Brief seine Liebe zu ihrer verstorbenen Tochter offen gestehen.
Versierte Darsteller
Die schauspielerischen Möglichkeiten sind in „Love Letters“ beschränkt. Daran können auch zwei versierte Darsteller wie Ursula Buschhorn und Peter Kremer nichts ändern. Blickkontakt bleibt ihnen verwehrt. Durch das Lesen ihrer Briefe sind sie eingeschlossen wie in einem Kokon. Das Theater im Hörspielformat lebt von Betonungen, von Pausen, die beispielsweise Eifersuchtsszenen verstärken, wenn sich Schülerin Melissa darüber beschwert, dass ihr Freund Andrew bei einem Ball mit einer anderen tanzt. Andererseits bringen ihre Knutschereien mit anderen Jungs ihn auf die Palme.
Buschhorn sorgt im zweiten Teil des Stücks für ein paar optische Anreize. Ihre Briefe aus Florenz, wo sie sich als junge Frau ihrer Kunst widmet, liest sie mit Sonnenbrille und Kopftuch im Stil einer Sophia Loren. Später zieht sie die Zuschauer beim rasanten Verlauf von Melissas psychischer Krise in ihren Bann.
Kremer verwandelt sich lediglich mit dem Binden einer Krawatte und, indem er in ein Jackett schlüpft, zum karrierebeflissenen Politiker. Ansonsten setzt er auf differenzierte Betonung und liest zurückhaltend.
Buschhorn und Kremer holten aus dem thematisch zeitlosen Stück das heraus, was an Dramatik in ihm steckt. Der atmosphärisch dichte, oftmals von feinen Zwischentönen geprägte Briefwechsel hätte in der intimeren Atmosphäre der Studiobühne eine noch intensivere Wirkung entfaltet. Doch eine solch spontane Verlegung des Zuschauerbereichs von der Halle auf die Rückseite der Bühne ist wohl nicht ohne Weiteres möglich. dra