Weinheimer Autorin Ingrid Noll mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet
Die „Grande Dame des deutschen Kriminalromans“ hat in Weinheim die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik erhalten - nicht nur wegen ihrer Arbeit als Autorin.
Weinheim. Wenn Ingrid Noll zu einer Lesung oder – wie am Donnerstagvormittag im Bürgersaal des Alten Rathauses – zu einer Ehrung eintrifft, geht es ein bisschen zu wie in einem Bienenstock. Der Geräuschpegel steigt, alle möchten sie begrüßen, und weil das so ist, nahm die 89-jährige Erfolgsautorin bei der Feierstunde zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an sie das Heft selbst in die Hand. Begleitet von ihrem Sohn Biber Gullatz ging sie händeschüttelnd durch die Menge, ständig verfolgt von zwei Kameraleuten von SWR und RTL.
Den Menschen zugewandt
Die „Grande Dame des deutschen Kriminalromans“, wie Baden-Württembergs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski, die Schriftstellerin in ihrer Laudatio bezeichnete, eilte in den vergangenen Jahrzehnten durch die Veröffentlichung von 18 Romanen, die in 27 Sprachen übersetzt wurden, zwar von Erfolg zu Erfolg, blieb aber eine den Menschen zugewandte, sympathische, offene und humorvolle Literatin ohne Allüren, die auch im Supermarkt in der Nordstadt zurückgrüßt, wenn man sie beim Einkauf trifft. Die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland für besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem oder ehrenamtlichem Gebiet setzt den bisherigen Würdigungen von Ingrid Noll die Krone auf.
Botschafterin der Stadt
Die Stadt Weinheim, die ab 1967 zu ihrer Heimat wurde, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Dr. Peter Gullatz an die Bergstraße kam, weiß längst, was sie an ihrer herausragenden Autorin hat. Sie ist bei Auftritten in Talkshows und bei ihren Lesungen eine sympathische Botschafterin der Stadt, wie Oberbürgermeister Manuel Just in seiner Rede betonte.
Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Jahr 2023 an Ingrid Noll war eine logische Konsequenz. Außerdem hatte die Autorin zwei Jahre zuvor für eine zusätzliche touristische Attraktion gesorgt: Auf dem Ingrid-Noll-Weg sorgen digital abrufbare, von ihr eingesprochene Wortbeiträge an verschiedenen Punkten der Innenstadt für eine literarische Stadtführung.
Ehrungen für Ingrid Noll
1994: Friedrich-Glauser-Preis der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur.
2002: Verdienstmedaille des Landes Bandes-Württemberg.
2005: Glauser Ehrenpreis.
2016: Ehrenkommisarin der Bonner Polizei.
2019: Ehrenkriminalhauptkommissarin der Mannheimer Polizei.
2023: Ehrenbürgerin der Stadt Weinheim.
2025: Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Schirmherrin für Theatertage
Das Bundesverdienstkreuz wurde Ingrid Noll allerdings nicht nur für ihre schriftstellerische Leistung verliehen. „Sie sind eine tragende Kraft des ehrenamtlichen Engagements in Ihrer Stadt“, sagte Ministerin Petra Olschowski. Beispielhaft für dieses Engagement wurde ihre Schirmherrschaft bei den von der Bürgerstiftung Weinheim geförderten jährlichen Theatertagen der Weinheimer Grundschulen genannt. Zwischen 2014 und 2020 begleitete sie dieses kreative kulturelle Angebot an den Grundschulen und sprach als Ehrengast bei der Abschlussveranstaltung zu den Kindern. Zudem förderte sie bei Lesungen in Kindergärten oder Grundschulen bei ihren kleinen Zuhörern das Leseinteresse.
Wie erwartet, ließ die Weinheimer Ehrenbürgerin auch bei der Verleihung ihrer bislang höchsten Auszeichnung ihren Humor aufblitzen. In ihrer sehr persönlichen Dankesrede gewann sie sogar einem ihr unlängst widerfahrenen Unglück noch etwas Spaßiges ab. Die sich verfärbenden Flecken im Gesicht hätten sie infolge eines Sturzes zu einer wandelnden Litfaßsäule gemacht, die für das bunte Weinheim hätte werben können.
Anderer Eintrag im Netz
Gottlob wieder wohlbehalten konnte Ingrid Noll ihr Bundesverdienstkreuz entgegennehmen. Über das Jahr seiner Verleihung könnte es später einmal Unstimmigkeiten geben, denn obwohl ihr am Donnerstag Urkunde und Abzeichen überreicht wurden, wird in einem Eintrag auf Wikipedia im Internet das Jahr 2024 als Zeitpunkt der Verleihung aufgeführt.
Für die musikalische Gestaltung der Feierstunde erhielt ein Streichquartett der Musikschule Badische Bergstraße mit Olga Levinson, Carolina Blumenschein (beide Violine), Kathrin Lustig (Viola) und Ingibjörg Schwarze (Cello) viel Beifall von rund 60 Festgästen.